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Materialdienst 9/2002
Christof Gestrich

Das Böse in systematisch-theologischer Sicht

Eine Skizze*

*Vortrag, gehalten am 28. 11. 2001 auf der Fortbildungstagung der EZW in Berlin zum Thema "Zu Wirklichkeit und Wahrnehmung des Bösen".


Was das Böse ist, ist insofern evident als für jedermann erkennbar ist, wie Böses sich auswirkt. Auch wenn es auf leisen Sohlen oder maskiert auftritt, erweist es sich schließlich als eine finstere, lebensfeindliche, gefühllose, hassende, insbesondere menschenverachtende und gewalttätige, destruktive Macht. Aber wie es zum Bösen kommt und ob es verhinderbar, sogar besiegbar wäre, das ist strittig. Schopenhauer meinte beispielsweise, die Beseitigung eines Übels durch Menschen erzeuge gleich schon wieder das nächste; es sei daher nicht angebracht, von einem Übergewicht des Guten in der Welt zu sprechen.

Augustinus gab den Rat, man möge nicht verwundert fragen, wie es zum Bösen kommen konnte, sondern man solle verwundert fragen, woher denn das Gute stammt, worin es besteht und was es uns bedeutet. In seinem gemischt biblisch-neuplatonisch geprägten Denken hat Augustinus das Gute mit dem Sein gleichgesetzt. Die Schöpfung ist eo ipso Wohltat; das Erschaffene ist gut. Das Böse aber ist wie ein Schmarotzer am Guten. Es hat keine selbständige Existenz. Es ist nicht eine besondere böse Substanz, die innerhalb der Schöpfung auch gegeben wäre. Es ist nicht, sondern man findet es dort, wo ins Sein Löcher gerissen sind, wo es unterbrochen ist. Die Definition des Bösen ist privatio boni.

Diese Definition ist sehr vielsagend, sie scheint den ontologischen Minderrang des Bösen richtig zu treffen, und doch ist sie auch immer umstritten geblieben, weil immer wieder behauptet wird, das Böse sei eben doch eine eigene Setzung, eine eigenständige Wirklichkeit oder Macht. C. G. Jung hat sich beispielsweise dezidiert auf diese Seite geschlagen; und er hat entsprechend die privatio-boni-Theorie kritisiert.

Augustinus, bis heute der wichtigste Denker des Abendlandes, hat zugleich deutlich gemacht, dass Judentum und Christentum eine dualistische Weltsicht mit ihrem 'gut und böse' als falsch zurückweisen müssen. Hinter 'gut und böse' stehen nicht, wie z.B. die Manichäer lehren, zwei einander feindliche Wirklichkeitssphären, hinter denen wiederum zwei einander feindliche numina stehen würden. Vielmehr: Gott ist einer, er ist gut, er ist Schöpfer und Herr aller Dinge. Das Böse in der Welt ist nicht ohne seinen Willen, auch wenn er es eigentlich nicht will, sondern hasst, oder, wie Karl Barth in augustinischer Tradition formuliert hat, an ihm mit Verachtung vorübergegangen ist.

Die gewisse logische Inkonsistenz der Argumentation Augustins ist den biblischen Befunden geschuldet. Diese nötigen dazu, z.B. immer wieder zwischen Gottes Eigentlichkeit und Gottes Uneigentlichkeit, zwischen deus revelatus und deus absconditus zu unterscheiden und gleichzeitig zu versuchen, Gottes Einheit dennoch gedanklich zu wahren. Eben das ist die Schwierigkeit, die die dualistischen Lehren vermeiden können. Sie wollen nicht wie die von der Bibel geprägten Religionen dazu geführt werden, dass - erstens - dem Bösen keine eigene Wirklichkeit zuerkannt wird, es vielmehr als nichtig oder als Inbegriff eines Seinsmangels gilt, und dass - zweitens - der Mensch zum Sündenbock wird, um der nicht direkt dem Wollen Gottes zuschreibbaren Wirklichkeit des Bösen einen verantwortlichen Urheber zurechnen zu können. Soweit eine erste schnelle Hinführung in die für das Bedenken des Bösen bestehende Problemlage.

Ich will im Folgenden jetzt in drei Schritten mehr ins Einzelne gehen.

1. Zuerst will ich fragen, welche aktuellen Anlässe wir haben, nach dem Bösen zu fragen.

2. Als zweites will ich einige der biblischen Perspektiven auf das Böse nachzeichnen.

3. Zuletzt sollen knappe systematisch-theologische Thesen dargeboten werden.

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