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Materialdienst 4/2015
Bernhard Nitsche

Reinkarnation

Zur westlichen Aneignung einer populären Vollendungshoffnung

Wer heute den Fernseher einschaltet, kann in unzähligen Fantasy-Verfilmungen auf Drachen, Trolle und Gespenster, auf Feen und Götter stoßen. Offensichtlich leben wir in einem Kontext, der zugleich postsäkular und postreligiös ist, weil sich die Grenzen von profan und sakral, von religiös und säkular auflösen.1 In diesem Kontext bleibt die basale Differenz zwischen reiner Diesseits-Einrichtung und möglicher Transzendenz-Bezogenheit bedeutsam. Sie kann vermutlich noch immer als eine fundamentale Leitunterscheidung zur Bestimmung dessen verstanden werden, was als religiös gelten soll: Entweder richten sich die Menschen in einer geschlossenen Welt ein, die allein die Immanenz des kosmischen Geschehens kennt, und suchen darin ihr je eigenes Glück. Oder sie empfinden diese reine Immanenz für sich selbst als einen ungenügenden Bezugsrahmen. Denn dieser kennt allein die normative Kraft des Faktischen. Die Suche nach Gelingen und Erfüllung ist dabei auf die gegebene Kontingenz beschränkt. Fragen nach der großen Gerechtigkeit für alle Menschen oder der universalen Versöhnung der Geschichte voller Abbrüche und Widersprüche bleiben offen.2 Gründe für ein prinzipielles Vertrauen in das unverfügbare Dasein werden dann nicht gebraucht und nicht gesucht. Dem stellt sich das westliche Reinkarnationsdenken entgegen, indem es den Primat des Spirituellen vor dem Faktischen und den Primat der transzendierenden Vollendungshoffnung gegenüber dem Selbsteinschluss in Kontingenz betont. Zugleich hat das Denken von Reinkarnation Anteil an der ökonomischen Grammatik von Vollendungshoffnungen. Dieser Zusammenhang soll abschließend bedacht werden, wenn individuelle Gewinne und zentrale ökonomische Strukturmomente im Blick auf die Heilsökonomie des Reinkarnationsdenkens in seiner westlichen Aneignung herausgestellt werden.

Zur Aktualität des Reinkarnationsdenkens

Die breitenwirksame Popularisierung der Reinkarnationsidee(n) „unterschiedlichster Herkunft und Ausrichtung“ ist inzwischen weit fortgeschritten.3 Zwischen 20 und 25 Prozent der Menschen in Deutschland neigen dem Gedanken der Reinkarnation zu oder halten die Hypothese für möglich. Fragt man nach den Gründen, so kann mit Rüdiger Sachau darauf hingewiesen werden, dass die westliche und moderne Aneignung des Reinkarnationsdenkens einerseits durch hohe Kompatibilitäten zwischen dem autonom-emanzipatorischen Denken in Konzepten der Selbstsorge, Selbstorganisation und Selbstverantwortung ausgezeichnet ist sowie andererseits mit den individualisierten Vorstellungen vom privaten Glück und der eigenen Optimierung bis hin zur Selbstvervollkommnung einhergeht.4 Dieses Denken ist von der Erwartung positiver Lernchancen und durch einen ungebrochenen Fortschrittsoptimismus bestimmt. Stehen das Ziel und sein Erreichen außer Frage, so bleibt nur die Zahl der Etappen auf dem Weg offen. Dies gilt auch für die Frage, welche Wegabschnitte direkt zum Ziel führen und welche Wegabschnitte notwendige, weil ergänzende und vertiefende Umwege als Lernfelder beinhalten.

Diese moderne, fortschrittsorientierte Vorstellung kann im Bild einer nach Höhe (Länge) und Weite (Breite) wachsenden Spirale dargestellt werden. Mit dem Bild der Fortschrittsspirale verbindet sich nicht nur die Vorstellung, dass sich das Leben „in wachsenden Ringen“ entwickelt und heranreift (Rilke).5 Dieses Bild aus der Pflanzenwelt wird mit dem menschlichen Zeitbewusstsein von Gegenwart und Zukunft verbunden, sodass ein Mensch seinen Geist bzw. seine Seele im Durchlaufen verschiedener Stadien progressiv entwickelt. Der einzelne Mensch kann im Durchlauf durch analoge Bedingungen und Lebensaufgaben seine Seele entfalten und durch die Arbeit an sich selbst zur Vollkommenheit runden. Damit wird ein ethisch-spiritueller Reifungsprozess der eigenen Selbstvervollkommnung beschrieben.

Allerdings haben diese westlichen Ausprägungen des Reinkarnationsdenkens entscheidende Voraussetzungen: Sie reproduzieren das emanzipierte und individualisierte Paradigma, wonach jeder Mensch in unhintergehbarer Eigenverantwortung „Schmied des eigenen Glückes“ ist. Diese Konzeption der soteriologischen „Ich-AG“ legt das Gelingen in die Hände des Individuums und seine Selbstverantwortung. Dessen biologische und familiäre Disposition, sein soziales Gefüge, sein geschichtlicher Lebenszusammenhang, seine Privilegierung oder Entprivilegierung, seine gesamtkosmische Einflechtung, all das wird als Ausdruck privater und individueller Entscheidung betrachtet. Denn im Zentrum des Gedankens von Reinkarnation steht ein kausal kalkulierbarer und rational steuerbarer Tun-Ergehen-Zusammenhang einer nach Kriterien des Denkens und Handelns offen gelegten Vergeltungs-Kausalität. Damit rücken die Fragen nach den sozial vernetzten Bedingungen eines glücklichen Lebens sowie die Fragen nach einer menschheitsuniversalen Gerechtigkeit aus dem Blick. Genauerhin wird von diesen Fragen entlastet, weil die Verantwortung für das jetzige Dasein in vergangenen, zurückliegenden Leben liegt und die offene Zukunft unendlich viele Chancen bietet, um das eigene Schicksal zum Positiven zu wenden. Die befristete Zeit des Lebens im Hier und Jetzt ist vor allem für das künftige Leben bedeutsam. Die jetzigen Entscheidungen und aktuellen Gestaltungsweisen des Lebens bestimmen weniger den unmittelbaren Lebenszusammenhang selbst als vielmehr die mittleren Transzendenzen künftiger Leben. Deren Prämissen und Bedingungen werden durch das jetzige Leben prädisponiert. In dieser Logik der fortschrittsorientierten Akkumulation wird eine Kontinuität des Individuums vorausgesetzt. Doch darf als höchst umstritten gelten, was mit der Beschreibung dessen, was im Kreislauf von Leben und Tod, von „Selbst-Befreiung“ oder „Selbst-Versklavung“ wieder in den Zusammenhang des Lebens und des Leidens zurückgeführt wird, assoziiert ist.

Eine erste trennscharfe Unterscheidung ergibt sich bezüglich der Orte und Gestalten der Wiederverkörperung. Zumindest in den europäischen Traditionen der Moderne wird mit dem Gedanken der Reinkarnation in aller Regel die Vorstellung einer Wiederverkörperung im menschlichen Daseinszusammenhang verbunden. Mithin stellen jene Systeme, die in der westlichen und nördlichen Hemisphäre einen Wechsel zwischen dem menschlichen, tierischen, übermenschlichen oder gar pflanzlichen Dasein annehmen, die Minderheit dar.

Systematisch kann die Ausformulierung und Aneignung des Reinkarnationsgedankens zweitens danach unterschieden werden, ob es sich um eine Form der „Seelenwanderung“ oder um eine Form der „Wiederverkörperung“ handelt. In der Literatur wird von „Wiederverkörperung mit Seelenwanderung“ im hinduistischen Denken und von „Wiederverkörperung ohne Seelenwanderung“ im buddhistischen Denken gesprochen.6 Dieses Unterscheidungskriterium ist angesichts der pluralen Traditionsstränge in Hinduismus und Buddhismus historisch-systematisch allerdings von begrenzter Reichweite und dient eher dazu, grundlegende Tendenzen im Selbstverständnis der westlichen Aneignung festzumachen. An dieser Stelle ist die religionswissenschaftliche und religionsgeschichtliche Rückfrage dringlich.7

Der Begriff der „Seele“ hält hier den offenen Problemstand fest, was in welcher Hinsicht wiederverkörpert und als die kontinuitätsverbürgende Instanz angesehen wird. Wie die nachfolgenden Darlegungen zeigen, werden sehr unterschiedliche hinduistische und buddhistische Begriffe in den englischen und deutschen Übersetzungen nahezu unisono mit „Seele“ übersetzt.

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Anmerkungen

1 Vgl. Pierre Bourdieu, Die Auflösung des Religiösen, in: ders., Rede und Antwort, Frankfurt a. M. 1992, 231-237.
2 Vgl. José Casanova, Säkularismus – Ideologie oder Staatskunst?, in: Transit 39 (2010), 29-44, hier 33.
3 Vgl. Helmut Zander, Geschichte der Seelenwanderung in Europa, Darmstadt 1999, bes. 598-602; Helmut Obst, Reinkarnation. Weltgeschichte einer Idee, München 2009, 211-229; Michael Bergunder, Reinkarnationsvorstellungen als Gegenstand von Religionswissenschaft und Theologie, in: Theologische Literaturzeitung 126 (2001), 701-720.
4 Vgl. Rüdiger Sachau, Westliche Reinkarnationsvorstellungen, Gütersloh 1996.
5 Vgl. Hermann Josef Wagener, Konstruktionen der Religiosität von Rainer Maria Rilke. Eine kritische Analyse aus entwicklungspsychologischer Perspektive, in: Archiv für Religionspsychologie 28 (2006), 303-337.
6 Vgl. Obst, Reinkarnation (s. Fußnote 3), 12-27.
7 Vgl. Bergunder, Reinkarnationsvorstellungen (s. Fußnote 3).

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