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Materialdienst 2/2002
Joachim Keden / Hansjörg Hemminger

Neue Formen des esoterischen Christentums: Das ökumenische Zentrum Neumühle - ein Beispiel

Die Esoterik-Bewegung1, die im gebildeten Bürgertum Akzeptanz und ihr Klientel findet, wirkt auf vielen Wegen in die Kirchen hinein. Oft sind es nur Methoden zur Problembewältigung wie das japanische Geistheilen Reiki, das Pendeln, die Kinesiologie oder eine Bachblüten-Medikation, deren esoterische bzw. neureligiöse Begründungen ignoriert werden, wenn Christen sie benutzen. Neben dieser Konsumentenhaltung trifft man jedoch in unseren Kirchen ein zwar lockeres und vielgestaltiges, aber doch deutlich profiliertes, esoterisches Christentum an, das seine gegenwärtige Form der Esoterik-Bewegung verdankt, das sich aber auf den Einfluss der New Age-Bewegung und auf die so genannten Neuen religiösen Bewegungen zurückführen lässt (im letzteren Fall vor allem auf indische und buddhistische Gruppen im Westen). Esoterische Christen eignen sich (anders als bloße Konsumenten) esoterische Vorstellungen programmatisch an und übernehmen Strukturen des esoterischen Markts bzw. verstehen ihn als Milieu, in dem sich ihre Spiritualität verwirklicht. Anders ausgedrückt: Die gegenwärtige Esoterik-Bewegung hat einen christlichen Flügel. Auf dem Esoterik-Markt gibt es christliche Anbieter, wie sie sich bereits in der New Age-Bewegung herausbildeten. Viele der damaligen Inspiratoren und Wortführer sind noch präsent, oder sie haben Nachfolger gefunden. Der österreichische Benediktiner David Steindl-Rast spielte vor zwanzig Jahren als Meditationslehrer zwischen katholischer und Zen-Tradition eine ähnliche Rolle wie heute der Würzburger Benediktiner Pater Willigis Jäger. Steindl-Rast trat zum Beispiel 1988 beim Kongress "Geist und Natur" in Hannover mit der Legitimation des Zen-Meisters für das New Age-Bewusstsein auf.2 Bei den PSI-Tagen 2000 in Basel hatte Willigis Jäger diese Rolle inne.3 Professor Michael von Brück (München, damals Houston) gehörte zu den Vorbereitern des Kongresses in Hannover, heute ist er eng verbunden mit dem Ökumenischen Zentrum Neumühle.4 Ein weiteres Beispiel für die Wandlung und die Kontinuität der früheren New Age- und der späteren Esoterik-Bewegung: Das von Karlfried Graf Dürkheim gegründete Zentrum Rütte im Südschwarzwald, das mit seiner initiatischen Therapie eine Verbindung von Christentum und Zen-Praxis schaffen wollte, hatte in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hohes Ansehen in der evangelischen Pfarrerschaft. Heute ist es unter der Leitung von Gräfin Maria Hippius von den übrigen Anbietern auf dem Esoterik-Markt (zum Beispiel vom nahe gelegenen Johanniter-Hof) kaum mehr zu unterscheiden.5 Damit wird das Erbe des Grafen Dürkheim zwar verändert, aber nicht völlig verfälscht. Der Graf hatte im Alter weder ein christliches noch ein buddhistisches, sondern ein esoterisches Welt- und Menschenbild, wenn man auch vermuten kann, dass er dem kommerziellen Esoterik-Betrieb der Rütteschen Gegenwart kritisch gegenüber gestanden hätte. Von daher lässt sich seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Linie ziehen von der christlichen Rezeption fernöstlicher Meditationsformen über den christlichen Flügel der New Age-Bewegung bis zu den in der heutigen Esoterik-Bewegung beheimateten (oder mit ihr verbundenen) Vertretern eines individuellen und marktorientierten, esoterischen Christentums. Frühere Spielarten esoterischen Christentums gaben sich ebenso ihre zeittypischen Organisationsformen, zum Beispiel die auf Rudolf Steiner zurückgehende Christengemeinschaft die Form einer Kirche. Als Beispiel für die ganz anderen, gegenwärtigen Formen wird das "Ökumenische Zentrum für Meditation und Begegnung" in Mettlach-Tünsdorf/Saar"6 näher betrachtet werden. Doch zuerst soll das, was unter dem heutigen esoterischen Christentum zu verstehen ist, anhand von vier Merkmalen der Ideenwelt und zwei Textbeispielen bestimmt werden.

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Anmerkungen

1 Zur Charakterisierung der Esoterik-Bewegung s. Hans-Jürgen Ruppert, Suche nach Erkenntnis und Erleuchtung - moderne esoterische Religiosität, in: Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, hg. von R. Hempelmann u.a. im Auftr. der EZW, Gütersloh 2001, 210 ff, und Hansjörg Hemminger, Anspruch und Wirklichkeit esoterischer Lebenshilfe, in: Michael Utsch (Hg.), Wenn die Seele Sinn sucht, Neukirchen-Vluyn 2000, S. 51- 69.
2 Reinhart Hummel, Transparenz der Wirklichkeit - Erster Europäischer Transpersonaler Kongreß, in: MD der EZW 11/1984, 324 -329; Hans-Jürgen Ruppert, Internationale New Age-Tage 1984 in Zürich, in: MD der EZW 1/1985, 19-22; Hansjörg Hemminger, Friederike Valentin, Zeitwende oder Glaubenswende? Der Kongreß "Geist und Natur" vom 21. bis 27. Mai 1988 in Hannover, in: MD der EZW 7/1988, 203 -210.
3 Siehe zur grundsätzlichen Einschätzung der Verbindung von christlicher Meditation und Zen Manfred Meitzner, Rüdiger Hauth, Zen, Zen-Buddhismus und christlicher Glaube, in: Flugblatt Arbeitskreis Religiöse Gemeinschaften der VELKD (Hg.).
4 Michael von Brück sagt von sich selbst, dass er " … seit vielen Jahren in der Neumühle ein- und ausgehe". (Traueransprache anlässlich der Beerdigung von Dr. Willi Massa am 3. März 2001, publiziert vom Ökumenischen Zentrum Neumühle, o.J., 3).
5 Michael Utsch, 50 Jahre Rütte - Ausprägungen initiatischer Therapie, in: MD der EZW 9/2001, 294 -298.
6 Neben der in Fußnoten zitierten, allgemein zugänglichen Literatur liegen Programme mit Einladungen aus verschiedenen Jahren sowie allgemeine Informationen zur Neumühle und Kurzberichte von Besuchern aus jüngster Zeit vor. Die Programme etc. werden jeweils im Text zitiert (Programme der Neumühle 1987, 1999/1, 2001/1, und der Prospekt: Neumühle Ökumenisches Zentrum für Meditation und Begegnung - Ein Ort der Stille und Besinnung für jeden Tag).

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