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Materialdienst 3/2002
Freigeistige Bewegung

Preisverleihung an Karlheinz Deschner

(Letzter Bericht: 1993, 91 f u. 156 f) Karlheinz Deschner, wohl der bekannteste Kirchenkritiker unserer Zeit, wurde am 22. September 2001 in Bielefeld mit dem Erwin-Fischer-Preis ausgezeichnet. Verliehen wurde die Auszeichnung vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.). Der IBKA ist ein kleiner, jedoch reger Verein, der die Interessen der Konfessionslosen und Atheisten in Politik und Gesellschaft vertreten möchte.1 Gegründet wurde der IBKA bereits 1976 im damaligen West-Berlin.2 Wichtigstes publizistisches Standbein des Vereins ist das vierteljährlich erscheinende Magazin "MIZ - Materialien und Informationen zur Zeit. Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistINNen".3

Mit dem Erwin-Fischer-Preis erinnert der IBKA an eine Persönlichkeit, die sich engagiert für die vollständige Entflechtung von Kirche und Staat in der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt hat. Erwin Fischer  (1904 -1996) war Gründungsmitglied der Humanistischen Union und Autor des einflussreichen Buchs "Trennung von Staat und Kirche" (erste Auflage 1964). Im Jahre 2000 waren Ursula und Johannes Neumann mit dem Preis geehrt worden, ebenfalls zwei engagierte Kirchenkritiker.

Bei der Verleihung des Preises an Karlheinz Deschner hielt Ludger Lütkehaus, Literaturwissenschaftler an der Universität Freiburg, die Laudatio. Er führte u. a. aus, dass das Wort "Christenverfolgung" oft falsch verstanden werde: nämlich als Genitivus objektivus, als Verfolgung der Christen. Auf dem Hintergrund von Deschners Lebenswerk hält es der Laudator jedoch für angezeigt, das Wort "Christenverfolgung" als Genitivus subjektivus, als Verfolgung durch die Christen zu lesen, "während der Genitivus objectivus der 'Christenverfolgung' sich als veritable Geschichtsklitterung, ja, sagen wir es ruhig deutlich: als zynische Selektion unter den Opfern der Geschichte, als Vertauschung der Täter- mit der Opferrolle entpuppt".4

In seiner Dankesrede las Deschner aus dem 7. und neuesten Band seiner "Kriminalgeschichte des Christentums", der inzwischen unter dem Titel "Das 13. und 14. Jahrhundert" bei Rowohlt erschienen ist.5 Der 6. Band, über das 11. und 12. Jahrhundert, war 1999 in der FAZ kritisch besprochen worden. Der Rezensent schrieb damals: "Was Karlheinz Deschner … bietet, ist einerseits eine phantasiearme Kompilation des konventionellen Tatsachenwissens über das elfte und zwölfte Jahrhundert, andererseits das einsinnige Pamphlet eines Atheisten, der nicht einmal den Toten ihren Glauben gönnt." Und: Der Verfasser "trug seinen manischen Haß aufs Christentum an (den) Stoff heran und las nur das heraus, was sich ihm fügte".6

Mitte Januar 2002 wurde im Internet eine offizielle Seite von und über Deschner unter http://www.deschner.info/ eröffnet. Hier findet man wichtige Informationen zur Person und zu den umfangreichen Veröffentlichungen. Auch ein englischsprachiges Angebot ist vorgesehen. Eine eigene Rubrik wird sich mit Presse- und Leserstimmen befassen. Ob sich hier auch kritische Stimmen zu Deschners recht einseitiger Geschichtsbetrachtung finden werden, bleibt abzuwarten.

Anmerkungen

1 Vgl. www.ibka.org.
2 Zu den Einzelheiten vgl. den demnächst erscheinenden EZW-Text 162: Andreas Fincke, Freidenker -  Freigeister - Freireligiöse. Kirchenkritische Organisationen in  Deutschland seit 1989, Berlin 2002.
3 Vgl.
www.miz-online.de.
4 Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten (Hg.), "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen", Festschrift zur Verleihung des Erwin-Fischer-Preises  2001 an Karlheinz Deschner, Aschaffenburg 2001, 17.
5 Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Bd. 7: Das 13. und 14. Jahrhundert, Reinbek 2002, 656 Seiten.
6 Michael Borgolte, Schimpf über Papst und Kaiser, in: FAZ v. 27. September 1999, 55.

Andreas Fincke

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