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Materialdienst 5/2002
Werner Thiede

Rudolf Steiners theosophisches Jahrzehnt

Vor hundert Jahren begann die Anthroposophie zu keimen

Vor 100 Jahren kam es in Deutschland auf dem Gebiet der Esoterik zu einer folgenreichen Entwicklung. Der promovierte Philosoph Rudolf Steiner, damals 41 Jahre alt, wurde zum Esoteriker. Und nicht nur das: Er machte noch im selben Jahr 1902 eine esoterische Blitzkarriere. Zehn Jahre später sollte er in Kontinuität und Diskontinuität zu seiner theosophischen Laufbahn zum Begründer der Anthroposophie werden.

Das kam so: Aus Anlass des Todes Friedrich Nietzsches im Jahre 1900 hatte Steiner verschiedene Gedenkreden auf den berühmten Philosophen gehalten. Ein Berliner Zirkel, der sich dem angloamerikanischen Schrifttum der modernen Theosophie widmete, lud ihn daraufhin ein, auch in ihrem Kreis zu sprechen. Ort: die Theosophische Bibliothek zu Berlin. Inhalt und Art des Vortrags empfand man als so anregend, dass daraus eine regelmäßige Vortragsreihe wurde. Man beschloss, das theosophische Leben, das in Berlin seit einiger Zeit geschlummert hatte, neu aufleben zu lassen.

In einem ersten Zyklus sprach Steiner über die neuzeitliche Mystik des Abendlandes. Diese Vorträge wurden 1901 unter dem Titel "Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung" veröffentlicht. Offen für mystische Ströme und Weltdeutungen war Steiner immer schon gewesen: Bereits den Knaben hatten okkulte Erlebnisse bewegt, so dass der Jugendliche zu einem intensiven Fragen nach der erforschbaren Einheit von sinnlicher und übersinnlicher Wirklichkeit kam. Prägend wurde auf dieser Basis schließlich der Kontakt des etwa Zwanzigjährigen mit einem Kräutersammler, den er auf einer Bahnreise kennen gelernt hatte. Von ihm wurde er in die Geheimnisse einer ihm nun immer durchsichtiger werdenden Natur eingeweiht. In den Jahren darauf zählte er zu den ersten Käufern jener Literatur, die von der 1875 gegründeten Theosophischen Gesellschaft herausgebracht wurde. Vor allem die Ideen der Deutschrussin Helena Petrovna Blavatsky wurden ihm dadurch bekannt.

Der 25-jährige Steiner veröffentlichte 1886 ein Manuskript mit dem Titel "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung". Darin zeigte sich bereits deutlich sein um das Wesen des Menschen kreisendes Denken. Er sinnierte: "Der Weltengrund hat sich in die Welt vollständig ausgegossen; er hat sich nicht von der Welt zurückgezogen, um sie von außen zu lenken, er treibt sie von innen; er hat sich ihr nicht vorenthalten. Die höchste Form, in der er innerhalb der Wirklichkeit des gewöhnlichen Lebens auftritt, ist das Denken und mit demselben die menschliche Persönlichkeit. Hat somit der Weltengrund Ziele, so sind sie identisch mit den Zielen, die sich der Mensch setzt, indem er sich darlebt. Nicht indem der Mensch irgendwelchen Geboten des Weltenlenkers nachforscht, handelt er nach dessen Absichten, sondern indem er nach seinen eigenen Einsichten handelt."1

Die eigenen Einsichten Rudolf Steiners waren im Gefolge der Theosophie Blavatskys wie auch Nietzsches und anderer Philosophen bis dahin zwar nicht von religionskritischer, aber doch christentumskritischer Natur. Und so hatte auch sein Buch über die Mystik von 1901 noch nichts spezifisch Christliches erkennen lassen. Doch das änderte sich unter dem neuerlichen Einfluss der modernen Theosophie. Deren geistige Führerin war inzwischen die Engländerin Annie Besant (1847 – 1933) geworden. Sie bekannte sich zwar wie Blavatsky zum Primat ostasiatischer Religiosität. Doch sie war im Unterschied zu der Deutschrussin früher eine lebendige Christin gewesen, und diese Prägung machte sich in ihren Schriften bemerkbar. Gerade im selben Jahre 1901 veröffentlichte sie in England ihr neuestes Buch unter dem Titel "Esoterisches Christentum". So war es diese Art von Christentum, die der Berliner Zirkel schätzte und die auch auf Steiners Denken Einfluss gewann. Von Oktober 1901 bis März 1902 hielt er in der Berliner Theosophischen Bibliothek 18 Vorträge, die noch 1902 zusammengefasst in seinem Buch "Das Christentum als mystische Tatsache" erschienen. Nicht der kirchliche Christus, sondern ein esoterisch gedeuteter wurde für ihn maßgeblich. Es war der Streit um die richtige esoterische Deutung des Christus innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, der ihn später zum Gründer der Anthroposophie werden ließ.

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Anmerkung

1 Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller (1886), Dornach 71979, GA 2, 125

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