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Materialdienst 6/2002
Heiko Ehrhardt

"Always look on the dark side of life"

Ästhetik, Ethik und Religion der sogenannten "Grufties"

1. Zeitzeichen: Leipzig, Pfingsten 2001

Wem es zu Pfingsten gelingt, einmal nach Leipzig zum "Wave&Gothic-Treffen" (= WGT) zu kommen, den beschleicht vom ersten Aussteigen im Hauptbahnhof an das Gefühl, unversehens in einer anderen Welt gelandet zu sein. Oder in einer anderen Zeit. Das Stadtbild wird beherrscht von einer Unzahl von schwarz gekleideten Personen, die in der Regel viel Zeit, Phantasie und Geld in Kleidung, Hairstyling, Schminke und Körperschmuck investiert haben.1 Je näher man dem AGRA-Messegelände kommt, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, in eine Gegenkultur einzutauchen, die nur Eingeweihten verständlich ist. Aufmerksame Besucher machen darüber hinaus die Beobachtung, dass "schwarz" durchaus nicht gleich "schwarz" ist, und dass sich in der schwarzen Masse durchaus signifikante Unterschiede ausmachen lassen. So gibt es eine Reihe von malerischen Postpunks, die das Vierteljahrhundert von 1976 (dem Jahr, in dem "Sex Pistols"-Manager Malcolm Mc Laren den Punk erfand) bis 2001 nahezu unbeschadet überstanden haben. Nur dass die heutigen Protagonisten wohl in der Regel 1976 noch nicht auf der Welt gewesen sein dürften. Weiter gibt es eine große Gruppe, für die man noch viel weiter in die Vergangenheit zurückgreifen muss, orientieren sich ihre Mitglieder doch am europäischen Mittelalter, das bis in Sprache und Gebärden hinein möglichst originalgetreu rezipiert wird. Vor allem in und um die Moritzbastei sowie im "Heidnischen Dorf" am AGRA-Messegelände fühlt man sich geradewegs ins Mittelalter versetzt. Und es gibt die große Gruppe der "Schwarzen", doch auch diese nach Kleidung deutlich differenziert: Von schwarzen Jeans über Leder und Lack, das Ganze mal mit, mal ohne Rüschen, mit Metallbesatz oder ohne, mit Umhängen, die an Vampirfilme erinnern, oder langen (Leder-)Mänteln, manche Gesichter bleich geschminkt und die Lippen rot oder schwarz - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Auch lange, romantische Kleider aus Samt oder Brokat kann man bewundern, und ganz besonders modebewusste Frauen erscheinen direkt im weißen Brautkleid. Nimmt man noch den Teil der Szene hinzu, der sich vor allem an s/m-Utensilien hält (bis hin zu Halsbändern mit Hundeleinen, mit denen einige Personen andere herumführen - allerdings dürften diejenigen, die tatsächlich s/m praktizieren, deutlich in der Minderheit sein gegenüber den vielen, die nur die Ästhetik kopieren), dann bekommt man einen ersten und gewiss noch nicht vollständigen Überblick über eine Szene, die in der Regel mit dem Begriff "Grufties" allzu pauschal abgestempelt wird.

Schon der kurze Überblick zeigt, dass die Verwendung derartiger Schubladen eher in die Irre führt. Die Darkwave/Gothic-Szene ist in sich so vielschichtig und differenziert, dass die Verwendung einfacher Raster zu kurz greift und eher der Bildung unsinniger Klischees dient. Mein Anliegen  ist es daher, einige dieser Klischees zu hinterfragen und Vorurteile abzubauen, um einen unverstellten Blick auf die Vielfalt und Toleranz (!)2 der gesamten Szene zu ermöglichen.

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Anmerkungen

1 Auch wenn kreative Geister mit wenig Aufwand Wirkung erzielen können, so ist es doch möglich, auf dem "schwarzen Markt" in den Messehallen sowie auf den diversen Mittelaltermärkten sehr viel Geld auszugeben. Eine ganze Reihe von Geschäften bzw. Geschäftsketten vertreibt ausschließlich Mode und Accessoires der Darkwave/Gothic-Szene. Ich vermute, dass hier wesentlich mehr Geld umgesetzt wird als mit dem Verkauf von Tonträgern. Der Umsatz des WGT 1998 etwa betrug laut Schätzungen von Klaus Farin, Die Gothics: Interviews, Fotografien (hg. v. Archiv der Jugendkulturen e.V.), Bad Tölz 1999, 6, mehr als 10 Millionen Mark - kein Wunder, dass die Stadt Leipzig daran interessiert war, das Treffen in Leipzig zu halten, als es 2000 einige Probleme mit dem Veranstalter gab. Die Tatsache, dass viele Gothics finanziell gut gestellt sind, hebt diese Szene deutlich von ihren Wurzeln im Punk ab und deutet an, dass Gothic vor allem ein Phänomen der Mittelschicht ist.
2  Beim szenekonformen Met auf dem WGT 2001 kam ich unter anderem mit einem Polizisten ins Gespräch, der mir sagte, dass es kaum ein friedlicheres Treffen als das WGT im Bereich der neuen Bundesländer gibt - ein Eindruck, den ich nachdrücklich bestätigen kann.

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