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Materialdienst 6/2015
Antonia Graichen

Das Ezidentum

Monotheistische Religion rund um den Engel Pfau


Zur Schreibweise „Eziden“/„Ezidentum“: Es gibt keine einheitliche Schreibweise. Las man früher und in wissenschaftlichen Publikationen vorwiegend „Yeziden“, englisch „Yazidis“, scheint sich neuerdings im deutschsprachigen Raum „Jesiden“ durchzusetzen. Da zu den hartnäckigen Vorurteilen gegenüber Eziden neben „Teufelsanbeter“ auch die Verehrung des besonders schlecht beleumundeten umayyadischen Kalifen Yazid ibn Mu’awiya (644 – 683) gehört („Yazid/Yezid-Anhänger“), übernehmen wir ab jetzt [Materialdienst 6/2015] die inzwischen von der Mehrheit der Eziden gebrauchte Schreibweise, die sich an der kurdischen Selbstbezeichnung orientiert (Êzîdî/Ezda/Ezdayî „Der, der mich erschaffen hat“).

Eziden1 sind mehrheitlich ethnische Kurden, die wiederum zum größten Teil dem Islam angehören. Ihre Siedlungsgebiete befinden sich innerhalb des kurdischen Verbreitungsraumes und verteilen sich damit auf die Länder Irak, Syrien, Türkei und Iran. Das Hauptsiedlungsgebiet ist der Nordirak rund um das religiöse Zentrum Lalish. Infolge von Migration leben Eziden außerdem in Armenien, Georgien und Russland, mittlerweile auch mindestens 100000 in Deutschland. Daneben leben Eziden in anderen europäischen Staaten und Nordamerika. Weltweit gibt es schätzungsweise 0,8 bis 1 Million Eziden. Ihre religiöse Sprache ist Kurdisch respektive Kurmandschi, der Dialekt, der in den Ursprungsgebieten gesprochen wird.

Ursprung und Geschichte der Eziden ergeben in der Forschung ein lückenhaftes, verworrenes Bild. Gesichert scheint, dass das Ezidentum eine vergleichsweise sehr alte Religion ist, die sich aus einem Konglomerat alter Religionen in Kurdistan und Mesopotamien sowie dem Zoroastrismus herausbildete,2 aber auch von asiatischen, syrischen und arabischen Religionen, hellenistischen Religionen und Mysterienkulten, gnostischen, jüdischen, christlichen und islamischen Vorstellungen beeinflusst wurde.

Die Glaubensinhalte, die im folgenden Kapitel dargestellt werden, ergeben kein einheitliches Bild. Dies liegt allerdings in der Natur des Ezidentums: „Es gibt wenig Einheitliches, kaum Verbindliches und nur wenig Verbindendes.“3 Düchting nennt als Gründe dafür zum einen die Vertreibungen der Eziden in der Geschichte und die daraus resultierende geringe Kommunikation der in der Diaspora lebenden Eziden, deren Glaube sich in verschiedenen Kontexten jeweils unterschiedlich entwickelte. Zum anderen erklärt er die Vielfalt mit dem Fehlen von Theologen und einer theologischen Institution sowie mit einer fehlenden Kanonisierung der Lehre durch eine verbindliche, schriftliche Fixierung der religiösen Überlieferung.4 Nach Kreyenbroek definieren sich Eziden viel mehr über die Orthopraxis, das religiöse Handeln gemäß ihren Traditionen, als über dogmatische Lehrsätze oder ein explizites System ihrer religiösen Vorstellungen.5

Die folgenden Ausführungen müssen schon allein aus diesen Gründen unvollständig bleiben, die allgemein im Ezidentum geglaubten Grundsätze lassen sich aber so zusammenfassen: Das Ezidentum ist eine nicht missionierende, monotheistische Religion mit Jahrtausende alten Wurzeln. Nach ezidischen Vorstellungen ist Gott allmächtig, weshalb auch keine zweite, böse Kraft neben ihm existieren kann. Damit einhergehend besteht die Vorstellung der Selbstverantwortlichkeit des Menschen, der je nach seinem Handeln nach seinem Tod durch eine Seelenwanderung einen neuen Zustand erreicht. Zentrale Bedeutung kommt in den Glaubensvorstellungen Tausi Melek zu, der nach der ezidischen Schöpfungsmythologie das Oberhaupt von sieben Engeln und der Stellvertreter Gottes ist.

Religiöse Inhalte und Glaubensgrundlagen

Die Eziden glauben an einen einzigen Gott, Xwede („Herr“ oder „Der sich selbst erschaffen hat“), sind also Monotheisten.6 Gott wird als Prinzip der Güte und des Glücks verehrt. Er ist allmächtig, Schöpfer der Welt, der aber nicht mehr aktiv in der Schöpfung tätig ist, sondern seine Macht den sieben Erzengeln, allen voraus Tausi Melek, übertragen hat.

Tausi Melek ist den Schöpfungsmythen der Eziden nach der erstgeschaffene und oberste Engel, die unumstritten zentrale Figur im Ezidentum. Melek bedeutet Engel, Taus ist das Kurmandschi-Wort für Pfau.7 Daher der Pfau als das Symbol der Eziden. Die Schöpfungsmythen schreiben Tausi Melek eine Bedeutung als eine Art Stellvertreter Gottes zu.

In unterschiedlichen Mythen zur Beziehung zwischen Gott und dem obersten Engel werden die Rebellion und die Ergebenheit des Engels in der Geschichte rund um den ersten Menschen Adam, von dem die Eziden direkt abstammen sollen, thematisiert. Tausi Melek wurde in diesem Zusammenhang auch als gefallener Engel bekannt.

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Anmerkungen

1 Zur Begriffsgeschichte siehe auch Graichen, Teufelsanbeter oder Edelmenschen?, 35f. Bei kurdischen Begriffen wird in direkten Zitaten die Schreibung der jeweiligen Autoren beibehalten, ansonsten wird eine einfache, an die deutschen Laute angepasste Umschrift benutzt.
2 Einzelne Autoren, beispielsweise der Ezide Issa, lehnen diese Verbindung ab. Vgl. Issa, Das Yezidentum, 140-145.
3 Düchting, Die Kinder des Engel Pfau, 600.
4 Vgl. ebd., 600f. Während z. B. die Autoren der EKD-Information dies als Mangel sehen (vgl. EKD [Hg.], Die Yeziden, 6), betont Kreyenbroek, dass diese Flexibilität auch zum Überleben der Religion beitrug. Vgl. Kreyenbroek, Yezidism in Europe, 17.
5 Vgl. ebd., 17, 225.
6 Vgl. Düchting, Die Kinder des Engel Pfau, 608. Düchting spricht, im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, allerdings auch von polytheistischen Elementen und einer erst späten Ausbildung eines monotheistischen Gottesbildes.
7 Es gibt unterschiedliche Theorien, die den Namen des Engels erklären. Er wird entweder auf eine Erscheinungsform als Pfau, auf die besondere Bedeutung des Symbols Pfau u. a. in der persischen Mythologie, auf den Pfau als Symbol für die Sonne, auf Ähnlichkeiten mit dem Gottesnamen Temmuz oder auf den griechischen Begriff für Gott (theós) zurückgeführt. Siehe hierzu Graichen, Teufelsanbeter oder Edelmenschen?, 43.


 

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