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Materialdienst 8/2015
Martin Grabe

Dämonen austreiben wie Jesus?

„Wie können wir klug werden im Umgang mit dem Bösen?“, lautete eines der Themen im Zentrum Weltanschauung auf dem Kirchentag in Stuttgart (4.6.2015). Im Folgenden dokumentieren wir das Statement des Psychotherapeuten Martin Grabe (Klinik Hohe Mark im Taunus). Er berichtet von den Verstrickungen, in denen Menschen gefangen sind, die glauben, sie seien dämonisch belastet. (Zu den anderen Beiträgen der Veranstaltung und zum Zentrum Weltanschauung insgesamt vgl. den vorstehenden Text.)


Wir haben in der Klinik oft mit Menschen zu tun, die sich als spirituell belastet erleben. Die Klinik Hohe Mark, in der ich die Psychotherapie- und Psychosomatik-Abteilung leite, ist als christliches Haus bekannt, weshalb überdurchschnittlich viele Menschen aus dem kirchlichen Raum zu uns kommen.


In der psychiatrischen Abteilung kommt bei den Schizophrenien jede Art von religiösem Wahn vor, auch nicht selten, dass sich ein Mensch als direkt vom Teufel beeinflusst erlebt. Bei schweren Depressionen, auch auf meinen Stationen, kommt häufig der unkorrigierbare Gedanke vor, die sogenannte Sünde wider den Heiligen Geist begangen zu haben, einen nie wieder gut zu machenden Fehltritt, der die ewige Verdammnis nach sich zieht. Beide Störungsbilder sind überwiegend neurophysiologisch bedingt, es geht um Transmitterverschiebungen im Hirnstoffwechsel, und lassen sich in den meisten Fällen unter gezielter Gabe des richtigen Medikaments in zwei Wochen ganz wesentlich bessern. Jedenfalls spricht der Teufel nicht mehr (wenn ich das aus Sicht der Patienten einmal so sagen darf), und die Angst vor der Hölle ist auch nicht mehr da.

Bei Zwangskranken kommen oft Zwangsgedanken in der Weise vor, dass der Betroffene immer wieder oft sexuell getönte Lästergedanken über Gott denken muss. Das Ganze ist in hohem Grade quälend, immer wieder, fast unablässig, versuchen die Patienten, durch neutralisierende Riten und Gebete das Ganze in den Griff zu bekommen. Es wird aber eher immer schlimmer. Besonders junge Männer sind hier oft betroffen. Sie haben, wenn sie aus dem christlichen Raum kommen, oft schon verschiedenste Seelsorgeanwendungen hinter sich, auch Befreiungsgebete und Exorzismen. Wer sonst, wenn nicht der Teufel, könnte sie so bedrängen? Wenn Betroffene zu uns kommen, erklären wir ihnen erst einmal, dass sie eine Zwangskrankheit haben, dass es viele Betroffene gibt und wir auch wissen, wie anstrengend das ist. Sie müssen furchtbare Monate durchgemacht haben, bevor sie gekommen sind. Dann lassen wir uns in Ruhe alles erzählen, auch die peinlichsten Zwangsgedanken. Allein zu hören, dass wir die Störung kennen, und zu spüren, dass wir den Betroffenen nicht für pervers oder dämonisiert halten, ist meist eine Riesenentlastung.

Sehr oft steht folgende Dynamik dahinter: Der Betroffene hat einen strengen, leistungsorientierten – oft auch streng religiösen – Vater gehabt. In der Symptomatik bestraft er sozusagen Gott als symbolischen Übervater, ist gleichzeitig aber auf der richtigen Seite, weil er sich ja nach Kräften gegen die Lästergedanken wehrt.

In der Therapie ist die Aufgabe, über das Erarbeiten der frühen Familiensituation dafür zu sorgen, dass die Wut an die richtige Stelle kommt. Erst wenn der Betroffene sich mit dem auseinandersetzt, was ihm sein dominanter Vater angetan hat, kann er Befreiung erleben. Gleichzeitig ist aber oft auch erstmals der Blick für eine eigenständige Gottesbeziehung frei, er kann plötzlich glauben, dass Gott ihn annimmt, sich über ihn freut wie über das verlorene Schaf. Man könnte also sagen: Hier war ein Vaterproblem im Rahmen intrapsychischer Abwehr auf die spirituelle Ebene verschoben worden und deshalb dort auch unlösbar. Da nützten alle Befreiungsgebete nichts.

Lügengeister austreiben

Bei allen therapeutischen Überlegungen – ich leite nun schon 17 Jahre diese Abteilung – sind wir allerdings noch nie auf eine Idee gekommen: dass wir es bei einem Störungsbild mit einem dem Menschen innewohnenden personhaften Dämon zu tun haben und ein Exorzismus die Methode der Wahl sein könnte. Wie ist denn das möglich? Wir arbeiten bewusst als Christen zusammen und kennen natürlich die biblischen Berichte über Dämonenaustreibungen, auch dass Jesus genau dieses Austreiben böser Geister als Erkennungszeichen seiner Jünger nennt (am Ende des Markusevangeliums). Lassen Sie es mich so sagen: Aus größerem Abstand gesehen machen wir in der Psychotherapieabteilung den ganzen Tag nichts anderes, als destruktive geistige Mächte auszutreiben.

Wenn Menschen zu uns kommen, dann hängt das, etwas zugespitzt gesagt, damit zusammen, dass sie in Lebenslügen verstrickt sind – so stark, dass sie sich zum Schluss gar nicht mehr bewegen konnten. Zum Beispiel könnte es darum gehen, dass jemand an einem erhöhten Leistungsanspruch gescheitert ist. Jetzt ist er schon seit Monaten depressiv, völlig fertig und ausgebrannt. Dann würde es bei uns darum gehen, woher dieser zerstörerische Anspruch kommt, wie und wann er in sein Leben hineingeschoben worden ist, wer das getan hat. Und in der Therapie würde es darum gehen, endlich seine erwachsene Kraft und seinen erwachsenen Verstand dafür zu nutzen, sich gegen diese toxischen Ansprüche aus der Kindheit zu wehren, endlich das „Innere Kind“ zu beschützen, sozusagen.

Es geht also tatsächlich darum, einen Lügengeist auszutreiben, z. B. fordernde oder strafende Elternstimmen, die der Betreffende immer noch in seinem Hinterkopf hat und die sein Leben bisher weitgehend deformiert haben. Es geht tatsächlich um eine starke und wirksame geistige Macht, die bisher in seinem Leben destruktiv tätig war und der endlich das Handwerk gelegt werden muss. Wir begleiten und stärken unseren Patienten darin, das selbst zu tun. Es sind oft bewegende Szenen, die sich da abspielen! Und viel Befreiung, die Menschen erleben.

Kulturelle Unterschiede zugestehen

In anderen Regionen unserer Welt nehmen Menschen Gesundheit und Krankheit anders wahr als wir. Der Anspruch an Heilung in unserer Kultur ist, dass es dabei wissenschaftlich und objektiv zugeht. Das ist bei unserer calvinistisch-rationalistischen Prägung auch nicht anders denkbar.

Nur in aller Kürze zwei kleine Wermutstropfen: Man weiß längst, dass in der Psychotherapie alles Verstehen, alle Modelle und Methoden längst nicht so viel bewirken wie die therapeutische Beziehung, eine völlig unobjektivierbare, subjektive und suggestive Größe. Und bei den ebenfalls so wissenschaftlichen Medikamenten gilt: 60 % der Wirkung unserer besten Antidepressiva wird auch durch Placebo erzielt, also durch Pillen, die überhaupt keinen Wirkstoff enthalten. Der überwiegende Teil der Medikamentenwirkung ist also Suggestion, Hokuspokus sozusagen. Das muss man sich mal klarmachen. Wir schlauen Westler sollten bescheiden bleiben.

Und wir sollten anderen Kulturkreisen auch zugestehen, auf andere Weise als wir suggestiv heilend auf Menschen einzuwirken, z. B. auch durch christliche Befreiungsrituale. Das ist in manchen Kulturkreisen das Mittel der Wahl und verantwortliches Handeln. So ist natürlich auch Jesus auf seinen Kulturkreis eingegangen. Deshalb hat er auf die in der Bibel beschriebenen Weise destruktive geistige Mächte ausgetrieben, und deshalb konnten ihn seine Jünger auch verstehen.

Was ist gefährlich an Befreiungsgebeten?

Jetzt ist mir wichtig, dass Sie mich nicht missverstehen. Das Gebet um Heilung ist etwas Wichtiges und Richtiges – und ebenso das Gebet um Befreiung vom Bösen. Wir haben es ja schon fest im Vaterunser verankert: und erlöse und von dem Bösen. Jesus sagt immer wieder, dass wir uns mit all unseren Anliegen vertrauensvoll an unseren Vater im Himmel wenden dürfen, und wir wären dumm, wenn wir nicht auch genau das täten.

Schädlich werden Befreiungsrituale leider oft vor allem aus zwei Gründen.

1. wenn in einem Befreiungsritual nicht wirklich hingeguckt wird, worum es eigentlich geht. Denken Sie an unsere christlichen Zwangspatienten im Beispiel eben, die oft schon diverse Rituale hinter sich haben. Es nützt dem Betreffenden nichts, wenn versucht wird, den „Lästergeist“ auszutreiben. Die Lästergedanken waren doch nur ein Symptom, ein Alarmsignal seiner Seele, dass etwas nicht stimmt. Ebenso wie eine Angstkrankheit oder eine Depression ein schrilles Alarmsignal sein können. Es nützt nichts, wenn man versucht, den Brandmelder zu bekämpfen. Man muss erst den Brandherd selbst suchen und finden, um sinnvoll arbeiten zu können, die eigentliche destruktive geistige Macht hinter der Störung. Das Austreiben des „Lästergeistes“ hilft nichts, weil es gar nicht die geistige Macht ist, um die es geht. Und der Betreffende fühlt sich anschließend umso nichtswürdiger und schuldiger, wenn die Lästergedanken gleich wieder da sind.

2. Im Besessenheitsmodell werden Verantwortung und Schuld grundsätzlich externalisiert. Der Betroffene ist Opfer, die Besessenheit ist ihm widerfahren, er braucht Hilfe. Und der Heiler ist das mächtige Werkzeug Gottes.

Leider ist es in vielen Gegenden der Welt, z. B. in Afrika und auch Südamerika, in vielen Gemeindeneugründungen aus dem charismatischen Bereich, aber vereinzelt auch in den traditionellen Kirchen, zu einem richtigen Heiler- bzw. Exorzistenkult gekommen. Wer für sich beansprucht, Dämonen austreiben zu können, hat viel Zulauf in der Gemeinde. Es entwickelt sich schnell eine merkwürdige Abhängigkeitsbeziehung. Gläubige nehmen immer häufiger Exorzismen in Anspruch, schließlich fast wöchentlich, weil sie jedes Problem als dämonische Belastung begreifen. Auf die Dauer sind sie immer weniger in der Lage, aktiv ihr Leben selbst zu ordnen. In der afrikanischen Kultur gibt es einen fast nahtlosen Übergang zum Geisterglauben der vorchristlichen Zeit, nur dass jetzt der mächtige Heilungspastor an die Stelle des Zauberers getreten ist.

In unserem Land ist das sicherlich nicht so extrem, schon deshalb nicht, weil wir nicht diesen Hintergrund des Glaubens an überall um uns herum tätige Geister haben. Aber auch hier sind Gemeinden, deren Leiter den sogenannten Befreiungsdienst in den Vordergrund stellen, gefährdet, in diese Macht- und Abhängigkeitsspirale zu geraten. Christentum ist anders gemeint. Christus hat uns ein für alle Mal erlöst. Und wer sich dessen bewusst ist, kann fröhlich durchs Leben gehen.

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