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Materialdienst 12/2014
Reinhard Hempelmann

Christlicher Schöpfungsglaube und Kreationismus

Die folgenden Überlegungen gehen auf Herausforderungen des christlichen Schöpfungsglaubens in der heutigen Welt ein. Sie skizzieren Anliegen und problematische Aspekte des Kreationismus und zeigen auf, warum er kein biblisches Konzept ist. Bezug genommen wird auch auf die Kreationismus-Diskussion im August- und Oktoberheft des Materialdienstes.


Christlicher Schöpfungsglaube steht heute vor unterschiedlichen Herausforderungen, die hier nur skizzenhaft genannt werden.

Eine esoterisch gestimmte Naturmystik ist in der religiös-weltanschaulichen Gegenwartskultur durchaus einflussreich. Sie greift Gedanken des neuzeitlichen Pantheismus auf und plädiert für eine das Ganze umgreifende, spirituelle Weltsicht. Die cartesianische Weltauffassung, die von einer Entgegensetzung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Körper und Geist, zwischen Gott und Welt ausgeht, soll verabschiedet werden. An ihre Stelle soll eine Weltbetrachtung treten, in der das Göttliche in der Welt als „kosmische Lebensenergie“ überall wirkt und sich als kosmisch-evolutives Prinzip entfaltet, als „Geist des Universums“ und sich manifestierende Kraft der Selbstorganisation. Das natürliche Evolutionsgeschehen wird in dieser Perspektive spiritualisiert. Das in den Religionen verehrte Göttliche wird als kosmische und universale Lebensdynamik mit dem Entwicklungsprozess des Kosmos identifiziert. In dieser neuen spirituellen Weltbetrachtung wird ein göttlicher Geist in allem Seienden entdeckt. Der einzelne Mensch verliert in dieser Perspektive seine Mittelpunktstellung und wird zum Artikulationsmedium eines universellen Lebensstroms. Es liegt in der Konsequenz einer solchen Weltanschauung, dass Freiheit und Personalität zurücktreten. Es gehört zu den zentralen Anliegen einer esoterisch gestimmten Naturmystik, Gott und Welt in eins zu sehen. Die beanspruchte Überwindung von Dichotomien bezieht sich auch auf die im Rahmen kultureller Säkularisierung verloren gegangene Einheit von Weltbild und Religion und von Vernunft und Glaube. Eine esoterisch gestimmte Naturmystik bietet für den Menschen eine umfassende Sinndeutung an. Er soll sich als Teil einer evolutiven Bewusstseinstransformation verstehen. Zugleich sehen sich Vertreterinnen und Vertreter solcher Weltdeutungen selbst im Einklang mit Erkenntnissen der Wissenschaft (Physik, Biologie, Psychologie). Der erklärte Wille, Glauben und Wissen miteinander zu versöhnen und ein alternatives Orientierungswissen zu begründen, geschieht durchweg um den Preis, zwischen wissenschaftlicher Rationalität und weltanschaulichem Interesse nicht länger unterscheiden zu können.

Ganz andere Interessen verfolgt eine materialistisch-evolutive Weltanschauung, die in atheistischen Weltdeutungen eine zunehmende öffentliche Sichtbarkeit und Resonanz erfahren hat. Sie knüpft an die empirischen Theorien einer Evolutionsentwicklung von Weltall, Leben und Mensch an und interpretiert wissenschaftliche Forschungsergebnisse im Sinne einer umfassenden materialistischen Weltanschauung. Sie geht davon aus, dass die gesamte Wirklichkeit verstanden werden kann als „pure Selbstentfaltung der physikalisch, biologisch, biochemisch oder biogenetisch zu erfassenden Materie“1. Während die grundlegende weltanschauliche Orientierung der esoterischen Naturmystik lautet, dass der Geist die Materie bestimmt, wird dieses Motto in materialistischen Weltanschauungen gewissermaßen umgedreht: Die Materie bestimmt alle geisthaften Prozesse. In atheistischen Manifesten wird das menschliche Ich als „Produkt neuronaler Prozesse“ verstanden und darauf hingewiesen, dass Geistiges auf Körperlichem beruhe. Auch religiöses Bewusstsein wird in dieser Perspektive eingeordnet in eine hirnphysiologische Theorie zur Entstehung der Religion. Die Einsichten von Charles Darwin (1809 – 1882) werden in den Rang einer naturalistischen Weltanschauung erhoben, was dieser selbst ausdrücklich ablehnte. Die Entdeckung Darwins wird zum „Darwin-Code“, der beansprucht, das Geheimnis des Lebens umfassend und vollständig erklären zu können.2

Die idealtypisch vorgestellten Beispiele für Herausforderungen, vor denen der Schöpfungsglaube heute steht, sind aufeinander bezogen, bedingen einander, und die christliche Theologie muss sich mit ihnen auseinandersetzen. In beiden Beispielen werden Theorien zur evolutiven Entwicklung von Welt und Mensch zu einer umfassenden, alles erklärenden Weltanschauung erhoben. Die alten und neuen Fragen der Menschen nach Orientierung, Wahrheit und Sinn scheinen durch die skizzierten Wirklichkeitsdeutungen umfassend beantwortet werden zu können.

Auch das kreationistische Paradigma gehört zu den Herausforderungen christlichen Schöpfungsglaubens. Angesichts der unverkennbaren Ausbreitung des konservativen Protestantismus und zunehmender Austauschprozesse zwischen Amerika und Europa werden kreationistische Perspektiven zunehmend bekannter, auch wenn sie im europäischen Kontext nur eine begrenzte Resonanz entfalten. Vertreter des Kreationismus suchen und finden in der Bibel naturwissenschaftliche Informationen zur Weltentstehung, die sie als Alternative zum evolutiven Verständnis von Mensch und Welt anbieten.

Vertreter des Kreationismus beanspruchen, einen Dialog mit der modernen Naturwissenschaft führen zu wollen. Inwiefern dies geschieht oder nicht geschieht, kann beispielhaft an der Kontroverse zwischen Hansjörg Hemminger, Martin Neukamm einerseits und dem Leitungskreis der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ andererseits beobachtet werden (vgl. MD 8/2014, 292-305; 10/2014, 381-385).3 Ausgangspunkt dieser Kontroverse war die Rezension des Buches von Barbara Drossel „Und Augustinus traute dem Verstand“ durch den Geschäftsführer der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Reinhard Junker. Nach Auffassung der Studiengemeinschaft verliert der christliche Glaube sein Zentrum, wenn die Evolution wahr wäre. „Wäre die Evolution wahr, hätte die Gegenüberstellung von Adam und Christus sowie ihre Taten keine Basis und würde sinnlos.“4 Die Ablehnung der Evolutionstheorie wird in das Zentrum christlichen Glaubens gerückt. Jedenfalls ist die Argumentation vor allem darauf ausgerichtet, die Relevanz der antievolutionistischen Weltdeutung nicht nur für den Schöpfungsglauben, sondern auch für das christliche Heilsverständnis aufzuzeigen, das für alle christlichen Kirchen grundlegend mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi verbunden ist.

Das kreationistische Paradigma

Mit dem Wort Kreationismus wird jene Auffassung bezeichnet, die auf Genesis 1 und 2 Bezug nimmt und diese Texte in einer sehr spezifischen Weise auslegt: Gott habe gemäß der wortwörtlich zu nehmenden Schrift die Welt in exakt sechs Tagen geschaffen (Kurzzeitkreationismus). Die Evolutionstheorie sei deshalb nicht zutreffend. „Für die bibelorientierte Wissenschaft gilt – auch angesichts enormer Probleme –, daß die Aussagen der Heiligen Schrift Vorrang vor empirisch begründeten Theorien haben, auch wenn diese gut durch Daten gestützt zu sein scheinen.“5 Eine Variante kreationistischer Auffassungen stellt der Langzeitkreationismus dar. Er ist ebenso antievolutionistisch ausgerichtet, geht jedoch von einer alten Schöpfung aus, die Gott in einem besonderen, nicht evolutiv zu verstehen Akt ins Dasein gesetzt habe. Alle Varianten des Kreationismus lehnen die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie ab. Darwinistische Perspektiven werden als wissenschaftlich falsch und moralisch problematisch angesehen.

Seit den 1960er Jahren sind kreationistische Stimmen, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland, von dem Bemühen bestimmt, nicht nur einen „biblischen“, sondern einen „wissenschaftlichen Kreationismus“ (scientific creationism bzw. creation science) zu entwickeln. Man sucht nach wissenschaftlichen Hinweisen und Beweisen für das „Schöpfungsparadigma“, das an die Stelle der Evolutionstheorie treten soll. Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen verbreitet eine didaktisch gut gestaltete Publikation „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“, das sechs Auflagen erzielte, naturwissenschaftliche Plausibilität beansprucht und davon ausgeht, dass die Schöpfungserzählungen des 1. Mosebuches auch die Grundlage naturwissenschaftlicher Forschung darstellen können.6

Kreationismus ist eine Bewegung innerhalb des evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Christentums. Kreationistische Ideen werden zwar auch von der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen, ebenso von Adventisten und anderen religiösen Gemeinschaften christlicher Prägung und Herkunft vertreten. Darüber hinaus gibt es einen islamisch motivierten Kreationismus. Die öffentliche Diskussion konzentriert sich allerdings auf den Kreationismus, wie er im Kontext der evangelikalen Bewegung vorkommt.

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Anmerkungen

1 Medard Kehl, Und Gott sah, dass es gut war. Eine Theologie der Schöpfung, Freiburg i. Br. 2006, 26.
2 Thomas Junker/Sabine Paul, Der Darwin-Code. Die Evolution erklärt unser Leben, München 2009.
3 Siehe zur weiteren Diskussion auch die Statements von Martin Neukamm (http://ag-evolutionsbiologie.net/html/2014/ezw-w+w.html) und der Studiengemeinschaft Wort und Wissen (www.wort-und-wissen.de/disk/main.html).
4 IdeaSpektrum 10/2014, 20.
5 Reinhard Junker, Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas, www.wort-und-wissen.de/artikel/a02/a02.pdf (Abruf: 10.11.2014), 5. Zwar wird dieser Satz in den folgenden Bemerkungen etwas abgemildert. Der Satz dokumentiert jedoch, dass Junker Wissenschaft nicht in einem neuzeitlichen Sinn versteht. Er fordert ein neues Verständnis von Wissenschaft und will den neuzeitlichen Differenzierungsprozess von Religion und Wissenschaft, den man auch als Folge des christlichen Glaubens verstehen kann, zurücknehmen.
6 Reinhard Junker/Siegfried Scherer, Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, Gießen 62006.
7 Werner Gitt, Das biblische Zeugnis der Schöpfung, Neuhausen-Stuttgart 1983, 41.

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