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Materialdienst 4/2015
Jörg Pegelow

Sunday Assembly - eine "Kirche" ohne Gott

"Live better, help often, wonder more"

Der 28. September 2014 markiert eine Zäsur in der inzwischen zweijährigen Geschichte der Sunday-Assembly-Bewegung. Weltweit öffneten 58 (nach anderen Angaben 35) neue Assemblies ihre Türen, um das Leben zu feiern – u. a. in Berlin und in Hamburg. Die Sunday Assemblies verstehen sich als eine nichtreligiöse Gemeinschaft. Es geht um: „Live better.“ „Help often.“ „Wonder more.“ (Lebe besser. Hilf öfter. Staune mehr bzw. mach dir mehr Gedanken). Die Sunday Assembly ist „zu 100 % eine Feier des Lebens ... des einzigen Lebens, von dem wir wissen, dass wir es haben.“1

Schnelle Verbreitung

Basierend auf dieser grundlegend nichtreligiösen bzw. atheistischen Einstellung gründeten am 6. Januar 2013 die beiden britischen Komiker Pippa Evans und Sanderson Jones in einer profanierten Kirche im Nord-Londoner Stadtteil Islington die erste Sunday Assembly, an der bereits 300 Menschen teilnahmen. Die Sonntagsversammlungen übernahmen von Beginn an ganz bewusst geprägte gottesdienstliche Formen. Gemeinsames Singen von Popsongs, Lesungen literarischer Texte oder eigener Gedichte, Vorträge über wissenschaftliche oder gesellschaftliche Themen, gemeinsamer Austausch der Teilnehmenden in Kleingruppen, Zeiten der Stille gehören ebenso dazu wie das Miteinander bei Kaffee und Keksen nach der Sonntagsversammlung. Die Londoner Versammlung stieß nicht nur beim ersten Treffen, sondern auch in der Folge auf großes Inter­esse. Heute werden regelmäßig etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezählt, die zu den zweimal monatlich durchgeführten Versammlungen in der zentral gelegenen Londoner Conway Hall (einem dem Atheismus und dem Humanismus verpflichteten alternativen Kultur- und Bildungszentrum) kommen.

Im Oktober 2013 initiierten Evans und Jones eine Internetkampagne, um umgerechnet 600000 Euro zu generieren. Diese Summe sollte als Grundlage dienen, um die Sunday-Assembly-Bewegung weltweit an möglichst vielen Orten ins Leben zu rufen, eine Webseite zu entwickeln und Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, damit möglichst viele Menschen Teil dieser multinationalen Bewegung werden können. Im November 2013 sollen bereits rund 40000 Euro bei den Initiatoren eingegangen sein; neuere Zahlen sind nicht zu erheben. Zeitgleich zur Internetkampagne unternahmen Evans und Jones eine Promotiontour durch Großbritannien, Nordamerika und Australien, um für die Idee der Sunday Assembly zu werben.

Von London aus breitete sich die Sunday-Assembly-Bewegung rasch aus; vor dem weltweiten Startup-Termin im September 2014 trafen sich in Großbritannien und in den USA 28 Assemblies regelmäßig. In einer Mischung aus missionarischer Begeisterung und Ironie stellte Sanderson Jones schon Ende 2013 fest: „Wir wachsen um 3.000 % und damit schneller als jede Kirche der Welt.“2 Derzeit sind 86 Sunday Assemblies registriert, die sich verpflichten, die zehn Prinzipien einer Charta für die Sonntagsversammlung zumindest für einige Zeit zu befolgen. Gemäß dieser Charta soll es bei den Sonntagsversammlungen vor allem darum gehen, das einzige Leben zu feiern, von dessen Existenz man wisse. Dabei sollen die Assemblies religiöse oder weltanschauliche Doktrinen sowie die Berufung auf einen Gott ablehnen – aber auch niemanden verurteilen, der daran glaubt: „Alle sind willkommen, unabhängig vom persönlichen Glauben – dies ist ein Ort der Empathie, der für Offenheit und Akzeptanz steht.“3 Aus den Worten eines der Initiatoren der ersten Hamburger Sonntagsversammlung, des Kabarettisten Sebastian Schnoy, spricht zudem auch eine Wertschätzung dessen, was in der Kirche an Gemeinschaftserfahrungen und Sinnstiftendem zu erleben ist: „Die Kirche hat viele solcher sinnvollen Rituale und Gedanken.“4 Die Gründer Jones und Evans wollten, dass sich in der Sunday Assembly „die besten Seiten der Kirche“ finden, aber eben ohne Religion.5 So erfolgt in der Regel trotz des nichtreligiösen Selbstverständnisses der Sunday-Assembly-Bewegung keine aggressiv-offensive Abgrenzung gegen Religion, Glauben oder Kirche. Dass die Sonntagsversammlungen in ihrem Ablauf Gottesdiensten ähneln, wird mit der Vergleichbarkeit von Ritualen in einem Kulturkreis begründet. Inwieweit es der Bewegung gelingen kann, in einem nicht christlich bzw. westlich geprägten Kulturkreis Fuß zu fassen, bleibt daher abzuwarten.

In Deutschland starteten im September 2014 in Berlin und in Hamburg die zwei Sonntagsversammlungen mit großem Medieninteresse; ausführliche Berichterstattung der Presse, im Internet sowie kurze Reportagen im Fernsehen und im Rundfunk begleiteten den Auftakt. Der Humanistische Verband unterstützte den Start der deutschen Assemblies, deren Treffen inzwischen regelmäßig monatlich stattfinden. Alle Verantwortlichen arbeiten nach eigener Aussage ehrenamtlich mit dem Ziel, Gemeinschaftserfahrungen und Feiern ohne Religion zu ermöglichen.

Neben den bereits gegründeten Sunday Assemblies gibt es zudem 80 weitere Städte rund um den Erdball (u. a. Kapstadt, Tokio, Bangalore, Shanghai, Kopenhagen, Trondheim, Mexiko City, Accra, Frankfurt und Manila), in denen Interesse signalisiert wurde. Man muss kein großer Prophet sein, um vorauszusagen, dass es zur Gründung weiterer Assemblies kommen wird und dass diese sich wahrscheinlich recht schnell werden etablieren können.

Den Sinnfragen Raum geben

Es fällt auf, dass die allermeisten Sunday Assemblies in den modernen Großstädten in allen Teilen der Erde zu Hause sind. Ganz offensichtlich gibt es gerade in den anonymeren urbanen Milieus bei jenen, die sich als nichtgläubig verstehen, das Bedürfnis nach Gemeinschaftserfahrungen, die eine andere Qualität haben als das Miteinander in einem Verein oder im unmittelbaren persönlichen Nahbereich (Familie, Freundeskreis). Insofern greift eine vordergründige Kritik, Gemeinschaft könne man auch in einem Kegelclub erleben, ebenso zu kurz wie die mit vorwurfsvollem Unterton gestellte Frage, bei wem man sich denn für sein Dasein bedanken wolle, wenn das Leben ein Zufallsprodukt der Evolution sei. Das einigende ideelle Band der Sonntagsversammlungen ist ein humanistisch-szientistisches Weltbild und der Wunsch, dies gemeinsam mit anderen nicht nur theo­retisierend zu erörtern, sondern sich gemeinsam mit anderen den Sinnfragen des Lebens in einem rituellen Rahmen zu nähern. Zwar ist es sicherlich kein Zufall, dass die Sunday Assembly in England mit seiner traditionsreichen Freidenkerbewegung entstanden ist und bei der Conway Hall Ethical Society, die seit ihrer Gründung 1878 für freiheitliches, dogmenfreies Denken eintritt, ihren Sitz hat. Doch das Wachstum der Sunday-Assembly-Bewegung mit den vielen weltweiten Töchtern macht deutlich, dass insbesondere in den Großstädten die Sehnsucht nach einer fragenden und tragenden Gemeinschaft vorhanden ist: Um den Sinnfragen des Lebens Raum zu geben, bedarf es einer besonderen Form, besonderer Orte und Zeiten, aber auch der Rituale, mit denen Alltägliches hinter sich gelassen werden kann. Dies soll sich weder zufällig morgens beim Brötchenkaufen ereignen noch dem akademischen Tagungsstil vorbehalten sein. So wird das früher von Richard Dawkins einmal geäußerte Verdikt „Atheisten brauchen keine Tempel“ von den Sonntagsversammlungen ad absurdum geführt. Inhaltlich sind damit die Initiatoren der Sunday Assemblies auf einer Linie mit Alain de Botton, der „Tempel für Ungläubige“ fordert und das Gemeinschaftsstiftende der Religionen würdigt, oder mit André Comte-Sponville, der für eine Spiritualität ohne Gott („Immansität“) eintritt.

Allerdings werden die Bezeichnungen „atheistische Kirche“ oder „Die Kirche der Gottlosen“ dieser Bewegung nicht gerecht. Denn weder werden ein atheistischer Humanismus noch das Gottlos-Sein rituell gefeiert. Denn die (geheime) Überschrift der Sunday Assembly heißt ja nicht: „Wir wollen Gott los sein.“ Vielmehr verstehen sich die Veranstalter wie die Besucher in der Regel als religions- und glaubenslos und suchen vor diesem Hintergrund eine feiernd-rituelle Ausdrucksform mit Lebenssinn stiftenden Inhalten zu gestalten. So steht eben nicht im Mittelpunkt, was nicht geteilt wird – der Glaube an einen Gott bzw. an transzendente Mächte –, sondern wichtig sind das Leben und seine bestmögliche Gestaltung. Und ganz offenkundig sind Angebote wie die „Kirche des fliegenden Spaghetti-Monsters“ mit ihrer antikirchlichen Polemik für Anhänger der Sonntagsversammlungen nicht attraktiv.

Dass die Sunday-Assembly-Bewegung mit ihren Versammlungen, einer feiernden Gemeinschaft und wiederkehrenden Ritualen vielfältige religiöse Ausdrucksformen aufnimmt, weist darauf hin, dass eine rein intellektuell-atheistische Position von Menschen ohne dezidierte religiöse Bindung nicht als erfüllend empfunden wird und auch die pure Veralberung von Religion dem eigenen Leben noch keinen Sinn einhaucht. Aus Sicht von Kirchen oder Religionsgemeinschaften jedenfalls besteht kein Grund, auf diese Bewegung wegen deren vermeintlicher Defizite herabzublicken. Vielmehr können gerade die Sunday Assemblies mit ihrer Prägung Anlass geben, das Stärkende und Sinnstiftende des eigenen Glaubens zu entdecken und zu feiern.


Internet

http://sundayassembly.com
http://berlin.sundayassembly.com
http://hamburg.sundayassembly.com


Anmerkungen

1 http://hamburg.sundayassembly.com/was-ist-sunday-assembly/ (Abruf, auch der weiteren Internetseiten: 31.1.2015).
2 Zit. nach www.zeit.de/2013/42/atheisten-messe-england.
3 http://berlin.sundayassembly.com/charta.
4 Zit. nach Hamburger Abendblatt, 29.9.2014.
5 Vgl. http://sundayassembly.com/story.

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