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Materialdienst 11/2002
Andreas Fincke

"Tage der offenenTür" im Mormonentempel

Im August war der Freiberger Tempel der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (Mormonen) während zwei Wochen für die Öffentlichkeit zugänglich. Normalerweise können die Mormonentempel nur von Mitgliedern der Gemeinschaft, die im Besitz eines sog. "Tempelscheins" sind, betreten werden. In Freiberg wurden jedoch umfangreiche Umbauten vorgenommen, so dass der Tempel vor seiner erneuten Weihe auch von Nicht-Mormonen besucht werden konnte. Darüber hinaus wurden Pressemappen verteilt und großzügig Abdruckrechte für das folgende Bildmaterial eingeräumt.

Der Freiberger Tempel war der erste Mormonentempel in Deutschland. Er wurde im Juni 1985 eingeweiht. Der Neubau war in der DDR eine kleine Sensation: Etwa 90 000 Besucher zog der Tempel damals bei den "Tagen der offenen Tür" an. Der Staat nahm dieses große Interesse mit Argwohn zur Kenntnis. Vermutlich galt die Neugier vieler Ostdeutscher jedoch weniger dem Glauben der Mormonen als vielmehr einem Hauch von Amerika, den die mit Dollars und westlichen Baustoffen in der ostdeutschen Provinz errichtete Anlage bis heute verströmt. Über die politischen Konnotationen des Tempelbaus ist damals viel spekuliert worden. Zweifellos wollte die DDR-Regierung mit der Baugenehmigung für den ersten Mormonentempel im Ostblock Weltoffenheit und Toleranz demonstrieren. Der Neubau war aber auch eine willkommene Gelegenheit, allen anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften zu signalisieren, was möglich ist, wenn man sich systemkonform verhält: Die Mormonen, die ja die Unterordnung des Gläubigen unter die Obrigkeit in ihrem Glaubensbekenntnis festhalten, sind damals in ihrem Bemühen um ein gutes Verhältnis zum SED-Staat sehr weit gegangen: So besuchten drei Jahre nach der Tempeleinweihung beispielsweise Vertreter der Internationale Leitung der Mormonen Erich Honecker. In einem Grußwort schrieben sie: "Wir achten Sie als Repräsentanten unserer Heimat, unseres Staates, mit dem wir uns identifizieren. ... Heilige der Letzten Tage sind niemals 'Aussteiger', sondern positiv und optimistisch im Denken und Handeln. ... die Kirche steht grundsätzlich niemandem zur Verfügung, der bei ihr eine Plattform oder ein Dach für Opposition sucht. ... die jungen Menschen kommen deshalb auch ihrer Pflicht zur Wehrdienstleistung nach." Solche Sätze sind (zu Recht!) von vielen Kirchen als Affront empfunden worden, war man doch bemüht, wenigstens kleine Spielräume im gleichgeschalteten Staat zu ermöglichen. Dass die Mormonen ein Mindestmaß an frischer Luft mit politischer Opposition identifiziert haben, entsprach doch sehr dem Weltbild der SED, aber kaum der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Jahre 1988.

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