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Materialdienst 2/2015
Gert Pickel

Engagement und religiöse Indifferenz

Kernergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD im Überblick

Anfang 2014 wurden die ersten Ergebnisse der aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ihre fünfte seit 1972, veröffentlicht.1 Es handelt sich dabei um einen ersten, vorläufigen Blick auf die Resultate der Ende 2012 durchgeführten Repräsentativbefragung von 2016 Mitgliedern der evangelischen Kirche und 1011 Konfessionslosen in West- und Ostdeutschland. Ungefähr die Hälfte der Konfessionslosen waren aus der evangelischen Kirche Ausgetretene, die andere Hälfte Menschen, die noch nie Mitglied einer Religionsgemeinschaft waren. Inhaltlich im Zentrum der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung standen diesmal vor allem die Wirkungen der sozialen Einbindung der Kirchenmitglieder und ihr Verhalten sowie ihre religiöse Kommunikation innerhalb eines vielfältig verflochtenen sozialen Umfeldes. Dies führte in der Broschüre, in der die Ergebnisse der KMU V veröffentlicht wurden, auch zu dem programmatischen Untertitel „Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis“.2

Ohne die individuelle Perspektive der Kirchenmitglieder aufgeben zu wollen, rückten mit dieser Zielsetzung soziale Netzwerke und die Umsetzung, oder das Ausbleiben, zwischenmenschlicher religiöser Kommunikation stärker als in den vorangegangenen Untersuchungen in den Fokus. Gleichzeitig wurde das Augenmerk wieder stärker auf hochverbundene Mitglieder sowie noch einmal verstärkt auf Jugendliche und junge Erwachsene gerichtet. Standen in der dritten und auch der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung häufig die der Kirche wenig Verbundenen oder oft auch eher Mitglieder mit einer distanzierten Haltung zur Kirche im Zentrum des Interesses und mancher Aussagen, sollte diese Perspektive zwar nicht aufgegeben, aber doch wieder stärker zwischen den Gruppen unterschiedlicher Kirchenbindung austariert werden.3 Ziel war es dabei, eben auch der Sozialform der Gruppe gegenüber einem gelegentlich dominierenden Gegensatzpaar von individualisierter Religiosität und kirchlicher Institution stärker Beachtung zu schenken.4 Der Schwerpunkt „Jugend und junge Erwachsene“ ergab sich zwangsläufig aus dem Interesse an der Zukunft der Kirche – und aus der Frage, wie sich Kirchenmitgliedschaft reproduziert.5 Vor dem Hintergrund der weitreichenden Debatten über Bindungsverluste, Traditionsabbruch und Säkularisierung sind gerade sie von besonderer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Kirchen. Um adäquate Aussagen über die nachwachsenden Generationen zu erhalten und zudem belastbare Binnendifferenzierungen innerhalb dieser Gruppe vornehmen zu können, wurde durch das technische Mittel einer Überquotierung der entsprechenden Altersgruppen quasi eine eigene Jugend- und junge Erwachsenen-Stichprobe geschaffen. Sie kann nun für gesonderte, feinere Auswertungen dieser Gruppe genutzt werden.

Für das Grundverständnis der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung wichtig ist das Ausgangsverständnis von Kirchenmitgliedern als selbstständige, in modernen Gesellschaften gut integrierte und frei für sich entscheidende Individuen. Sie bestimmen ihre Position zu Religion in modernen Gesellschaften selbst und mit dem Selbstbewusstsein, dies auch tun zu können. Gleichzeitig muss man hier etwas zur Vorsicht mahnen: Diese Annahme eines „religiösen Akteurs“ bedeutet weder, dass die Individuen vollständig autark sind, noch dass sie ihre Entscheidungen isoliert von ihrer Umwelt, ihren sozialen Beziehungen, ihren historischen Kontextbedingungen, ihren Eltern und der erfahrenen (religiösen) Sozialisation entwickeln. Vielmehr leben sie – und dies zeigen die Ergebnisse der KMU V, wie noch zu sehen sein wird, überdeutlich – eingebettet in soziale Kontexte und in Gemeinschaft und Austausch mit anderen Menschen. Dies sind in Deutschland, wie in anderen Ländern Europas, stärker oder weniger stark religiöse Personen, Konfessionslose und auch Menschen anderer Religion. Diese Vielfalt sozialer Rahmenbedingungen muss dabei genauso berücksichtigt werden wie die Veränderungen, welche Prozesse der religiösen Sozialisation aufgrund Veränderungen sozialer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen erfahren haben.6 Einfach gesagt: Die Individuen entwickeln im Wechselspiel mit der Umwelt und im Rückgriff auf ihre Erfahrungen und Sozialisation ihre eigene religiöse (oder möglicherweise auch nichtreligiöse) Identität. Diese Identität steht wiederum in Korrespondenz zu den anderen Rollen, die Menschen in modernen Gesellschaften in ihren multiplen Identitäten miteinander vereinbaren müssen. Dies geschieht unter spezifischen sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und erfordert zudem Priorisierungen bestimmter Rollen zu bestimmten Zeitpunkten.

Im Folgenden werden in der gebotenen Kürze einer knappen Zusammenfassung – und dadurch an einigen Stellen sicherlich auch nur begrenzt differenziert – zentrale Ergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland vorgestellt. Auf Abbildungen der Ergebnisse wurde aus Gründen der Begrenztheit der Darstellung verzichtet. Als Ausgleich wurden an den entsprechenden Stellen Verweise auf die EKD-Publikation „Engagement und Indifferenz“7 eingeführt, welche die Möglichkeit eröffnen, Einsicht in das den Ausführungen zugrunde liegende Datenmaterial zu nehmen. Der Übersichtlichkeit wegen werde ich die Kernergebnisse – ein wenig plakativ – als Blöcke vorstellen.

Kernergebnis 1: fortlaufender Traditionsabbruch und Säkularisierung

Was verschiedene Umfragestudien der letzten Jahre immer wieder herausfanden, wird auch in der KMU V bestätigt:8 Die evangelische Kirche ist weiterhin einem von Generation zu Generation verlaufenden Prozess des Traditionsabbruchs und der Säkularisierung ausgesetzt. Nicht nur verlassen weiterhin kontinuierlich mehr Menschen die evangelische Kirche, als ihr beitreten, auch bei den Mitgliedern sind Tendenzen einer sinkenden Bindung an die Kirche, aber auch eine geringere Religiosität festzustellen – vorausgesetzt, man liegt in der Interpretation entsprechender Differenzen zwischen den untersuchten Alterskohorten als Verlaufsaussagen richtig. So fühlen sich zwar im Durchschnitt 45% der westdeutschen Mitglieder der evangelischen Kirche dieser stark oder ziemlich verbunden und gar 47% der ostdeutschen Mitglieder, aber eben nur 22% oder 34% der 14- bis 21- respektive 22- bis 29-Jährigen in Westdeutschland (S. 61f)9. In Ostdeutschland ist die Differenz wesentlich geringer, stufen sich doch fast 40% der jüngeren Generation als verbunden ein.

Doch nicht nur die Verbundenheit zur evangelischen Kirche ist über die Alterskohorten different. Neben der ebenfalls höheren Distanz der jüngeren Kirchenmitglieder zu sozialen Praktiken zeigen sich auch deutliche generationale Unterschiede bei subjektiven Glaubensäußerungen: Bezeichnen sich gerade einmal 43% der 14- bis 21-Jährigen selbst als religiös, steigt dieser Anteil über 62% bei den 30- bis 45-Jährigen auf mehr als 80% bei den über 61-Jährigen. Einfach gesagt: Je jünger ein Kirchenmitglied ist, desto weniger fühlt es sich der evangelischen Kirche verbunden, desto weniger praktiziert es religiös und desto seltener bezeichnet es sich selbst als religiös – oder glaubt auch an Gott. Selbst wenn man von lebenszyklischen Lern- und Gewöhnungsprozessen an die Kirche genauso ausgehen kann wie von einer biografisch bedingten Vitalisierung von Religiosität mit größerer Nähe zum Lebensende oder im Krankheitsfall, muss doch von einer generational zunehmenden Distanzierung gerade der nachwachsenden Generationen zur Kirche ausgegangen werden. Soziologisch ausgedrückt: Generationale Abbruchseffekte überstrahlen lebenszyklische Anpassungseffekte.10

Schaut man in die Zukunft, so dürfte sich diese Entwicklung, setzt man einmal keine eklatanten Veränderungen der Entwicklung der gesellschaftlichen Kontexte gegenüber den letzten Jahrzehnten voraus, langfristig in weiteren Abbruchsprozessen äußern. So ist mit 40% in Westdeutschland und 20% in Ostdeutschland der Anteil derjenigen, welche sich entweder sicher sind, demnächst aus der Kirche auszutreten, oder zumindest schon öfter daran gedacht haben, sich aber noch unsicher sind (so die Äußerung), in der Altersgruppe der 14- bis 21-Jährigen der größte von allen Altersgruppen.

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Anmerkungen

1 Im Folgenden wird für die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung vorwiegend die Abkürzung KMU V verwendet.
2 Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.), Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2013.
3 Typisch für die Ausrichtung auf die eher distanzierten Kirchenmitglieder ist sicherlich der Titel der dritten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung „Fremde Heimat Kirche“.
4 Siehe auch Eberhard Hauschildt, Die Kirche ist das Pfarramt – (Nicht nur) theologische Herausforderungen für das Pfarrbild, in: epd-Dokumentation 36/2014, 20.
5 Gerd Wegener, Wie reproduziert sich Kirchenmitgliedschaft? Zu einigen Ergebnissen der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, in: epd-Dokumentation 36/2014, 4.
6 Vgl. Gert Pickel, Die Situation der Religion in Deutschland – Rückkehr des Religiösen oder voranschreitende Säkularisierung?, in: Gert Pickel/Oliver Hidalgo (Hg.), Religion und Politik im vereinigten Deutschland. Was bleibt von der Rückkehr des Religiösen?, Wiesbaden 2013, 85-87.
7 Siehe Fußnote 2.
8 Siehe die Daten der Allbus- oder der ISSP-Studienreihen. Zusammenfassend: Gert Pickel, Die Situation der Religion in Deutschland (s. Fußnote 6).
9 Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die EKD-Veröffentlichung „Engagement und Indifferenz“ (s. Fußnote 2).
10 Hierzu Daniel Lois, Wenn das Leben religiös macht. Altersabhängige Veränderungen der kirchlichen Religiosität im Lebensverlauf, Wiesbaden 2013.

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