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Materialdienst 4/2002
Hans-Martin Barth

Shin-Buddhismus und evangelischer Glaube

Eine Auseinandersetzung mit Daisetz T. Suzuki

*

Buddhismus begegnet in vielfältigen Gestalten. Schon seit langem fiel die besondere Nähe zwischen Shin-Buddhismus und evangelischem Glauben auf.1 Der japanische Gelehrte Daisetz T. Suzuki (1870-1966), der durch zahlreiche Veröffentlichungen auch im deutschen Sprachraum bekannt geworden ist, hat in einem kleinen Text Shin-Buddhismus und Christentum miteinander verglichen.2 Ich möchte im Folgenden auf seine Darstellung reagieren. Suzuki benennt fünf Vergleichspunkte und beginnt - christlich gesprochen - mit der "Gotteslehre". Ich schließe mich seiner Problem-Anordnung an, obwohl christlicher Glaube mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus einsetzen würde.

1. Amida und der Gott Jesu Christi

1.1. Das Problem des Schöpfungsglaubens

Daisetz T. Suzuki findet, Amida entspreche in gewisser Weise der christlichen Vorstellung von Gott. Hier stellt sich allerdings bereits die Frage, ob es nicht sachgemäßer wäre, Amida eher als Entsprechung zu Christus zu verstehen - im Sinne einer bzw. der letztgültigen Manifestation transzendenter Heilsmacht.
 
Suzuki sieht den Unterschied nun vor allem in der buddhistischen Ablehnung der Vorstellung eines Schöpfers, den er nach dem Modell des Theismus interpretiert.
 
Christlicher Glaube muss jedoch den Schöpfer nicht notwendig personal-anthropomorph denken. In Aufnahme mystischer Tradition sieht z.B. P. Tillich Gott als das Sein-Selbst und in diesem Sinn als transpersonale Begründung alles Seienden. Aber schon das Bekenntnis zum dreieinen Gott verbietet eine anthropomorph-theistische Engführung. Gott als Schöpfer begründet und durchwirkt alles Seiende, und sein Schöpfungswirken ist von vornherein ausgerichtet auf Erlösung und Vollendung - dies will das Bekenntnis zum dreieinen Gott zum Ausdruck bringen. Aber aus buddhistischer Perspektive zeigt sich hier noch ein anderes Problem.

1.2. Das Theodizeeproblem

Suzuki stößt sich vor allem an dem im Schöpfungsglauben implizierten Theodizee-Problem: Gott werde so zur Letztbegründung auch des Bösen. Dieses aber sei ausschließlich Sache der karma-bedingten Individuen ("all our own doings", 58).
 
Für Christen und Christinnen bleibt hier allerdings die Frage nach der Erst-Entstehung von Karma offen - und die Vorstellung unbefriedigend, dass es etwas geben sollte, das mit dem letzten Grund des Seins, der durchaus als ein Jenseits von Sein und Nichtsein gedacht werden kann, schlechterdings nichts zu tun haben soll. Dies erscheint aus christlicher Sicht als dualistisch, was Suzuki offenbar akzeptiert, aber sozusagen in Kauf nimmt.
 
Im übrigen kann auch Suzuki Amida bezeichnen als "a kind of melting-pot of good and evil, in which faith alone retains its absolute value" (59). Warum sollte es dann unmöglich sein, Gott in Analogie dazu als Verursacher von Gutem wie Bösem zu denken, in dem gleichwohl die Liebe allein alles bestimmt?

Hinzu kommt die Frage, wie denn "gut" und "böse" zu definieren sind. Schon nach irdischer Erfahrung kann zunächst als böse Erscheinendes sich schließlich als sehr gut herausstellen; theologisch gesagt: Selbst die Sünde, die ich selbst auf mich lade oder einem anderen gegenüber begehe, kann für diesen oder für mich letzten Endes  heilsame Auswirkungen haben und zum Guten ausschlagen.

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Anmerkungen

* Überarbeitete Fassung eines Textes, der im März 2001 an der buddhistischen Otani-Universität in Kyoto/Japan vorgetragen und diskutiert wurde.
1 Vgl. Karl Barth, KD I/2, 373-377, sowie H.-M. Barth, E. Minoura, M. Pye, Buddhismus und Christentum. Jodo Shinshu und Evangelische Theologie, III. Rudolf-Otto-Symposion am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg in Zusammenarbeit mit der Otani-Universität, Kyoto, Hamburg 2000. Japanische Ausgabe Kyoto 2000.
2 Shin Buddhism and Christianity Compared,  in: E. Andreasen (Hg.), Popular Buddhism in Japan. Shin Buddhist Religion and Culture, Honolulu 1998, 58-62 (= Collected Writings on Shin Buddhism, Shinshu Otaniaha, Kyoto 1973, 57- 61). Die in Klammern genannten Ziffern beziehen sich auf die Ausgabe von E. Andreasen.

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