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Materialdienst 7/2015
Klemens Ludwig

Der Dalai Lama - und danach?

Schon 2011 zog sich der Dalai Lama aus der Politik zurück, der Jurist Lobsang Sangay wurde Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung. Im September 2014 kündigte der Friedensnobelpreisträger an, es werde nach ihm möglicherweise keine weitere Reinkarnation geben. Hintergrund ist der Konflikt mit China, das auf die Nachfolge des Dalai Lama Einfluss nehmen will. So ergibt sich die paradoxe Lage, dass die Kommunistische Partei Chinas, die den Dalai Lama offiziell ablehnt, in dem Moment eine bedeutende tibetische Tradition verteidigt, in dem das geistliche Oberhaupt der Tibeter sie aufgeben will. Ein hoher chinesischer Funktionär befand am Rande des Nationalen Volkskongresses im März 2015: „Die Macht der Entscheidung über die Wiedergeburt des Dalai Lama ... liegt bei der chinesischen Zentralregierung.“ Tenzin Gyatso, die 14. Reinkarnation in der rund 450 Jahre alten Geschichte der Dalai Lamas, wird am 6. Juli 2015 achtzig Jahre alt. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir den folgenden Beitrag des Tibetkenners Klemens Ludwig.


 

Das tibetisch-buddhistische Konzept der Reinkarnation

Die Vorstellung von einem singulären Leben, wie sie in der abendländischen Tradition vorherrscht, ist der asiatischen fremd. Alle dort entstandenen großen Glaubenslehren gehen von einem geistigen Kontinuum über unzählige Leben aus, das sich so lange fortsetzt, bis Erleuchtung erreicht wird; manche Traditionen sprechen auch von Befreiung oder Erlöschen. Kaum jemand jedoch hat eine konkrete Vorstellung von seinem früheren Leben, und die in esoterisch-abendländischen Kreisen populären „Rückführungen“ sind den meisten Asiaten ausgesprochen fremd.

Eine Ausnahme bildet der tibetische Buddhismus. Er kennt das System der Inkarnationsreihen; das heißt, weit entwickelte geistliche Lehrer können nach ihrem Tode als Wiedergeburt ihres Vorgängers entdeckt werden und führen ihr Werk dann fort. Dabei geht es nicht um das Individuum, das vergänglich, ja aus streng buddhistischer Sicht ohnehin nur Illusion ist, sondern es geht um eine bestimmte Position, etwa Abt eines Klosters oder Oberhaupt einer Glaubensrichtung. Getreu dem Kreislauf der Wiedergeburten kehrt der Verstorbene in einem neugeborenen Kind zur Erde zurück. Die Suche nach ihm obliegt hohen Würdenträgern und verlangt große Anstrengungen. In manchen Fällen hat der Verstorbene bereits Hinweise auf seine Wiedergeburt hinterlassen; fehlen diese, zeigen Naturereignisse, Visionen oder Träume den Weg zur neuen Inkarnation. Ein wiedergeborener geistlicher Lehrer wird als Tulku bezeichnet.

Die Religionswissenschaftlerin Luana Laxy schreibt zum theologischen Hintergrund der Tulku-Idee: „Im späteren Mahayana-Buddhismus entwickelte sich die Vorstellung des Bodhisattva-Ideals, dem irdische, transzendente Wesen entsprechen, die zum Wohl aller Lebewesen wirken. Diese Bodhisattva-Wesen können u. a. menschliche Gestalt annehmen, um die Lehre des Buddhas zu verkünden. Im tibetischen Buddhismus entstand auf dieser Grundlage zu Anfang des 13. Jh. das Tulku-System, das … in der Personifizierung des XIV. Dalai Lama und des XVII. Karmapas bekannt ist.“1

Während der Dalai Lama erst relativ spät in der tibetischen Geschichte auftauchte, war die Schule des Karmapa – die Kagyüpa (oder Karma-Kagyü) – die erste, die das Tulku-System praktizierte. Sie war von Guru Marpa (1012 – 1090) gegründet worden, dem ersten bedeutenden tibetischen Lehrer des Buddhismus; seine Vorgänger waren allesamt aus Indien auf das Dach der Welt gekommen. Bei den Kagyüpa spielen Yoga und Meditation eine besondere Rolle, und die Yogis sind nicht dem Zölibat unterworfen.

Zu der Zeit gab es noch drei andere Schulen: 1. Die Nyingmapa, die sich auf Padmasambhava (8. Jahrhundert, genaue Daten unsicher) berufen, den ersten buddhistischen Missionar in Tibet, der aus Kaschmir stammt. Magische Praktiken sind in der Tradition weit verbreitet. 2. Die Kadampa, die auf den indischen Missionar Atisha (958 – 1054) zurückgehen, der im frühen 11. Jahrhundert den Grundstein zum Siegeszug des Buddhismus in Tibet gelegt hatte. Sie misst der geistigen Entwicklung, insbesondere dem Studium der Mahayana-Philosophie, große Bedeutung bei. 3. Die Sakyapa, im späten 11. Jahrhundert entstanden, betonen eher den intellektuellen Aspekt und steuerten wichtige Beiträge zur buddhistischen Logik und Dogmatik bei.

Diese Schulen bekämpften sich häufig, übten weltliche Macht aus oder paktierten mit selbiger. Gegen die Säkularisierung des Glaubens wandte sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein Mann, der zum einflussreichsten religiösen Reformator in Tibet avancierte, Martin Luther durchaus vergleichbar. Tsongkhapa Lobsang Dragpa, geboren 1357, zeigte schon früh ein ausgeprägtes Interesse am Buddhismus und trat in ein Kloster ein. Die Kluft, die zwischen Buddhas Lehre und der Praxis vieler Mönche klaffte, befremdete ihn jedoch, und so ging er mit 16 Jahren auf Wanderschaft und verfasste zornige Anklagen gegen den Missbrauch des Buddhismus. Dabei stieß er auf große Zustimmung vor allem unter den jungen Mönchen. Sie teilten seine Kritik ebenso wie seine wichtigste Botschaft, die da lautete: Zurück zu den buddhistischen Wurzeln!

Auf dieser Basis gründete Tsongkhapa „die Schule der Tugendhaften“, tibetisch Gelugpa. Wie der Name verrät, bestimmten strenge Disziplin und eine Abkehr von weltlichen Dingen die Praxis des neuen Ordens. Bei alledem ging Tsongkhapa mit gutem Beispiel voran, was den Zulauf für die neue Schule noch verstärkte. Von den existierenden Schulen schlossen sich die Kadampa der Reform an und gingen in den Gelugpa auf.

Die Reinkarnationsreihe des Dalai Lama

Die Erfolge der Gelugpa inspirierten die Mongolen, damals noch eine wichtige Macht in Zentralasien. 1577 rief der Mongolenfürst Altan Khan den Abt des großen Klosters Drepung, Sonam Gyatso, zu sich. Er sollte die Mongolen zum Buddhismus bekehren. Im Gegenzug bot Altan Khan seine militärische Unterstützung in den internen Auseinandersetzungen an, die Tibet seit Jahrhunderten nicht zur Ruhe kommen ließen.

Sonam Gyatsos Mission war überaus erfolgreich. Nicht nur der mongolische Hof, auch die Mehrheit der Bevölkerung bekannte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum Buddhismus. Aufgrund seiner Ausstrahlung verlieh Altan Khan Sonam Gyatso den Titel Dalai Lama, was zumeist mit „Lehrer des Weltmeeres“ oder „Ozean der Weisheit“ übersetzt wird. Wörtlich bedeutet der mongolische Begriff „Meeres-Lama“, und er greift damit den Herrschertitel „Dalai Yinqan“ auf, was „Meeres-Kaiser“ bedeutet und die Universalität des mongolischen Machtanspruchs unterstreichen sollte.2 So wie der Kaiser in weltlichen Angelegenheiten von Meer zu Meer herrschte, so tat es das tibetische Oberhaupt im spirituellen Bereich.

Um als Autorität legitimiert zu werden, benötigte der Dalai Lama eine Inkarnationslinie. Also wurde seinen beiden Vorgängern als Äbte von Drepung der Titel nachträglich zugesprochen. Der 1. Dalai Lama wurde demnach Gedun Drubpa, der Lieblingsneffe des Reformators Tsongkhapa.

Streng genommen ist der Dalai Lama gar nicht das geistliche Oberhaupt der Tibeter, doch seit seine Schule mithilfe der Mongolen im 17. Jahrhundert die Macht über Tibet erlangt hatte, wird er als geistliches und weltliches Oberhaupt angesehen. Die anderen Traditionen des tibetischen Buddhismus haben ihre eigenen Oberhäupter.

Beginn der chinesischen Einflussnahme

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts, nach dem Tod des 6. Dalai Lama, wurde das Dach der Welt einmal mehr von kriegerischen Auseinandersetzungen heimgesucht. Die Mongolen entwickelten sich immer mehr zu Zwangsherrschern, plünderten Klöster und versuchten, unmittelbar Einfluss auf die Auffindung des Dalai Lama zu nehmen. In seiner Not wandte sich der Regent, der nach dem Ableben eines Dalai Lama bis zur Inthronisierung des neuen die Amtsgeschäfte ausübt, an den großen Nachbarn im Osten, die Chinesen. In Peking hatte kurz zuvor die Qing-Dynastie den Drachenthron bestiegen. Träger der Qing-Dynastie waren nicht ethnische Chinesen, sondern die Mandschu, ein Volk im Nordosten des chinesischen Staatsgebiets. Ein tibetisch-chinesisches Truppenkontingent vertrieb schließlich die Mongolen vom Dach der Welt. Damit hatte der Regent sein Ziel erreicht, der 7. Dalai Lama konnte sein Amt antreten; doch gleichzeitig war die Saat für einen neuen Konflikt gelegt, der das Schicksal Tibets und des Dalai Lama auf tragische Weise bis in die Gegenwart bestimmt.

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Anmerkungen

1 Luana Laxy, Tibet ohne einen XV. Dalai Lama? Die Zukunft des Tulku-Systems aus Sicht von Exiltibetern aus Asien und Europa, Berlin 2013, 21.
2 Zu der Begriffserläuterung siehe u. a. Karénina Kollmar-Paulenz, Kleine Geschichte Tibets, München 2006, 106.

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