publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 8/2015
Gert Pickel

Angst vor "dem Islam" in Deutschland

Islamkritik, Islamfeindlichkeit, Islamophobie

Spätestens seit den in den Medien intensiv diskutierten „Pegida“-Demonstrationen wird die Frage, ob es sich bei den öffentlichen – oft negativen – Positionierungen zum Islam um bloße Islamfeindlichkeit oder berechtigte Islamkritik handelt, virulent. Sehen die einen in den Demonstrationen nur die nun sichtbar gewordene Speerspitze eines latent vorherrschenden Alltagsrassismus und einer weitgehend unbegründeten Islamfeindlichkeit, begründen die anderen ihre Haltung in konkreten sozialen und politischen Problemen, die durch den Islam weltweit und in Deutschland entstehen und bestehen. Neben konkreten Problemlagen an deutschen Schulen und in bestimmten Stadtteilen deutscher Großstädte verweist die zweite Gruppe v. a. auf die Vielzahl an Medienberichten über gewalttätige IS-Kämpfer in Syrien und islamistische Terroranschläge. Gerade die Medienberichterstattung scheint das Bild vom Islam und „den Muslimen“ in der deutschen Bevölkerung stark zu prägen. So ist die Einschätzung eines grundsätzlich Konflikte verursachenden Islam in Deutschland (und teilweise auch in anderen Staaten Europas) mehrheitstauglich. Das Gros der Bürger ist der Meinung, dass der Islam nicht „in die westliche Welt passt“.1 Seine Mitglieder scheinen vernünftigen und rationalen Argumenten gegenüber uneinsichtig zu sein. Zudem wirkt er unmodern. Dies ist eine Einschätzung, die er an verschiedenen Stellen mit den christlichen Konfessionen teilt – aber die in ihrer Skepsis noch erheblich über deren Beurteilung hinausgeht. So hat das westliche Christentum doch zumindest da und dort den Anschluss an die Moderne gefunden, wenn vielleicht auch nicht überall.

Kaum ein Thema wird in den letzten Jahren so emotionalisiert diskutiert wie die Auseinandersetzung über die Gefährlichkeit des Islam und seine fehlende kulturelle Passförmigkeit für moderne, liberale Demokratien. Und kaum ein Thema kann derzeit so starke abgrenzende Einstellungen gegenüber einer anderen Sozialgruppe hervorrufen. Da stellt sich die Frage, ob der Einbezug religiöser Zugehörigkeiten hier eine Rolle spielt. Warum werden gerade eine religiöse Sozialgruppe und deren gemeinsames Merkmal einer Religion als Referenzpunkt für ablehnende Äußerungen genommen? Natürlich führen nicht allein religiöse Zuschreibungen und die Thematisierung von Religion als generell gefährlich zu dieser Emotionalisierung. So ist eine Debatte über den Islam in seiner öffentlichen Ausführung nur schwer von Debatten über Integration, Migration und Asylrecht zu entkoppeln – zumindest in den Köpfen vieler Bürger. Und auch eine in Teilen der Bevölkerung bestehende diffuse politische Unzufriedenheit, die sich vor allem in einer weit verbreiteten Politiker- und Parteienverdrossenheit äußert, motiviert Menschen, sich aktiv auf der Straße zu zeigen.2 Gleichwohl erfolgt die Identifikation der Fremdgruppe, auf die sich Kritik, Sorge und Ablehnung konzentrieren, in starkem Umfang nach Gesichtspunkten einer religiösen Zugehörigkeit. So sind es dann „die Muslime“ und „der Islam“, die als Referenzgruppen bei der Adressierung kultureller und politischer Probleme genannt werden – und weit weniger genauso pauschale Sammelkategorien wie „die Ausländer“ (was noch in den 1970er und 1980er Jahren stärker der Fall war).

Die mit einer solchen Zuschreibung verbundenen Fragen zu religiösen Symbolen und Handlungen, wie zum Beispiel das Tragen von Kopftüchern oder die Schächtung von Tieren, beschäftigen dabei nicht nur die Öffentlichkeit, sondern sie haben auch ihren Eingang in den sich neu konstituierenden Bereich einer expliziten Religionspolitik gefunden.3 Man könnte sogar sagen, dass diese Debatten einen solchen Bereich politischer Auseinandersetzungen und Verhandlungen überhaupt erst hervorgerufen haben. Während noch bis vor wenigen Jahren niemand über so etwas wie Religionspolitik sprach und das Thema Religion innerhalb politischer Parteien aufgrund der scheinbar dominanten Säkularisierung – häufig etwas verschämt – als nachrangige Problemstellung behandelt wurde, scheinen religiöse Zugehörigkeiten und damit verzahnte Positionen nunmehr immer häufiger eine eigenständige Größe in politischen Debatten zu sein.4 Dabei geht es um das Verhältnis religiöser Gruppen zueinander, Konkurrenzen zwischen rechtlichen Ansprüchen der Religionsfreiheit und anderen Gesetzen sowie vermehrt um die übergeordnete Frage gesellschaftlicher Integration.

Entscheidend für diese Entwicklung ist, dass die religiöse Zugehörigkeit als relevantes Merkmal der Eigen- und besonders der Fremdzuschreibung im Bereich der politischen Kultur auftaucht. Wie bereits gesagt, nicht der Fremdarbeiter oder Immigrant ist derjenige, der im Fokus der Skepsis, ja Angst, der einheimischen Bürger steht, es ist vor allem „der Muslim“ und Angehörige einer islamischen Gemeinschaft. Größere Unterscheidungen zwischen den unterschiedlichen Richtungen des Islam sind den meisten Betrachtern nicht wirklich bekannt, geschweige denn deren theologische Ausrichtung. Muslime erscheinen ihnen als anders als man selbst, als fremd und dann scheinbar auch oft noch als potenziell gefährlich. Da stellt sich die Frage, ob es sich um pure gruppenbezogene Vorurteile (wie bestimmte Ausrichtungen in der Sozialpsychologie heißen) handelt, die sich aus Stereotypen und Ängsten ergeben. Islamkritiker, die sich auch wörtlich als solche verstehen, würden hier „nein“ sagen und auf die Realität der Vielzahl der Konflikte in der Welt und auch in Deutschland verweisen. Nach diesen zeigen die aggressiven Salafisten mit ihrer „Scharia-Polizei“ auch in Deutschland, dass der Weg des islamistischen Terrors des Nahen Ostens in das eigene Land kürzer ist, als mancher Politiker denkt. Und sind nicht islamistische Terroranschläge auch in Europa weit mehr als Hirngespinste von fanatischen Islamfeinden?

Egal welcher Deutungsrichtung man angehört, es herrscht weitgehend Konsens, dass in und aus den so entstehenden kontroversen Diskussionen ein erhebliches Problem für die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland erwächst. Ob eine Bedrohung dabei real vorhanden ist oder nicht, verblasst vor dem Hintergrund der so erwachsenden Gegensätze. Deutlich wird auch: Religion ist heute keineswegs mehr ein Randthema in weitgehend säkularisierten Gesellschaften, welches zwischen institutionalisierten Vertretern der christlichen Religion und einigen Vertretern humanistischer Verbände weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert wird. Religion ist, wenn schon vielleicht nicht Auslöser eines Kampfes der Kulturen oder im Sinne einer Rückkehr der Religionen auch in Westeuropa, zumindest ein hochvirulentes Problem, welches alle Bürger betrifft und zu dem sie eine Meinung ausbilden (müssen).5

Von skeptisch bis ablehnend

Dies wird nur zu deutlich, wenn man kursorisch die Einstellungen gegenüber der als besonders problematisch eingestuften religiösen Gruppe der Muslime in den Blick nimmt. Mit einfachen Worten gesagt, kann man die Haltung vieler Bundesbürger gegenüber „dem Islam“ und „den Muslimen“ als skeptisch bis ablehnend beschreiben. Die Zahl derer, die 2010 eher oder sehr negative Gefühle gegenüber Muslimen besaßen, dürfte sich auch heute nur unwesentlich verändert haben.6 Dies waren damals immerhin 60 % der Bundesbürger, wobei die negativen Aussagen in Ostdeutschland die in Westdeutschland noch leicht überstiegen.7 Deutlicher noch als in dieser allgemeinen Haltung wird die Distanzierung zum Islam in Deutschland in einzelnen Fragen deutlich, die sich auf die konkrete Integration von Muslimen im kulturellen Sektor beziehen: So wie sich drei Viertel der Deutschen explizit gegen Minarettbauten positionieren, sagen die gleichen 75 % nein zu islamischen Feiertagen in Deutschland. Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger sind nicht mit neuen Moscheebauten einverstanden, und genauso viele befürworteten 2010 sogar ein Zuwanderungslimit für Muslime.8 Ein Grund ist, dass man den Islam – und damit im pauschalen Übertrag „die zunehmende Zahl der Muslime“ – und damit die Muslime generell – als potenziellen Konfliktverursacher ausmacht, der zudem nicht in diese westliche Welt gehört.9 Diese 2010 bestimmbare Haltung hat sich auch in der Folgezeit nicht wesentlich verändert.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.


Anmerkungen

1 So wird die Aussage, der Islam passe nicht in die westliche Welt, in verschiedenen Umfragen, wie der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften 2012 oder dem Bertelsmann Religionsmonitor 2013, von zwischen 50 bis 70 % der Deutschen befürwortet. Ungefähr die gleiche Zahl an Befragten sieht ihn auch als potenziell gefährlichen Verursacher von Konflikten an. Vgl. Gert Pickel, Religiöser Wandel als Herausforderung an die deutsche politische Kultur, in: Zeitschrift für Politik 61/2 (2014), 136-159; ders., Religiöse Pluralisierung als Bedrohungsszenario? in: Katajun Amirpur/Wolfram Weisse (Hg.), Religionen – Dialog – Gesellschaft, Münster 2015, 19-55; Jürgen Leibold/Stefan Thörner/Stefanie Gosen/Peter Schmidt, Mehr oder weniger erwünscht? Entwicklung und Akzeptanz von Vorurteilen gegenüber Muslimen und Juden, in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Deutsche Zustände, Folge 10, Frankfurt a. M. 2012, 177-198.
2 So steht schon seit mehr als einem Jahrzehnt das Vertrauen in Politiker bei gerade einmal 10 %, und das Vertrauen in politische Parteien hält sich ebenfalls konstant unter 20 %. Auch andere Aussagen zu Politikern und Parteien unterstreichen das schlechte Allgemeinbild von diesen. Davon zu unterscheiden ist eine hohe Identifikation mit Demokratie im Allgemeinen und auch eine recht breite Zufriedenheit mit der Demokratie. Entsprechend ist es auch keine Politik-, sondern eben eine Politikerverdrossenheit. Vgl. Gert Pickel, Neue Entwicklungen der politischen Kultur, in: Marianne Kneuer (Hg.), Standortbestimmung Deutschlands: Innere Verfasstheit und internationale Verantwortung, Baden-Baden 2015, 155-194.
3 Vgl. Antonius Liedhegener, „Religionspolitik“ in Deutschland im europäischen Kontext, in: Zeitschrift für Politik 61/2 (2014), 123-135; Yolanda van der Noll, Public Support for Ban on Headscarves, in: International Journal of Conflict and Violence 4/2 (2010), 191-204.
4 So wurde lange davon ausgegangen, dass nun im Bereich der Religionspolitik verhandelte Probleme ihre Lösungen in der Bildungspolitik, Integrationspolitik und besonders Migrationspolitik besitzen. Vgl. Pickel, Religiöser Wandel (s. Fußnote 1), 138.
5 Vgl. Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen, Wien 1996.
6 Vgl. Detlef Pollack/Olaf Müller/Gergely Rosta/Nils Friedrichs/Alexander Yendell, Grenzen der Toleranz. Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in Europa, Wiesbaden 2014.
7 Vgl. Alexander Yendell, Muslime unerwünscht? Zur Akzeptanz des Islam und dessen Angehörigen. Ein Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland, in: Gert Pickel/Oliver Hidalgo (Hg.), Religion und Politik im vereinigten Deutschland. Was bleibt von der Rückkehr des Religiösen?, Wiesbaden 2013, 212-213; Pollack u. a., Grenzen der Toleranz (s. Fußnote 6).
8 Pickel, Religiöse Pluralisierung (s. Fußnote 1), 36; Yendell, Muslime unerwünscht? (s. Fußnote 7), 208.
9 Ebd., 210.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!