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Materialdienst 10/2010
Hans-Martin Barth

Sind wir aufgeklärt genug?

Glaube und Vernunft in Christentum und Islam

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Glaube und Vernunft haben eine lange Geschichte miteinander, und zwar im Christentum wie im Islam. Beide sind in die Krise geraten: der Glaube, sofern er sich von der Vernunft dispensiert hat – durch extremistische Ansätze wie den apokalyptischen Fundamentalismus in den USA oder den religiös sich legitimierenden Terror auf islamischer Seite; die Vernunft aber dadurch, dass sie sich ihrer selbst, ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer möglichen Grenzen nicht mehr sicher sein kann. Die Werbespots der „Atheisten-Busse“ in Berlin vermochten nur mitzuteilen, dass es „mit größter Wahrscheinlichkeit“ keinen Gott gibt. Grundsätzlich aber scheint das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft zerrüttet. Glaube und Vernunft sind einander fremd geworden.

Einander fremd

In Mitteleuropa scheint heute die aus der Werbung bekannte Devise „Ich bin doch nicht blöd“ eine Grundeinstellung zur Religion zu markieren. Es ist nicht nur das Kultbuch der DDR „Weltall, Erde, Mensch“, das hier seine Spätwirkung zeitigt. Eine moderne Spitzentechnologie wie die materialistisch ausgerichtete Hirnforschung leistet Schützenhilfe. Selbst dort, wo sie der Religion Raum zu geben versucht und mit der umstrittenen These vom Vorhandensein eines „Gottesmoduls“ argumentiert, bleibt sie ja radikal immanent. Religiöse Gefühle und Spekulationen mögen dann zur biologischen Ausstattung des Menschen gehören, aber sie führen keineswegs über den Horizont eines geschlossenen materialistisch gedachten Kosmos hinaus.

Die Vernunft scheint sich selbstständig gemacht und absolut gesetzt zu haben. Ihre Leistungen sind unübersehbar in allen Bereichen, von der Kommunikationstechnologie bis zum Makrokosmos, besonders aber in einem Bereich, der jedermann persönlich wichtig sein dürfte: in der Medizin. Dabei klingt das Wort „Vernunft“ antiquiert; eigentlich geht es um den Verstand und seine Leistungsfähigkeit. Die instrumentelle Vernunft, der menschliche Verstand, feiert Triumphe, und doch hat sich hier ein Unbehagen eingestellt. Denn es waren die rationalen Fähigkeiten, die es dem Menschen erlaubt hatten, eine Atombombe zu bauen oder binnen weniger Jahre sechs Millionen Juden zu vernichten. Schon Max Horkheimer hatte beklagt, dass eine „losgelöste Wissenschaft“ den „Menschen ohne Richtschnur“ gelassen und es so ermöglicht habe, dass Rationalität auch für das Schrecklichste eingesetzt werden konnte.2 Heute vermisst Jürgen Habermas „ein Bewußtsein von dem, was fehlt“, was ihn dazu gebracht hat, sich auf das Gespräch mit einem Kardinal einzulassen.3 Sollte sich die Entfremdung zwischen Glaube und Vernunft wieder überwinden lassen?

Verschwistert – verheiratet?

Es sind vor allem Stimmen aus der katholischen Kirche, die sich um eine Verbesserung des Verhältnisses von Glaube und Vernunft bemühen, gewichtige Stimmen, zwei Enzykliken, „Veritatis Splendor“ und „Ratio et Fides“, und neuerdings die Regensburger Rede Papst Bedendikts XVI. Die Vernunft, so fordert er, dürfe sich nicht selbst verstümmeln; sie solle ihre „Weite“ wiedergewinnen. Robert Spaemann sekundiert: „Vernunft heißt: Selbsttranszendenz, Öffnung zur Wirklichkeit.“4 Indem sich die Kirche gegen eine Verengung der Vernunft engagiere, mache sie sich zugleich zum Anwalt der Personalität des Menschen. André Glucksmann fällt ein, die Vernunft sündige heute „nicht mehr aus Überheblichkeit, sondern aus selbstmörderischer Entsagung“, weil sie sich für schwach hält und „auf ein Begreifen der Wirklichkeit verzichtet“.5 Zur Debatte steht bei diesen Einwänden natürlich der Begriff „Wirklichkeit“. Gibt sich die „Wirklichkeit“, etwa gar die Wirklichkeit Gottes, in der Weise zu erkennen, dass eine sachgemäß eingesetzte Vernunft sozusagen nur zuzugreifen braucht? Oder müssen wir mit Michel Foucault darauf verzichten, uns einzubilden, „dass die Welt uns ein lesbares Gesicht zuwendet“?6

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Anmerkungen

1 Es handelt sich um den Vortrag, den der Verfasser am 13.5.2010 beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München im Zentrum „Muslime und Christen im Dialog“ gehalten hat.
2 Andreas Pangritz, „Fides et Ratio“ – Ein neues Bündnis von Glaube und Vernunft? Kritische Rückfragen aus evangelischer Perspektive, in: Görge K. Hasselhoff / Michael Meyer-Blanck (Hg.), Religion und Rationalität, Würzburg 2008, 99-116, 113.
3 Jürgen Habermas, Ein Bewußtsein von dem, was fehlt, in: Michael Reder / Josef Schmidt (Hg.), Ein Bewußtsein von dem, was fehlt. Eine Diskussion mit Jürgen Habermas, Frankfurt a. M. 2008, 26-36.
4 Robert Spaemann, Gedanken zur Regensburger Vorlesung Papst Benedikts XVI., in: André Glucksmann u. a., Gott, rette die Vernunft! Die Regensburger Rede des Papstes in der philosophischen Diskussion, Augsburg 2008, 147-170, 164, 162.
5 André Glucksmann, Typhions Schreckgespenst, in: ders. u. a., Gott, rette die Vernunft!, a.a.O., 97-118, 114.
6 Zit. bei Robert Spaemann, Gedanken zur Regensburger Vorlesung, a.a.O., 161.

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