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Materialdienst 11/2002

Unheimliche Kornkreise - Zur Wiederkehr eines esoterischen "Mysteriums"

"Falschmeldungen? Täuschungen? Naturphänomene? Kornkreise. Diese Zeichen erscheinen seit Jahren. Niemand nahm sie ernst. Niemand verstand die Botschaft oder die Warnung. Bis jetzt." So beginnt die Internetpräsentation für den Film "Signs - Zeichen", der nach beachtlichen Erfolgen in den USA mit einem Startergebnis von 60,3 Millionen Dollar Mitte September auch in die deutschen Kinos kam. Für Kenner gilt er sogar als "Überraschungserfolg des Jahres". Der 32-jährige Regisseur M. Night Shyamalan, in Indien geboren und in den USA aufgewachsen, gilt in der Filmbranche nach beachtlichen Erfolgen mit "The Sixth Sense" (1999) mittlerweile als Spezialist für übernatürliche Themen. In der Hauptrolle ist Mel Gibson zu sehen. Er mimt einen ehemaligen Pfarrer, der seit dem tragischen Tod seiner Ehefrau den Glauben verloren und den Beruf an den Nagel gehängt hat. Zusammen mit den beiden Kindern und dem Bruder, einem ehemals bekannten Baseballspieler, lebt er seither zurückgezogen auf einer einsamen Farm. Eines Tages entdecken die Kinder in den nahe gelegenen Feldern riesige symmetrische Formationen. Die mysteriösen Kreise entpuppen sich schließlich als Werk von Außerirdischen, die diese als Navigationszeichen für eine weltweite Invasion nutzen wollen. Der Ex-Pfarrer sieht sich auf seiner Farm mit immer unheimlicheren Geschehnissen konfrontiert ... Eine Atmosphäre des Terrors entsteht: ein Maisfeld im Dunkeln, vorbeihuschende Schatten, unerwartete Bewegungen. Mit dieser Mischung, zu der noch bedrohliche Aliens hinzukommen, erweist sich der Film als "Signs-Fiction". Oder hat das Magazin "Focus" Recht, wenn es den Film als "esoterische Raschel- und Knister-Show" bezeichnet? Immerhin: Die esoterische Thematik bzw. Deutung spielt für den Film eine zentrale Rolle. Der Kinofilm "Signs" lässt sich als Reaktion auf die Verunsicherung durch Modernisierungsprozesse deuten. Die Bedrohung individuellen menschlichen Lebens geht innerweltlich von der unkontrollierbaren menschlichen Technik (Verkehrsunfall) aus, die kollektive Bedrohung der Menschheit wird auf außerirdischen Einfluss aus fernen Welten zurückgeführt. - "Signs" bietet zeitgemäße Mystery-Unterhaltung. Dabei greift der Film ein Thema auf, das seit vielen Jahren bei der EZW angefragt wird (vgl. MD 11/1991, 337f) und in Esoterik und Ufologie immer wieder zu höchst spekulativen Erklärungsversuchen geführt hat.

Im Fahrwasser des Kornkreis-Rummels hat die Esoterik-Zeitschrift "Magazin 2000plus" der Thematik eine Spezialausgabe über "UFOs und Kornkreise" gewidmet. Chefredakteurin Ingrid Schlotterbeck will die Gunst der Stunde nutzen, "daß sich nunmehr eine breitere Öffentlichkeit für Fakten und Hintergründe des UFO- und Korn-kreismysteriums interessiert". Das Magazin betrachtet die Kornkreise als "modernes Mysterium". Ganz im esoterischen Sinne werden sie gedeutet als "Offenbarung derjenigen Wesenheiten ..., die seit allen Zeiten der Menschheit bekannt waren und immer noch bekannt sind: die Wesenheiten der Hierarchien des Sonnensystems, der großen Baumeister der Welt". Gegenüber religiös-weltanschaulichen Deutungsversuchen offen erweist sich auch Invisible Circle, eine deutschsprachige Vereinigung von Kornkreisforschern (www.invisiblecircle.de), die es sich seit 1999 zur Aufgabe gemacht hat, nach möglichen Erklärungen für dieses Phänomen zu suchen. Ein mittlerweile prominentes Mitglied, Andreas Müller, hat hierzu ein optisch ansprechendes Buch vorgelegt (Kornkreise. Geometrie, Phänomene, Forschung, Aarau/Schweiz 2001, 2. Aufl. 2002) und begleitend zum Filmstart auch diverse Fernsehauftritte absolviert. In Frage kommen für diese Interessensvereinigung neben natürlichen Erklärungsversuchen (durch kleinere Wirbel in der Luft, sog. Plasmawirbel, Bodenanomalien bzw. chemische Störungen des Pflanzenwachstums, die Einwirkung von Pilzarten oder durch Kugelblitze) auch überirdisch-esoterische bzw. geomantische Deutungsversuche, so etwa die Erd-Energie oder Orgon-Energie. Nicht ganz ausgeschlossen wird zwar, die Kornkreise auch auf menschliche Einwirkung (Landschaftskünstler, durch Rentner oder Studenten sowie durch militärische Versuche) zurückzuführen. Doch das wäre für die Kornkreis-Faszinierten gar zu simpel. In ihren Stellungnahmen ist die Sehnsucht nach einem Über-Wissen zu spüren, das - so die durchaus modern-fortschrittsoptimistische Hoffnung - auch weitreichende weltanschauliche Implikationen haben könnte: "Wir sind der Überzeugung, dass hinter den Kornkreisen eine Ursache steht, die sich nicht mit den bisherigen Erklärungsversuchen in Einklang bringen lässt. Diese mögliche Lösung des Rätsels wird vielleicht nicht nur die Kornkreise erklären, sondern auch andere Aspekte der Welt und unseres täglichen Erlebens und könnte uns verändern." Im Fall des aktuellen Kornkreis-Fiebers muss man nicht unbedingt esoterisches Überwissen als Erklärungsversuch bemühen: Weniger übermenschliche Kräfte als vielmehr marktorientiertes Kalkül geben sich im Strickmuster des einträglichen Kinofilms und des daraus resultierenden esoterischen Rummels zu erkennen.

Matthias Pöhlmann

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