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Materialdienst 10/2010
Benjamin Idriz

Islamische Theologie in Deutschland

Voraussetzungen und Chancen

Der Vorstoß des Wissenschaftsrates vom Januar 2010 hat nicht nur die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit auf sich zu lenken vermocht, sondern auch die der islamischen Welt. Eine Meldung über die Entdeckung von Erdölreserven in Deutschland hätte dort vielleicht kein so großes Echo ausgelöst. Der Erfolg solcher akademischer Zentren wird jedoch maßgeblich von einem Geist der Erneuerung abhängen, der von muslimischen Wissenschaftlern und Institutionen ausgehen muss.

Die Wurzeln der islamischen Theologie

Der Prozess der Offenbarung des Korans, der auch die erste Entwicklungsphase der islamischen Theologie ist, berücksichtigte stark die sozialen Bedingungen, die in der arabischen Gesellschaft vorherrschten. Das heißt, die Offenbarung fiel nicht nur vom Himmel herab, sondern sie wuchs auch vom Boden hoch. Gott sprach zu den Arabern nicht nur in ihrer Sprache, sondern er bediente sich auch ihrer Kultur und Denkweise. Der erkenntnistheoretische Inhalt des Gotteswortes war ebenso göttlich wie menschlich. Neben dem Koran galt es auch das Wort des Propheten, die Sunna, zu achten. Diese Worte waren, soweit sie zur Verkündigung der Religion dienten, von universeller Gültigkeit, doch Muhammads Lösungen für die sozialen und politischen Fragen seiner Gesellschaft, also die Scharia, sind historisch bedingt.

Bald sah sich diese differenzierte Herangehensweise an die Grundlagen des Glaubens jedoch einem starren, ahistorischen Verständnis des Korans und der Sunna gegenüber. Die Lehre von der Unveränderlichkeit der beiden Glaubensquellen wurde zu einem Dogma, über das nicht mehr nachgedacht werden konnte: Das Heilige und das Weltliche wurden ununterscheidbar miteinander verwoben. Die traditionellen islamischen Wissenschaften traten in einem historischen Umfeld auf, das bestimmend war für die Struktur, die Methoden und die Ergebnisse jeder einzelnen Glaubensdisziplin. So gesehen kann man nicht behaupten, dass diese Wissenschaften in ihrer althergebrachten Form auf ewig unveränderlich seien. Im Gegenteil waren sie zur Zeit ihrer Entstehung bemüht, Lösungen zu entwickeln, indem sie die Offenbarung in Abhängigkeit vom kulturellen Charakter der Gegenwart neu formulierten. Heute haben wir andere Bedürfnisse und andere gesellschaftliche Strukturen; daher müssen sich auch die Gegenstandsbestimmungen, die Begriffe und Methoden dieser Wissenschaften weiterbewegen.

Eine dogmatische Theologie ist im 21. Jahrhundert nicht lebensfähig

Wenn in Europa und hier in Deutschland eine islamische Theologie auf die Beine gestellt werden will, so muss die klassische Theologie zugunsten einer anthropologischen Theologie zurücktreten. Obwohl der Koran die Offenbarung ist, also Gottes Wort, handelt er im Grunde vom Menschen. Daher hat eine vom Koran abzuleitende Wissenschaft keine Theologie zu sein, die sich auf Gott konzentriert, sondern eher eine Anthropologie, in deren Zentrum dann die Menschenrechte stehen würden. Es muss darum gehen, eine Verbindung zwischen der Lehre und der aktuellen Wirklichkeit herzustellen, also eine auf die Bedingungen unserer Zeit passende Antwort auf die Frage zu finden, was Gott gemeint hat, statt zu wiederholen, was er gesagt hat.

Wenn wir eine islamische Theologie in Deutschland etablieren wollen, so müssen wir das tun, indem wir uns vom Alten nicht völlig abkoppeln, sondern die Theologie mit neuen Methoden neu begründen. Die neue Grundlage wird meines Erachtens auf einer vierfachen Neubegründung der islamischen Theologie beruhen. Nur diese vier neuen Stützen können uns garantieren, dass die durch die Geschichte hindurch aufgrund des alten Bezugsrahmens entstandenen Fehler nicht wiederholt werden.

1. Das vertikale Verhältnis zwischen Gott und Mensch durch ein horizontales ersetzen

Als das erste Gebot des Korans, „Lies!“ (Sure 96,1), verkündet wurde, gab es noch keinen zu lesenden Text. So war damit eher gemeint: Versuche zu verstehen! – was Gott sagen will. Da Gott dem Menschen etwas von seiner eigenen Seele eingehaucht hat (Sure 15,29), ist der Mensch dasjenige Wesen, das Gott am nächsten steht. Der vorzüglichste Ort, Gott zu erkennen, ist das Gewissen des Menschen. Also besteht zwischen Gott und Mensch kein vertikales, sondern ein horizontales Verhältnis. Gott darf nicht als ein Wesen angesehen werden, das auf den Menschen von oben herabsieht, sondern als eines, das neben dem Menschen steht, in ihm und mit ihm zusammen ist. Für den Menschen ist Gott keine zu fürchtende Obrigkeit, sondern ein Freund, bei dem der Mensch Zuflucht vor seinen Ängsten sucht; für Gott ist der Mensch ein Partner, mit dem er die Welt aufbaut. Gott offenbart dem Menschen also keine fertigen Antworten, sondern er zeigt ihm Beispiele aus einer bestimmten gesellschaftlichen Wirklichkeit und verlangt von ihm, dass er daraus Schlüsse zieht und dadurch sein Bewusstsein schärft.

Ein Religionsverständnis und ein Glaubensdiskurs können nicht über Epochen hinweg ihre Gültigkeit behalten, wenn sie von einer vernunft- und seelenlosen Theologie geformt sind, die mit dem Gang der Dinge nicht Schritt hält, den Menschen nicht in ihr Zentrum setzt, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch auf die Furcht reduziert, Gott nicht als aktiv handelnden denkt, sondern seinen Text dogmatisiert und die Lösung jeglicher Fragen in dieses dogmatische Gottesverständnis einsperrt. Alle Disziplinen der islamischen Wissenschaften müssen auf die Liebe fokussiert sein. Die Liebe muss auch das Verhältnis zwischen Gott und Mensch bestimmen und nicht die Furcht oder der Hass. Das heißt, Liebe, Toleranz, Respekt und Gerechtigkeit müssen zum tragenden Element werden, in dem der Gelehrte die Verantwortung übernimmt, die Religion zu interpretieren und zu kommentieren.

2. Das vertikale Verhältnis zwischen Text und Vernunft durch ein horizontales ersetzen

Bevor Gott in historischer Reihenfolge die heiligen Texte offenbarte, hatte er bereits den Menschen und seine Vernunft erschaffen. In dieser Hinsicht geht die Vernunft dem Text voraus, denn sie ist schöpfungsgeschichtlich näher beim Menschen. Daher muss auch bei jeder Begründung die Vernunft als Bezugsrahmen den Vorrang haben. In der islamischen Geschichte haben texttreue Dogmatiker die Vorherrschaft in der Theologie errungen. Sie verteufelten im Namen der Herrschaft des Textes die Realität und die Vernunft, sodass die islamische Kultur in eine Erstarrung geriet. Doch es ist ohne Vernunft nicht möglich, einen Text zu verstehen, geschweige denn seinen tieferen Sinn zu ergründen. Daher muss die Vernunft in künftiger Arbeit an Texten den vorrangigen Platz bekommen, wenn es um die Quellen und Argumente geht. An zweiter Stelle kommt gleich die Überlegung, welchen Zweck und welches Ziel die Texte einmal hatten.

Nach der von al-Schatibi (1338) entwickelten Theorie der „Ziele der Scharia“ (maqasid al-scharia) ist es das Hauptziel des islamischen Rechts, folgende fünf Grundrechte zu schützen und zu erhalten: Glaube, Leben, Vermögen, Nachkommen und Vernunft. Hier handelt es sich, modern ausgedrückt, im Wesentlichen um die Grundrechte und -freiheiten der Menschen. Wir müssen die religiösen Texte im Einklang mit diesen fundamentalen Zielen interpretieren, um sie für unsere Gegenwart fruchtbar zu machen. Daher müssen Bestimmungen zur Zeugenschaft der Frau, zur Regelung der Erbschaft und zu bestimmten Strafen (z. B. Handabschneiden bei Diebstahl, Bastonade bei Ehebruch) im Sinne dieser Ziele und der Rechtsprechung revidiert werden. Texte, die solche Bestimmungen enthalten, sind nicht buchstabengetreu zu befolgen, sondern sie müssen im Hinblick auf ihre Zielsetzung und im Einklang mit der Natur des Menschen interpretiert werden. Denn die Scharia ist nicht dem menschlichen Gewissen übergeordnet, sondern beide ergänzen sich gegenseitig. Es darf keine religiöse Bestimmung geben, die das Gewissen nicht akzeptieren kann.

Nach diesem Grundsatz wird ein Rechtsverständnis, das die genannten fünf Grundziele der Scharia in den Mittelpunkt stellt, auch das Leben gegen Mord und Folter zu verteidigen wissen. Es wird außerdem genauso für die Grundrechte und -freiheiten des Menschen einstehen, wie es gegen den Raubbau von Naturressourcen vorgehen wird.

3. Das vertikale Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits durch ein horizontales ersetzen

Während der Koran dreimal so viel über die diesseitige Welt spricht wie über die jenseitige, entwickelte sich in den muslimischen Gesellschaften eine Überbewertung alles Jenseitigen. Die weltfremde, ja weltfeindliche Denkweise entfremdete den muslimischen Menschen der realen Welt.

Im Islam gilt der Grundsatz, dass „alles erlaubt ist, bis ein Verbot aufgestellt wird“. Freiheit ist die Regel, Verbot die Ausnahme. Doch die weltfeindliche Auffassung des Islam machte in ihrem Eifer ums Jenseits den Koran gleichsam zu einem Katalog der Verbote und Tabus. Unter der stetigen Furcht vor dem Jüngsten Tag schuf diese Frömmigkeit eine Geistlichkeit, die den Grundsätzen des Islam entgegengesetzt ist und die im Koran besonders stark hervorgehobenen der Menschheit dienlichen Taten auf die Einhaltung der Riten beschränkt. Dabei handelt es sich bei solchen Taten um jegliche Handlungen, die für die Menschen und die Umwelt vorteilhaft sind und die alle Bereiche des Lebens umfassen. Es ist genauso schön und tugendhaft, die Stimme gegen jedwede Unterdrückung zu erheben, wie das Singen des Gebetsrufes in einer kunstvollen Art und in moderater Lautstärke schön sein kann. Für eine gesunde, schöne, sichere und glückliche Welt braucht man genauso viel Zuwendung wie für das Jenseits, selbst wenn sie nur vorübergehend da ist. Das geschieht nur durch eine horizontale Verbindung zwischen beiden Welten, in der sie eine Ergänzung und Fortsetzung füreinander darstellen.

4. Das vertikale Verhältnis zwischen Religion und Staat durch ein horizontales ersetzen

Die Muslime regierten ihre Staaten im Laufe der Geschichte nach zwei verschiedenen politischen Modellen. Bei den Sunniten stand die Religion unter der Führung und Kontrolle durch den Staat, bei den Schiiten hingegen stand der Staat unter der Führung und Kontrolle durch die Religion. Beiden Modellen ist ein vertikales Verhältnis zwischen Staat und Religion gemeinsam. Gemeinsam ist ihnen der Zwang und die Manipulation, denen der Glaube ausgesetzt ist. Und beide haben jeweils eine Klasse von Geistlichen hervorgebracht, die im Islam nicht vorgesehen war. Die Geistlichen verfassten politische Schriften, um den Fortbestand ihrer Systeme zu sichern, und stellten darin die Themen ums Kalifat und Imamat in den Vordergrund, um gleichzeitig die ebenso politischen Themen wie Gerechtigkeit, Beratung mit dem Volk und Befähigung zur Führung eher auszublenden.

Das System der Einmischung der Religion in den Staat bzw. des Staates in die Religion führte zur Entstehung und Zementierung von Monarchien und Despotien teilweise bis in unsere Tage hinein. Der Zwang zum Beten, zum Tragen des Tschadors für Frauen, die Einmischung in die Lebensweise der Staatsbürger, die Unterdrückung der politischen Opposition und andere theokratische Praktiken haben nicht nur in der eigenen Bevölkerung Angst aufkommen lassen, sondern auch unter den Bürgern nichtmuslimischer Länder.

Was heute zu tun ist, besteht darin, die überkommenen Staatsmodelle wie das Kalifat und das Imamat in der Geschichte zu begraben und die wesentlichen islamischen Werte wie Gerechtigkeit, Recht, Freiheit, gemeinsame Beratung und Kompetenz so neu zu interpretieren, dass sie ein institutionelles Gewicht erlangen (Demokratie). Aus den Koranversen „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Sure 2,256) und „Herrsche mit Gerechtigkeit! das ist der Gottesfurcht näher“ (Sure 6,8) sind die Prinzipien von Freiheit und Gerechtigkeit abzuleiten. Daher kann der fundamentale soziopolitische Wert des Islam als Freiheit und Gerechtigkeit definiert werden. Die Zweckbestimmung des Staates ist die Verteidigung und Bewahrung dieses Wertes. Daher darf die Errichtung eines Glaubensstaates oder eines sogenannten Gottesstaates nicht zum Ziel gemacht werden; das Ziel ist vielmehr, eine Ordnung zu schaffen, deren Hauptanliegen die Wahrung der Freiheit und der Menschenrechte sein wird.

Dies kann weder mit der Kontrolle des Staates durch die Religion verwirklicht werden noch durch die Kontrolle der Religion durch den Staat. Die Alternative ist eine nicht vertikal, sondern horizontal angelegte Zusammenarbeit zwischen Religion und Staat, in der diese Instanzen einander mit Respekt behandeln, ohne in die Angelegenheiten der anderen einzugreifen. Das nennen wir in unserem Land: freiheitlich-demokratische Grundordnung und Rechtsstaat.

Die Praxis der islamischen Theologie

Im Blick auf die Errichtung einer islamischen Theologie und der Ausbildung von Imamen in Deutschland folgt aus dem Gesagten, dass es die Muslime selbst sein müssen, die diese Veränderungen in ihrem Bewusstsein vornehmen, sie leben und weitergeben. Den erfolgversprechendsten Rahmen dafür können zunächst „grass-root“-Initiativen schaffen, die genau dies leisten. Als eine solche Initiative versteht sich das Projekt „Zentrum für Islam in Europa – München“ (ZIE-M), das ein beeindruckendes Maß an Unterstützung erfährt, weil viele gesellschaftliche Gruppen und zumindest fast alle Behörden das Potenzial für einen Islam mit europäischem Gesicht in dem hier dargestellten Sinn verstanden haben. Das ZIE-M versteht sich eben nicht als ein weiteres Moscheebauprojekt; es strebt in erster Linie die Verwirklichung eines auf das Hier und Jetzt abgestimmten Miteinanders von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft an. Konkret sind dazu fünf Bausteine vorgesehen: ein soziales und kulturelles Zentrum zur Integration, eine repräsentative Moschee, eine öffentliche Bibliothek über Islam und interreligiösen Dialog, ein städtisches Museum und – natürlich als ein zentrales Element – eine islamische Akademie zur Aus- und Fortbildung von Imamen und Religionspädagogen und -pädagoginnen.

Von wesentlicher Bedeutung ist dabei zum einen, dass dem Selbstverständnis der Einrichtung entsprechend die Ausbildung von den ehemaligen Herkunftsländern der Muslime abgekoppelt und losgelöst stattfinden soll. Gleichzeitig kann an einer Einrichtung wie ZIE-M die theoretische Ausbildung von Anfang an von der Praxis begleitet werden. Sie findet im Umfeld einer lebendigen islamischen Gemeinde statt.

Damit soll nicht etwa gegen eine Etablierung islamischer Theologie an den Universitäten argumentiert werden – ganz im Gegenteil. Nur sollten wir damit nicht so lange warten, bis solche Einrichtungen aufgebaut sind. Wir müssen anfangen! Der Bedarf ist enorm, und Zeit wurde schon viel zu viel verloren. Die Grundsteine selbst für die höchsten Bauwerke werden immer unten gelegt. Wir hoffen alle, dass es einmal eine etablierte islamische Theologie mit Ausbildung an den staatlichen Hochschulen geben wird. Längerfristig ist eine Kooperation der universitären Einrichtungen mit Projekten wie dem ZIE-M vorstellbar, denn an der Basis wird der akademische Prozess seine Bodenhaftung finden. Die – das dürfen wir bei unserer Diskussion nie vergessen – wird letztendlich über den Erfolg all dessen entscheiden, was wir hier planen.

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