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Materialdienst 3/2015
Alternativkultur

Das ZEGG befasst sich mit seiner Vorgeschichte

Vor zwei Jahren kam der Film „Meine keine Familie“ in die Kinos. Er zeigte das Leben und Leiden der Kinder in der österreichischen Kommune Friedrichshof (1972 bis 1990), besser bekannt als „Aktionsanalytische Organisation“ (AAO, zum Film: MD 12/2013, 466-468). Befreit aus bürgerlichen Zwängen der Kleinfamilie sollte hier der neue Mensch durch freie Sexualität, Gütergemeinschaft und intensive Selbsterfahrungsformen entstehen und exemplarisch eine alternative neue Gesellschaft. Das Experiment misslang: Der Gründer und Leiter der AAO, Otto Mühl, wurde 1990 wegen Kindesmissbrauchs zu sieben, seine Frau Claudia für dieselben Delikte zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Dieser Dokumentationsfilm wurde nun im Januar 2015 im Berliner Esoterik-Eventcafé Touch Your Soul vorgeführt und diskutiert. Veranstalter des Abends war der Berliner Freundeskreis des ZEGG (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung). Die im brandenburgischen Bad Belzig beheimatete Gemeinschaft steht bzw. stand vor allem in ihrer Frühphase in einer ideellen und personellen Kontinuität zur AAO. Das ZEGG wurde 1991 von Dieter Duhm gegründet, der sich auch nach seinem Ausscheiden aus der AAO von Otto Mühl inspirieren ließ und dessen Visionen in mehreren sukzessiven Kommunen umzusetzen versuchte. Programmtische Kernelemente waren und sind auch hier die freie Liebe und formalisierte Selbsterfahrungs- und Gruppenprozesse (im ZEGG „Forum“ genannt). Duhm leitet heute die Kommune „Tamera“ in Portugal, hat noch immer viele Kontakte nach Bad Belzig, und seine Theorien beeinflussen das ZEGG bis heute. Von Otto Mühl hat er sich nie unzweideutig distanziert.

Gekommen waren an dem Abend gut 20 Männer und Frauen im Durchschnittsalter von über 50, die sich beim anschließenden Gespräch von dem Film durchweg betroffen zeigten. Einige waren selbst jahrelang AAO-Mitglied gewesen und bekannten, an den im Film gezeigten Vorgängen aktiv oder als Zuschauer bzw. Zuschauerinnen beteiligt gewesen zu sein. Angesichts dessen, was da zu sehen war, muss man den Mut anerkennen, mit dem sie diese Schuld offenlegten. Das kontrastierte wohltuend mit der Haltung Claudia Mühls, die wenige Tage zuvor in einem Zeitungsinterview (Die Presse, Wien, 10.1.2015) keinerlei Schuldeinsicht, geschweige denn Reue zu erkennen gegeben hatte.

Andere Besucher blickten auf ihre Mitgliedszeit in der Anfangsphase des ZEGG zurück und sahen dort „genau die gleichen Mechanismen“ am Werk wie im Film. Dieter Duhm habe eben vieles von Otto Mühl übernommen, auch Dinge, die sich in der AAO fatal ausgewirkt hatten. Dass es dabei nicht nur um die Frühzeit ging, meinte eine andere Stimme, die erst vor Kurzem das ZEGG verlassen hatte und dort auch gegenwärtig noch vergleichbare Strukturen „natürlich in abgemilderter Form“ am Werk sah. Das gelte v. a. für den Gruppendruck im „Forum“. Daneben gab es apologetische Stimmen, gerade von Jüngeren, die Otto Mühl aus seiner Zeit verstehen und teilweise in Schutz nehmen wollten. Die damaligen Fehler seien eben auch als Überreaktion aus dem Widerstand gegen eine extrem repressive Gesellschaft erklärlich. Im Rahmen der jetzigen freien Gesellschaft würden die Heutigen diese Fehler nicht mehr wiederholen, aber damals seien sie vielleicht unvermeidbar gewesen, und Mühls Rolle als Wegbereiter solle man deswegen nicht schmälern. Manche Außenkritik sei unfair, denn schließlich finde der meiste Kindesmissbrauch nicht in Kommunen, sondern in der Kleinfamilie statt, ohne dass jemand dafür die Institution Ehe grundsätzlich verantwortlich mache.
Das ZEGG definiert sich heute nicht mehr allein über die freie Sexualität und Selbsterfahrung. Man gewinnt kommunale Auszeichnungen für ökologische Vorzeigeprojekte, diskutiert über Ernährungsfragen, hat sich als GmbH organisiert, ist in der Stadt gut vernetzt und ist wohl auch schon ein wenig in die Jahre gekommen und darüber ruhiger geworden.

Manche weiterführende Fragen wurden an dem Abend nicht vertieft, z. B. das heutige Verhältnis des ZEGG und seiner Unterstützer zu Dieter Duhm (in schriftlichen Äußerungen wird dies gern minimiert, was aber nach dem Eindruck des Abends nicht ganz stimmt). Offenbar bestehen aus dem Kreis auch Kontakte zu Claudia Mühl, die heute in Berlin wohnt. Trotzdem blieb der Eindruck, dass das ZEGG sich offensiver und ehrlicher mit seiner Vorgeschichte beschäftigt und die defensive Abwehrhaltung früherer Jahre verlässt. Hierzu gehört neben dieser erfreulich vielstimmigen und ehrlichen Debatte im Touch Your Soul auch eine differenzierte offizielle Erklärung zur eigenen Geschichte und zum Thema Kindesmissbrauch, die das ZEGG im Herbst 2013 publiziert hat (Kein Sex mit Kindern, www.zegg.de).

Zu einer gemeinsamen Antwort darauf, wie es zu solchen Fehlern wie in der AAO hatte kommen können und wie sie sich künftig vermeiden lassen, fand der Abend naturgemäß nicht. Einige Zeitzeugen bekannten, dass es schwer gewesen sei, sich dem Charisma eines Otto Mühl zu entziehen, andere Stimmen zeigten, dass es gerade den jüngeren Utopisten noch heute schwerfällt, die frühen Vorkämpfer ganz zu verwerfen – „es war ja auch nicht alles schlecht“. Aber ganz am Ende überlegte eine junge Frau: „Vielleicht ist das Problem, dass es keinen Menschen und kein System gibt, dem man total vertrauen kann, ohne in die Gefahr blinder Gefolgschaft zu geraten. Am sichersten ist es vielleicht, wenn man dahinter noch eine andere Peilung hat, die nicht menschlich ist. Was ich meine, ist, wenn Jesus die Richtung vorgibt, also Gott, dann hat man immer nochmal einen Orientierungspunkt hinter den charismatischen Menschen und den Ideen. Mit dieser Peilung bemerkt man vielleicht eher, wenn alles in die falsche Richtung läuft.“

Kai Funkschmidt

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