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Materialdienst 6/2015
Friedmann Eißler

Zur Situation der Eziden

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Frauen und Mädchen werden verschleppt, misshandelt, vergewaltigt, versklavt. Menschen kämpfen ums nackte Überleben. Der Existenzkampf der religiösen Minderheiten in den umkämpften Krisengebieten des Nordiraks und Syriens ist von unerträglichem Leid gezeichnet. Neben Christen und Schiiten sind besonders die Eziden betroffen, deren Hauptsiedlungsgebiet in Shingal (Nordirak) vom sogenannten „Islamischen Staat“ eingenommen oder bedroht ist. Es könnte das Ende eines Volkes und seiner Religion bevorstehen, fürchten nicht wenige.

Anfang August 2014 sprach die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) von einem beginnenden Völkermord. In den nordwestirakischen Sindschar-Bergen waren bis zu 50000 Eziden von der Umwelt abgeschnitten und vom Tod durch die IS-Milizen oder durch Hunger und das schutzlose Ausgeliefertsein an die klimatischen Bedingungen bedroht. Viele Eziden waren zuvor von Syrien in den Irak geflohen. „Die islamistische Terrorgruppe IS hat seit Anfang Juni mindestens 500000 Yeziden, christliche Assyrer/Aramäer/Chaldäer, Shabak und sunnitische, schiitische sowie Kakai-Kurden vertrieben. Tausende wurden getötet oder verschleppt. Viele Nicht-Muslime wurden und werden unter Anwendung von Gewalt zum ‚wahren Islam‘ gezwungen.“2

„Der Hölle entkommen“ lautete der Titel eines Berichts, den Amnesty International im Dezember 2014 veröffentlichte. Er wertete Interviews mit ezidischen Frauen und Mädchen aus, die nach eigenen Angaben aus IS-Gefangenschaft fliehen konnten. Die Aussagen belegen die äußerste Brutalität, mit der die IS-Anhänger vorgehen. Viele der als Sexsklavinnen gehaltenen Ezidinnen seien nicht älter als 14 oder 15 Jahre, einige jünger.3

Derzeit werden nach und nach rund 650 Frauen und Mädchen aus Syrien und dem Nordirak nach Baden-Württemberg gebracht, die meisten von ihnen Ezidinnen. Das Bundesland legte ein 30 Millionen Euro umfassendes Sonderprogramm auf, um IS-Opfern therapeutisch zu helfen.

Zur Zeit der äußersten Zuspitzung der Ereignisse kam es zu Ausschreitungen gegen Eziden in Deutschland.4 So gingen in Herford Eziden und Muslime, darunter Sympathisanten des IS, mit Waffen aufeinander los. Vorausgegangen war eine Attacke gegen Eziden, die zu einer Demonstration gegen den IS aufgerufen hatten. Rainer Hermann schrieb in der FAZ: „Wer geglaubt hatte, dass uns weder der Bürgerkrieg in Syrien etwas angehe noch die Barbarei des ‚Islamischen Staats‘ im Irak, wird jetzt eines Besseren belehrt. Wie weit entfernt Karakosch, das bis Mitte der Woche das Zentrum der irakischen Christen war, und Sindschar, der Berg der Yeziden, auch liegen mögen: Was dort geschieht, wirkt sich auch in Deutschland aus. Seit Sympathisanten des ‚Islamischen Staats‘ in Herford auf offener Straße Yeziden angegriffen haben, sind Karakosch, Sindschar und Herford nicht mehr zu trennen.“5

Eziden stehen als nichtmuslimische Kurden doppelt unter Druck. Lange Zeit geschahen Diskriminierung und Verfolgungen, ohne von einer größeren Öffentlichkeit beachtet zu werden. Von der muslimischen Umgebung wurden und werden die Eziden landläufig als „Ungläubige“ und „Teufelsanbeter“ betrachtet.6 Ein Versuch von muslimischer Seite, sie angesichts der Gräueltaten des IS als zu schützende Minderheit darzustellen und sich damit auch gegen bislang übermächtige islamische Traditionen zu wenden, war zuletzt der „Offene Brief an al-Baghdadi“ von über 120 islamischen Gelehrten, der an Abu Bakr al-Baghdadi, den Anführer des „Islamischen Staates“, gerichtet war.

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Anmerkungen

1 Zur Schreibweise „Eziden“/„Ezidentum“: Es gibt keine einheitliche Schreibweise. Las man früher und in wissenschaftlichen Publikationen vorwiegend „Yeziden“, englisch „Yazidis“, scheint sich neuerdings im deutschsprachigen Raum „Jesiden“ durchzusetzen. Da zu den hartnäckigen Vorurteilen gegenüber Eziden neben „Teufelsanbeter“ auch die Verehrung des besonders schlecht beleumundeten umayyadischen Kalifen Yazid ibn Mu’awiya (644 – 683) gehört („Yazid/Yezid-Anhänger“), übernehmen wir ab jetzt die inzwischen von der Mehrheit der Eziden gebrauchte Schreibweise, die sich an der kurdischen Selbstbezeichnung orientiert (Êzîdî/Ezda/Ezdayî „Der, der mich erschaffen hat“).
2 Gesellschaft für bedrohte Völker, Irak: Yeziden, Christen und Kurden benötigen unseren Beistand!, 25.8.2014, www.gfbv.de/pressemit.php?id=4098&stayInsideTree=1&backlink=volk.php?id=30 (alle Internetseiten in diesem Artikel zuletzt abgerufen am 2.5.2015).
3 Vgl. Deutsche Welle, Amnesty: Jesidische Frauen von IS-Kämpfern versklavt und misshandelt, 23.12.2014, http://dw.de/p/1E91I.
4 Siehe Friedmann Eißler, Yeziden nicht nur im Irak bedrängt, in: MD 10/2014, 389f.
5 Rainer Hermann, Krawalle zwischen Yeziden und Islamisten – Wegschauen geht nicht mehr, FAZ vom 8.8.2014, www.faz.net/aktuell/politik/inland/krawalle-zwischen-yeziden-und-islamisten-wegschauen-geht-nicht-mehr-13086739.html.
6 Siehe dazu im nachfolgenden Beitrag S. 212.

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