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Materialdienst 3/2002
Michael Utsch

Psychotherapie und Spiritualität: Aktuelle Trends und alte Konflikte

Auch psychologische Konzepte und Forschungsschwerpunkte sind kulturell verankert und entspringen einem spezifischen Zeitgeist. Deshalb hat das Modewort "Spiritualität" in psychologischen Kreisen und Theorien Eingang gefunden. Der folgende Text stellt im ersten Teil psychologische und psychotherapeutische Zugänge vor. Im zweiten Teil werden zwei Tagungen gegenübergestellt, die in sehr unterschiedlicher Weise Psychotherapie und Spiritualität miteinander ins Gespräch gebracht haben.

Kognitive, emotionale und spirituelle Intelligenz

Eines der wichtigsten Konzepte in der kurzen Geschichte der Psychologie ist das der Intelligenz. In den Anfängen dieser Wissenschaft galten zentrale Forschungsanstrengungen dem menschlichen Denken, Verstehen und Bewerten. Viele Jahrzehnte zog die so genannte "kognitive Intelligenz" nach Jean Piaget großes fachliches und öffentliches Interesse auf sich.1 Lange galt der mit psychologischen Tests ermittelte Intelligenzquotient (IQ) als der verbindliche Maßstab für menschliche Klugheit und Reife. In der Fachwelt werden allerdings mittlerweile verschiedene Intelligenzbereiche unterschieden. So wies der Psychologe Daniel Goleman - populärwissenschaftlich aufbereitet - erst vor zehn Jahren darauf hin, dass der Mensch noch eine andere, eine emotionale Intelligenz anwenden müsse, um im Leben erfolgreich sein zu können.2 Nicht nur Abstraktions-, Kombinations- und Problemlösevermögen sei für ein richtiges Entscheiden nötig, sondern die Fähigkeit, Empfindungen wahrzunehmen, auszudrücken und zu lenken.

In den letzten Jahren wurden diese Themen durch Konzepte einer "moralischen"3 oder gar "spirituellen Intelligenz"4 nochmals erweitert. Populär und damit leider auch verwässert und verfälscht wurde dieses Konzept durch die amerikanische Philosophie-Professorin Danah Zohar und ihren Ko-Autor (und Ehemann), den englischen Psychotherapeuten Ian Marshall. Zohar und Marshall sprechen von der "spirituellen Intelligenz" - so auch der Titel ihres Buches - als einer dritten Intelligenzform.5 Mit ihrer Hilfe sollen ganz allgemein Sinn- und Wertprobleme angegangen und gelöst werden. Dank dieser Intelligenz könne das Leben in einem größeren, reichhaltigeren Sinnzusammenhang gesehen werden, lautet die spekulative und esoterisch durchwebte Quintessenz des Buches.
Aber auch empirisch arbeitende Wissenschaftler in den USA haben die menschliche Spiritualität zu einem psychologischen Forschungsgegenstand gemacht und untersuchen ihn beispielsweise als einen eigenständigen Intelligenzbereich.6 Anders als beim spekulativ-esoterischen Zugang7 werden erprobte Messverfahren und bewährte Theorien herangezogen, um diesen besonderen Denk- und Entscheidungsbereich zu definieren. Robert Emmons von der Universität in Kalifornien beschrieb spirituelle Intelligenz als Fähigkeit,

1. veränderte Bewusstseinszustände zu erfahren,
2. die alltägliche Erfahrung zu einer heiligen zu machen,
3. spirituelle Ressourcen zur Problemlösung einzusetzen,
4. Entscheidungen und Handlungen wertorientiert vorzunehmen.8

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Anmerkungen

1 Zu einer ersten Orientierung eignet sich J. Piaget, Meine Theorie der geistigen Entwicklung, Frankfurt a. M.  1983.
2 D. Goleman, Emotionale Intelligenz (München 1995). Dass Goleman ein initiierter Schüler des 1973 verstorbenen  nordindischen Gurus Neem Karoli Baba ist (vgl.  
www.neemkarolibaba.com), ein umfassendes Meditations-Handbuch verfasst hat, in dem westliches und östliches Denken verschwimmen (vgl. D. Goleman, Wege  zur Meditation, München 1997) und maßgeblich an den Mind-Life-Konferenzen beteiligt war, auf denen der Dalai Lama  mit westlichen Wissenschaftlern über  Kognitionsforschung und buddhistisches Bewusstsein debattiert hat, ist  weniger bekannt (vgl. D. Goleman [Hg.], Die heilende Kraft der Gefühle, München 1998).
3 R. Coles, Moralische Intelligenz, München 1998.
4 Vgl. M. Sinnetar, Spiritual Intelligence, New York 2000.
5 D. Zohar, I. Marshall, Spirituelle Intelligenz, München 2000.
6 R. L. Piedmond, Does spirituality represent the sixth factor of personality? Journal of Personality 67 (1999).
7 Die Autoren D. Zohar und I. Marshall (Spirituelle Intelligenz, München 2000) halten einen "spirituellen Intelligenzfaktor" - in Analogie zum IQ - für messtechnisch  nicht erfassbar.
8 R. A. Emmons, Is Spirituality an Intelligence? International Journal for the Psychology of Religion 10/2000.

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