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Materialdienst 10/2002
Werner Thiede

150 Jahre parapsychologische Forschung

Die Wissenschaft des Paranormalen und die Theologie

Die Geschichte der Parapsychologie1 als einer kritischen Wissenschaft begann im Jahre 1852, also vor genau 150 Jahren - und mit ihr zugleich deren Verhältnis zur Theologie. Denn ein junger Theologe war es, auf den die erste Initiative zur wissenschaftlich organisierten Befassung mit dem Okkulten zurückging. Merkwürdig, dass weder die Parapsychologie noch die Theologie von diesem bedeutsamen Jubiläum Kenntnis genommen haben!

Unter Parapsychologen ist die Ansicht verbreitet, es gebe ihre Forschungsdisziplin erst seit 1882, als nämlich in London die berühmte Society for Psychical Research gegründet wurde. Folglich hatte man 1982 das 100-jährige Jubiläum parapsychologischer Forschung feiern zu dürfen gemeint.2 Außerdem ist die Theologie noch selten in engere Verbindung mit der Geschichte3 der Parapsychologie gebracht worden. Historische Nachforschung kommt jedoch zu anderen Resultaten.

Parapsychologische Forschung 1852 durch einen Theologen initiiert

Der Begriff "Parapsychologie" als solcher wurde im Jahre 1889 von dem Psychologie-Studenten Max Dessoir (1867-1947) in einer theosophischen Zeitschrift als Kunstwort für akademisch-wissenschaftlichen Okkultismus eingeführt. Mit der Zeit setzte er sich gegenüber anderen Bezeichnungen wie "Metapsychologie" oder "Wissenschaftlicher Okkultismus" durch (gerade letzterer war allzu missverständlich und trug zur theologischen Verteufelung solcher Forschung bei). Den Beginn der parapsychologischen Wissenschaft im modernen Sinn muss man aber bereits früher veranschlagen. Manche lassen sie schon mit dem Mesmerismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts anheben.4 Dafür spricht, dass diese auf den Mediziner Franz Anton Mesmer (1734-1815) zurückgehende Bewegung die kosmologisch ausgreifende Theorie des so genannten "animalischen Magnetismus" mit einem stark experimentellen Charakter der betreffenden Heilungsversuche verbunden hatte. Mesmer, der auch Theologie und Philosophie studiert hatte, war von der Existenz eines das ganze Weltall durchdringenden, feinstofflichen Fluidums ausgegangen; dessen harmonische Verteilung sah er im Körper erkrankter Personen als gestört und durch geeignete Personen als wiederherstellbar an. Die aufstrebende, um experimentelle Nachweisbarkeit bemühte Naturwissenschaft konnte freilich ein solch kosmisch-ubiquitäres, (fein-) stoffliches Fluidum weder damals noch später verifizieren. Deshalb ist der Mesmerismus bestenfalls als Vorläufer, nicht aber als Beginn der parapsychologischen Wissenschaft anzuerkennen.

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Anmerkungen

1 Zum Begriff vgl. Walter von Lucadou, Art. Parapsychologie, in: TRE 25, 1995, 750-753; Werner Thiede, Art. Parapsychologie, in: EKL3 Bd. 3, Göttingen 1992, 1047f. Vgl. auch Werner F. Bonin, Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete (1976), Frankfurt a. M. 1981; Eberhard Bauer, Zum Schrifttum der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete, in: MD 2/1991, 45-55.
2 Vgl. Eberhard Bauer, 100 Jahre parapsychologischer Forschung - die Society for Psychical Research, in: ders./W. von Lucadou (Hg.), Psi - was verbirgt sich dahinter? Freiburg i.Br. 1984, 51-75.
3 Vgl. Rudolf Tischner, Geschichte der Parapsychologie, Tittmoning 1960; John Beloff, Parapsychology: A Concise History, London/New York 1993.
4 Vgl. Rudolf Tischner, Franz Anton Mesmer. Leben, Werk und Wirkungen, München 1928; Ernst Benz, Franz Anton Mesmer, München 1976; H. Schott (Hg.), F. A. Mesmer und die Geschichte des Mesmerismus, Stuttgart 1985; Anneliese Ego, Die Revolutionierung eines Heilkonzepts: politische Implikationen des Mesmerismus, in: M. Neugebauer-Wölk (Hg.), Aufklärung und Esoterik, Hamburg 1999, 442-454.

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