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Materialdienst 8/2002
Volker Rittberger

Konflikt- und Gewaltpotentiale in den Weltreligionen?

Vortrag, gehalten auf der Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen zum Thema "Religionen und Gewalt" am 9.4.2002 in Berlin.

1. Einleitung: Die Besorgnis über religiös motivierte Gewalt in und zwischen Staaten

Wenn wir dem amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel Huntington glauben wollen, dann ging das Ende des Kalten Kriegs mit der Vertreibung der Menschheit aus einem Sicherheits-Paradies einher (Huntington 1993, 1996). Die globale Konkurrenz der Supermächte hat sich überlebt und mit ihr eine Epoche stabiler, auf Interessenausgleich bedachter Weltordnungspolitik. Was darauf folgen wird, ist eine Ära der Glaubenskriege. Nach Huntington werden religiöse Nationalisten in vielen Orten der Welt an die Macht gelangen und ihre Anhänger gegeneinander aufbringen. Christen werden gegen Muslime kämpfen, Muslime gegen Hindus, Hindus gegen Christen und so weiter. Die Welt wird sich in einem blutigen Prozess politisch neu ordnen, und am Ende stehen sich Glaubensgemeinschaften gegenüber, die sich mit Hilfe von Staaten und internationalen Allianzen den Vorrang streitig machen. Die Politik ist dann zur Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln geworden und der Krieg zum Gottesgericht.

Erste Vorboten der neuen Ära sieht Huntington in Bosnien und Tschetschenien, in Indien, Indonesien und Nigeria aufziehen. In diesen Ländern stehen sich bewaffnete, zum Kampf um den Primat ihrer Religion entschlossene Gegner unterschiedlichen Glaubens gegenüber. In Bosnien sind es katholische Kroaten, orthodoxe Serben und bosnische Muslime. In Tschetschenien kämpfen muslimische Rebellen gegen orthodoxe Russen, in Indien gehen Hindus mit Gewalt gegen Muslime und Christen vor, in Indonesien massakrieren sich Muslime und Christen gegenseitig, auch in Nigeria kommt es immer wieder zu blutigen Unruhen zwischen Angehörigen dieser Religionsgemeinschaften. Für was aber kämpfen diese Menschen?

Nach Huntington kämpfen sie für die Umkehrung des alten Prinzips "Ein Staat, eine Religion", das jetzt lautet: "Eine Religion, ein Staat". Die Durchsetzung dieses Prinzips wird in einer Welt, in der die meisten Staaten mehr als nur eine große Glaubensgemeinschaft umfassen, gewaltige Opfer fordern und von anhaltender Grausamkeit begleitet sein.
 
Diese These Huntingtons vom Beginn einer neuen Ära der Weltpolitik hat starke öffentliche Resonanz gefunden. Sie scheint auf den ersten Blick plausibel zu sein, denn in der Tat geht die Unterscheidung von 'Freund' und 'Feind' in zahlreichen Konflikten mit der Unterscheidung von 'gläubig' und 'ungläubig' einher. Außerdem sorgt der von Huntington behauptete Zusammenprall der sich vor allem über Religionen definierenden Kulturen für eine neue Übersichtlichkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Verbündete und Gegner werden im Koordinatenkreuz Huntingtons wieder erkennbar, und Politik wird erneut zu einer Überlebensangelegenheit. Unter solchen Bedingungen erscheint die Antwort auf die Frage, was auf der Weltbühne zu tun sei, vergleichsweise einfach: Es geht um die Stärkung der eigenen Sicherheit durch Verteidigungsfähigkeit, den Aufbau robuster Bündnisse und den materiellen wie ideellen Zusammenhalt mit Glaubensbrüdern und -schwestern in der eigenen Region wie in entfernten Regionen der Welt.

Im Folgenden unterziehe ich die These Huntingtons einer kritischen Analyse: Ich werde meine Auffassung darlegen und begründen, dass unsere Welt nicht zwangsläufig in eine Ära der Glaubenskriege eintreten muss. Denn zumindest bislang sind die meisten Konflikte in und zwischen Staaten auf handfeste politische und ökonomische Motive zurückzuführen. Gleichwohl bieten sich religiöse Überzeugungen und vor allem Unterschiede im religiösen Bekenntnis von Konfliktparteien für eine gewaltförderliche Instrumentalisierung durch die Eliten von Konfliktparteien an. Gelingt diese Instrumentalisierung, kann sie dazu führen, dass Auseinandersetzungen mit äußerster Härte ausgetragen werden und dass jede Form des Ausgleichs zwischen den Gegnern unmöglich erscheint. Ich werde daher im weiteren auf die Frage zu sprechen kommen, wie die mitunter gewaltsteigernde Kraft religiöser Unterschiede zwischen Konfliktparteien eingedämmt und vielleicht sogar ausgeschaltet werden kann.

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