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Materialdienst 1/2015
Michael Utsch

Psychologie des Glaubens

Ist eine "christliche Psychologie" fachlich zu begründen?

Die Psychologie als die Lehre vom menschlichen Erleben und Verhalten verfügt über eine reichhaltige Vorgeschichte in allen Kulturen und Religionen. Ob man an die Erfindung des inneren Menschen in der Antike denkt, sich Platons Höhlengleichnis oder die Seelenlehre des Aristoteles in Erinnerung ruft oder die schonungslose Selbstanalyse des Kirchenvaters Augustinus in seinen Bekenntnissen nachliest – in verschiedensten Zusammenhängen wurde vorwissenschaftliche Psychologie getrieben.1 Die Vielfalt der vorliegenden Seelenlehren beeindruckt und verwirrt zugleich, weil das Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist in ganz unterschiedlichen Modellen erklärt wird.2

Jedoch: Die Psychologie kann „durch weitere Deutungen des philosophischen Seelenbegriffs keine Fortschritte erzielen“3. Ganz nüchtern stellt Hans Goller diese Behauptung an den Beginn seiner Psychologievorlesungen an der Münchener Jesuiten-Hochschule und begründet: „Als empirische Wissenschaft befasst sie sich mit den beobachtbaren Prozessen, die als Funktionen des Psychischen gelten, d. h. mit dem Erleben, dem Verhalten und den damit einhergehenden Körperprozessen. Auf diese Weise erforscht sie eine Fülle von Bewusstseinsphänomenen und Verhaltensweisen, die sie nach philosophischer Tradition ‚psychisch‘ nennt. Offen bleibt die Frage nach der Zentralinstanz, welche die einzelnen Funktionen koordiniert und die Einheit der menschlichen Person stiftet. Insofern die Psychologie den Glauben (sic!) an eine Zentralinstanz aufgegeben hat, ist sie zu einer ‚Psychologie ohne Seele‘ geworden“.4

Die Psychologie gründet auf methodischen Vorannahmen und begrenzt damit ihr Erkenntnisvermögen und ihre Aussagereichweite. Als Nachfolgebegriff der Seele gilt in der Psychologie die Person bzw. Persönlichkeit. Die heutige Psychologie versteht sich als Wissenschaft vom äußeren Verhalten und inneren Erleben des Menschen in der Welt. Was kann unter den Voraussetzungen einer empirischen Sozialwissenschaft über religiöses Erleben und Verhalten ausgesagt werden? Ist es möglich und sinnvoll, ein religiöses, speziell ein christliches Menschen- und Weltbild zur Grundlage einer empirisch überprüfbaren Persönlichkeitslehre zu machen? Kann eine christliche Psychologie fachlich begründet werden?

Die Seele zwischen Psychologie und Theologie

Der neuzeitliche Religionsbegriff wurde von seinem psychologischen Gehalt her entwickelt.5 Ursprünglich wurde der Psychologie einmal eine bevorzugte Position bei der Bestimmung des Religionsbegriffs zugewiesen. Damit schien zunächst die Relevanz der Psychologie für das urmenschliche Bedürfnis nach Glauben gegeben zu sein. Allgemein wurde Religion dargestellt als ein individuelles emotionales Erleben, sei es als „Gefühl des Unendlichen“ und „schlechthinniger Abhängigkeit“6, als „numinose Gemütsgestimmtheit“ in der Ergriffenheit durch das Heilige7 oder als „erlebnishafte Begegnung mit heiliger Wirklichkeit“8. Aus theologischer Perspektive wurden später kenntnisreiche Arbeiten zur Psychologie der christlichen Mystik, des Urchristentums oder des Pietismus verfasst.9

Gegenüber der phänomenologischen und hermeneutischen Ideenflut orientierte sich die junge und aufstrebende Psychologie jedoch von Beginn an, also seit Ende des 19. Jahrhunderts, streng an naturwissenschaftlich-empirischen Forschungsidealen. Damit wollte man sich von den geisteswissenschaftlichen „Eltern“ Philosophie und Theologie abgrenzen. Zuallererst wurden deshalb die philosophischen und theologischen Seelenmodelle als veraltet abgetan. Man verschrieb sich dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal des Messens und Berechnens, um sich als empirische Sozialwissenschaft zu profilieren. Zwar verlor man die Religiosität nicht gänzlich aus den Augen, reduzierte sie aber auf beobachtbare Faktoren wie religiöses Verhalten oder experimentierte mit der individuellen Reaktion auf religiöse Texte.

Nach den beiden Weltkriegen haben die Psychologie und die Theologie eine gegenläufige gesellschaftliche Akzeptanz erlebt. Während heute psychologischen Kriterien weitreichende Entscheidungskompetenzen zugestanden werden, hat die Theologie massiv an Einfluss verloren. Psychologische Deutungen – zumal wenn sie mit empirischen Daten begründet werden – haben den Bedeutungsverlust des christlichen Wirklichkeitsverständnisses für sich zu nutzen gewusst. Heute treten sie teilweise ganz unverblümt als Sinngeber und Orientierungsmaßstab auf, ohne dabei ihre fachlichen Grenzen zu beachten.10

Unter dem Einfluss der massiven Säkularisierungsprozesse in Europa wurden religiöse Erfahrungen hierzulande aus psychologischer Perspektive viele Jahrzehnte lang vernachlässigt und als ein außergewöhnliches, eher pathologisches Phänomen betrachtet. Primär waren dabei spektakuläre Erscheinungen wie außersinnliche Wahrnehmungen, paranormale Erfahrungen oder transpersonale Bewusstseinszustände im Blick, kaum aber gewöhnliches seelisches Erleben. Amerikanische Religionspsychologen waren viel stärker an der Frage interessiert, welchen Einfluss traditionell als religiös empfundene Gefühle auf die alltägliche Lebens- und Beziehungsgestaltung haben. In Europa hat erst die Palliativmedizin Themen wie religiöse Bedürfnisse und spirituelles Erleben akademisch „salonfähig“ gemacht und dazu beigetragen, dass religionspsychologische Fragestellungen auch in der Psychologie ernsthaft behandelt werden.11

Hinwendung zu spirituellen Fragen in der Psychotherapie

Spiritualität psychologisch zu verstehen und die Geist-Seele-Verschränkung differenzierend zu beschreiben und zu erklären, wurde in vielen Anläufen und sehr verschiedenen weltanschaulichen Prämissen unternommen. So baute etwa Rudolf Steiner seine Menschenkunde auf geisteswissenschaftlichen Grundlagen zu einer „spirituellen Psychologie“ aus.12 Die im Jahr 2008 gegründete „Deutsche Gesellschaft für Anthroposophische Psychotherapie“ sieht in der Geisteswissenschaft Steiners eine wissenschaftliche Grundlage, um Erkenntnisse über Zusammenhänge der Wirkung des Geistigen im Menschen, seiner Seele und seinem Organismus sowie den Krankheits- und Heilungsvorgängen zu gewinnen. Im Rückgriff auf das anthroposophische Menschen- und Weltbild soll die Psychotherapie um die geistige Dimension erweitert werden.13 Im Herbst 2014 hat eine von der Fachgesellschaft veranstaltete dreijährige berufsbegleitende Fortbildung in „Anthroposophischer Psychotherapie“ begonnen, die auf den bestehenden fachlichen Qualifikationen aufbauen und die Aufmerksamkeit für das Geistige im therapeutischen Prozess schulen möchte.

Besonders in der Psychotherapie vollzog sich in den letzten Jahren unter dem Einfluss östlicher Weisheitslehren und meditativer Bewusstseinstechniken ein bemerkenswerter „spiritual turn“. Angestoßen durch die Humanistische Psychologie wurde es populär, professionelle Beratung und Psychotherapie mit spirituellen Zielen und Methoden zu verbinden.14 Seit zwei Jahrzehnten ist besonders die von Ken Wilber ins Leben gerufene Transpersonale Psychologie bestrebt, östliche Weisheitskultur mit westlicher Psychologie und damit Spiritualität und Rationalität zu verbinden und eine „integrale“, spirituelle Methoden einbeziehende Psychotherapie zu entwickeln.15 Hinweise auf eine zunehmende Spiritualisierung der Psychotherapie bis hin zu einer neuen „postmaterialistischen“ Psychologie-Konzeption nehmen also zu.16

Weil heute auf dem Markt alternativer Lebenshilfe spirituelles oder geistiges Heilen weit verbreitet ist und vielfach angewendet wird, stellt dieses Phänomen eine besondere Herausforderung für die wissenschaftliche Psychotherapie dar. Im Sommer 2014 hat Österreichs Gesundheitsministerium esoterische, spirituelle und religiöse Methoden in der Psychotherapie als Verstoß gegen die Berufsethik bewertet und sie deshalb explizit aus Behandlungen ausgeschlossen.17 Wenn aber ein Patient positive Erfahrungen mit den unterstützenden Kräften der Spiritualität gemacht hat, sollte ein Therapeut diese Ressource nicht in die Behandlung mit einbeziehen? Über die Vor- und Nachteile einer Einbeziehung spiritueller Interventionen wird derzeit eine intensive Fachdiskussion geführt.18

Achtsamkeitsbasierte Weiterbildungen sind in psychotherapeutischen Kursen seit vielen Jahren ein Renner. In der Verhaltenstherapie befasst man sich schon länger mit einer am Buddhismus orientierten Geistes- und Aufmerksamkeitsschulung und bezieht achtsamkeitsbasierte Verfahren ein. Seit einigen Jahren wird der Spiritualitäts-Diskurs sogar auch von der traditionell religionsfeindlichen Psychoanalyse aufgegriffen.19

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Anmerkungen

1 Vgl. Jan Assmann (Hg.), Die Erfindung des inneren Menschen. Studien zur religiösen Anthropologie. Gütersloh 1993.
2 Vgl. die Überblicke bei Ludwig Pongratz, Problemgeschichte der Psychologie, München 1984; Gerd Jüttemann/Michael Sonntag/Christoph Wulf (Hg.), Die Seele. Ihre Geschichte im Abendland, Weinheim 1991; Hartmann Hinterhuber, Die Seele. Natur- und Kulturgeschichte von Psyche, Geist und Bewusstsein, Wien 2001.
3 Hans Goller, Psychologie. Emotion, Motivation, Verhalten, Stuttgart 1995, 17.
4 Ebd.
5 Vgl. Falk Wagner, Was ist Religion?, Gütersloh 1986.
6 Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), Berlin 1999.
7 Rudolf Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen (1917), München 1987.
8 Gustav Mensching, Religion, in: RGG3 Bd. V, Tübingen 1961, 961.
9 Alois Mager, Mystik als seelische Wirklichkeit. Eine Psychologie der Mystik, Graz 1945; Klaus Berger, Historische Psychologie des Neuen Testaments, Stuttgart 1995; Gerd Theißen, Erleben und Verhalten der ersten Christen. Eine Psychologie des Urchristentums, Gütersloh 2007; Horst Gundlach, Psychologie, in: Hartmut Lehmann (Hg.), Geschichte des Pietismus, Bd. 4: Glaubenswelten und Lebenswelten, Göttingen 2004, 309-333.
10 Eine umfassende Kritik psychologistischer Lebenserklärung stammt von der israelischen Kultursoziologin Eva Illouz, Die Errettung der modernen Seele, Frankfurt a. M. 2009.
11 Vgl. die aktuellen Fachbücher von Anton Bucher, Psychologie der Spiritualität, Weinheim 2013; Alexander von Gontard, Spiritualität von Kindern und Jugendlichen, Stuttgart 2013; Michael Utsch/Raphael Bonelli/Samuel Pfeifer, Psychotherapie und Spiritualität, Berlin 2014.
12 Markus Treichler (Hg.), Rudolf Steiners spirituelle Psychologie, Stuttgart 2008.
13 Vgl. www.anthroposophische-psychotherapie.de (Abruf: 3.12.2014).
14 Nach 50 Jahren sind gerade zwei diesbezügliche Aufsätze des Begründers der Humanistischen Psychologie in deutscher Übersetzung erschienen: Abraham Maslow, Jeder Mensch ist ein Mystiker. Impulse für die seelische Ganzwerdung. Mit einer Einführung von David Steindl-Rast, Wuppertal 2014.
15 Ken Wilber, Integrale Psychologie, Freiamt 2000; Renaud van Quekelberghe, Grundzüge der spirituellen Psychotherapie, Frankfurt a. M. 2007.
16 Vgl. Michael Utsch, Postmaterialistische Wissenschaft?, in: MD 2/2014, 54-58.
17 Vgl. Michael Utsch, Österreichische Richtlinie verbietet esoterische Methoden in der Psychotherapie, in: MD 12/2014, 463-465.
18 Vgl. Michael Utsch, Neue Aufmerksamkeit für spirituelle Methoden in der Psychotherapie, in: ders. (Hg.), Spirituelle Lebenshilfe, EZW-Texte 229, Berlin 2014, 20-28.
19 Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) führt am 16. und 17.1.2015 in München das 5. Symposium „Psychoanalyse und Religion“ durch.

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