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Materialdienst 5/2015
Werner Thiede

Die Beschleunigungsgesellschaft

Wie digitales Tempodiktat dem Posthumanismus zuarbeitet

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Es eilt allenthalben: „Alles muss noch schneller gehen – in der Arbeit wie im Leben. Körper und Kopf machen da eine Weile mit, aber die Seele kommt mit der andauernden Eile schlecht zurecht: Unsere Bedürfnisse und Gefühle brauchen länger, bevor sie spürbar werden.“2 Längst stellt die stete Zunahme von Stress- und Burn-out-Opfern in unserer Gesellschaft keine überraschende Diagnose mehr dar. Dabei häuft sich in Deutschland die ursächliche Hetze in besonderem Maße, wie der Psychologe Robert Levine auf der Basis eines weltweiten Vergleichs über den kulturellen Umgang mit der Zeit herausgefunden hat: Unser digitalisierungsfreundliches Land gehört zu den am meisten gehetzten Nationen auf Erden.3 Dass der technische Fortschritt mit diesem Phänomen zu tun hat, liegt auf der Hand: „Die immense Beschleunigung unserer Tage ist in erster Linie auf die Digitalisierung zurückzuführen.“4

Diese Entwicklung verändert implizit und durchaus schleichend das bisherige, hierzulande humanistisch geprägte Menschen- und Weltbild einschließlich der damit zusammenhängenden Werte. So erklärt Bernd Kauffmann: „Das Leitbild der Kommunikations- und Informationsgesellschaft ist der flexible Mensch, ein beschleunigter elektronischer Netz-Passagier, der – getrieben von der Unruhe, etwas zu verpassen – immer auf der vergeblichen Suche nach Halt, Sinn und Orientierung ist. Diesem nicht zur Ruhe kommenden Nomaden muss folgerichtig die verinnerlichte Moral abhandenkommen. Die Moralproduktion übernehmen nämlich jetzt der globale Markt und die Medien.“5 Wohin steuert die digital beschleunigte Gesellschaft?

Zeitsparende Geräte – und immer mehr Tempo!

In einer schier unaufhörlichen Spirale produziert der Markt immer schnellere Technologien. Der Takt muss sich ständig erhöhen – die Preise nicht unbedingt. Doch wie viel digitale Beschleunigung verträgt der Mensch? Jedenfalls eine ganze Menge, könnte man meinen, wenn man auf all die begeisterten jugendlichen und immer öfter auch älteren User digitaler Geräte schaut. Bekanntlich hat sich dank moderner Technik unser Fortbewegungstempo seit Langem deutlich erhöht – vom Fahrrad übers Auto hin zum Flugzeug, ja zu Raketenflügen! Und unser Kommunikationstempo soll sich durch die digitale Revolution sogar vertausendfacht haben.6 Dennoch machen viele Zeitgenossen jene merkwürdige Erfahrung, die Papst Benedikt XVI. in die Worte gefasst hat: „Je schneller wir uns bewegen können, je zeitsparender unsere Geräte werden, desto weniger Zeit haben wir.“7

Digitalisierung bedeutet im maschinellen Kern den Transfer von Informations- und Qualitätsdaten in computerberechenbare, also rasch verrechenbare Zahlenfolgen von lauter Einsen und Nullen. Durch den stark wachsenden Einsatz dieser Technologie wird unser Leben in vieler Hinsicht reicher, jedenfalls auch immer temporeicher. Dabei reißt die exponentiell wachsende Beschleunigung auch nichttechnische Bereiche in ihren Strudel mit hinein. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hält fest, dass sich insgesamt „Politik und Gesellschaft vom Tempo des technischen Fortschritts überrumpelt sehen“8. Die Beschleunigungsgesellschaft wird ihrer selbst nicht mehr Herr.9

Die Folgen betreffen jeden Einzelnen. Mit dem Soziologen Hartmut Rosa formuliert: Wenn alles beschleunigt ist, kann das Individuum nicht langsamer laufen.10 Oder mit den Worten Ulrich Schnabels: „Auf dem rasant dahinströmenden Fluss der Beschleunigung sitzen wir alle im selben Boot.“11 Doch wie bekommt uns das auf die Dauer? Diese Frage stellt sich mit Dringlichkeit – aber aus gegenläufigen Interessenlagen heraus. Die einen wollen auf Biegen und Brechen wissen, wie hoch sich das Tempo bitte schön treiben lässt. Die anderen fühlen sich von der digitalen Hetze bereits beschädigt und überlegen, wie man individueller und kultureller Entschleunigung nähertreten könnte.

Tatsächlich mehren sich inmitten der Beschleunigungsgesellschaft die Tendenzen hin zu einer Entschleunigungskultur.12 Exemplarisch sei hier der Schweizer Firmenmitgründer, Trendsetter und Bestsellerautor Rolf Dobelli genannt: Er löschte eines Tages die News-Apps von seinem iPhone, entsorgte Radio und Fernseher und kündigte alle Zeitungs- und Zeitschriftenabos.13 Seither las er lieber Bücher und Hintergrundartikel, oder er führte Gespräche mit echten – nicht bloß digitalen14 – Freunden. Sein Resümee nach drei Jahren lautete, er genieße klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und verfüge über viel mehr Zeit. Das Beste sei: Noch nie habe er etwas Wichtiges verpasst.15

Den Trend, sich dem allgemeinen Beschleunigungsdruck zu entziehen, unterstützen auf dem Büchermarkt kluge Titel wie „Innehalten“ von Peter Heintel16, „Entschleunigung“ von Fritz Reheis, „Speed“ von Florian Opitz oder „Beschleunigung und Entfremdung“ von Hartmut Rosa.17 All diesen Autoren ist wichtig, dass der Mensch sich nicht der Sklaverei einer Computerkultur ausliefert, in der sich die technologisch erzeugte Schnelligkeit gegen ihn selbst kehrt. Sie wenden sich gegen das digitale Tempodiktat, weil es am Ende die Menschenwürde18 zu untergraben droht.

Nicht zufällig ist im Kontext der Digitalisierung immer öfter von „Posthumanismus“ oder „Transhumanismus“ die Rede.19 Tendiert der Technizismus unserer Zeit dazu, die gewohnte humanistische Orientierung unserer Gesellschaft hinter sich zu lassen? Die Posthumanistin Rosi Braidotti bekennt: „Ich habe für den Humanismus oder die darin enthaltene Idee des Menschlichen nicht allzu viel übrig.“20 Aus guten Gründen warnt dagegen der Philosoph Robert Spaemann, „dass sich das moderne Denken in eine Richtung bewegt, an deren Ende die Abschaffung des Menschen steht“21.

Tatsächlich drängt sich heutzutage die Frage auf: Macht sich der digitale Umsturz unserer Kultur noch am Grundwert des Menschseins fest?

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Anmerkungen

1 Dem Aufsatz liegt ein bearbeiteter Vortrag zugrunde, der am 19.2.2015 in Berlin als Keynote auf dem 19. G.E.M Markendialog (Gesellschaft zur Erforschung des Markenwesens e. V.) gehalten wurde.
2 Carola Feddersen, Im Zeitkarussell, in: natur & heilen 2/2015, 34-39, hier 34.
3 Vgl. Robert Levine, Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen, München 1999.
4 Feddersen, Im Zeitkarussell (s. Fußnote 2), 35. Man bedenke: Die „Botschaft“ jedes Mediums und jeder Technik „ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt“ (Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Dresden 21995, 22).
5 Bernd Kauffmann, Alles verschwindet. Vom Aufgalopp der Virtualität, in: G.E.M – Gesellschaft zur Erforschung des Markenwesens (Hg.), Das digitale Zeitalter fo(ö)rdert Markenführung über alle Sinne, Berlin 2014, 53-57, hier 54.
6 Vgl. die tabellarischen Angaben in: philosophie 2/2013, 41.
7 www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/weihnachtsmette-papst-benedikt-fordert-mehr-zeit-fuer-gott-a-874617.html (Zugriff: 17.2.2013).
8 Marcus Rohwetter, Ohne Feierabend, in: DIE ZEIT 39/2012, 29.
9 Vgl. Ludwig Heuwinkel, Umgang mit Zeit in der Beschleunigungsgesellschaft, Schwalbach 2006.
10 Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, Frankfurt a. M. 2013.
11 Ulrich Schnabel, Muße. Vom Glück des Nichtstuns, München 22010, 190.
12 Vgl. Werner Thiede, Online sein – das wahre Sein?, in: MUT 3/2015, 28-35; Wilhelm Schmid, Über den Verlust der Menschen an Sinnerfahrung, in: G.E.M (Hg.), Das digitale Zeitalter (s. Fußnote 5), 14-27, bes. 22ff. Ich erinnere auch an Einsichten früherer Markendialoge zu der Frage, wie Marken sich „anfühlen“ und, um erfolgreich zu sein, eine „klare haptische Ansprache“ brauchen (vgl. ebd., 36f).
13 Vgl. Ulrich Schnabel, Einladung zur Langsamkeit, in: DIE ZEIT 50/2012, 57.
14 Vgl. Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern, München 2012; Werner Thiede, Gefällt mir keineswegs. Ethische Grundprobleme der Social Media, in: ETHICA 22 (2014), 219-251.
15 „Digital Detox“ ist in: Zum Beispiel freute sich auch der Redakteur Florian Thalmann nach vier Wochen des Verzichts auf Internet und Smartphone über die Erkenntnis, dass er „trotz 1754 E-Mails und 99 Facebook-Nachrichten eigentlich nichts verpasst habe“ (Weniger ist yeah, in: mobil 2/2015, 72). Vgl. ferner das Dossier „Die Entdeckung der Langsamkeit“ in: philosophie 2/2013, 50-55.
16 Laut Peter Heintel (Innehalten. Gegen die Beschleunigung, für eine andere Zeitkultur, Freiburg i. Br. 2007) zwingt der Geschwindigkeitsrausch zur Flüchtigkeit und zur Flucht; wegen unserer Schnelllebigkeit herrsche ständig die Angst, etwas zu versäumen. Zum „Geschwindigkeitsrausch“ fragt der Autor: „Ist er noch Kultur, oder dominiert er bereits eine Kultur, aus der man sich so rasch wie möglich und immer wieder entfernen muß, will?“ Im Temporausch gehe es nicht um irgendeine Art Zielerreichung, vielmehr bringe die dauernde Grenzüberschreitung selber das Hochgefühl: Beschleunigung und Erhöhung der Geschwindigkeit „unterstützen die Illusionsbildung“ (134f und 140).
17 Fritz Reheis, Entschleunigung. Abschied vom Turbokapitalismus, München 22003; Florian Opitz, Speed. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, München 2012; Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit, Frankfurt a. M. 32013.
18 Vgl. Hans Wagner, Die Würde des Menschen, hg. von Stephan Nachtsheim, Paderborn 2014; Paul Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, Darmstadt 22014.
19 Vgl. z. B. Raimar Zons, Die Zeit des Menschen. Zur Kritik des Posthumanismus, Frankfurt a. M. 2001; Stefan Herbrechter, Posthumanismus. Eine kritische Einführung, Darmstadt 2009; Verena Kalcher, Transhumanismus. Wollen wir Alles, was wir theoretisch können?, Saarbrücken 2013.
20 Rosi Braidotti, Posthumanismus. Leben jenseits des Menschen, Frankfurt a. M. 2014, 22. Über die negative Definition des Humanismusbegriffs bei Braidotti ließe sich streiten.
21 Zitiert nach Ralf Kaempfer, Ohne Gott bricht das Denken zusammen, in: pro 2/2012, 32f, hier 33.

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