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Materialdienst 12/2014
Sara Pinkas

Sieben Juwelen der Weisheit

Eindrücke von einem Seminar der Theosophischen Gesellschaft

Neugierig und ohne viel Vorwissen nahm ich im September 2014 an dem Tagesworkshop zum Thema „7 Juwelen der Weisheit – Universale Philosophie und ihre praktische Anwendung“ der Theosophischen Gesellschaft teil. Die für Nichtmitglieder und alle Interessierten angelegte Tagung fand in einem Berliner Hotel statt, wo ich freundlich begrüßt und mit einem Namensschild ausgestattet wurde.

Nach der Eröffnungsrede begann der erste Vortrag („Theosophie klar und einfach – 7 Juwelen in einer Nussschale“), der die sieben Juwelen (s. u.) im Überblick vorstellte. Darauf aufbauend folgten drei weitere Vorträge unterschiedlicher Referenten, die die Juwelen noch einmal vertieft erklärten. Die Vorträge wurden von Freiräumen für Fragen und Workshops in kleinen Gruppen umrahmt. Die Veranstaltung war sehr professionell gestaltet, mit Materialen für die Teilnehmer, toller Verpflegung, Beamer und Headset für die Referenten. Die etwa 70 Teilnehmer – davon schätzungsweise zehn Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft – waren in Bezug auf Alter und äußere Erscheinung bunt gemischt.

Gleich in der Einführung wurde betont, dass Theosophie keine Dogmen habe und es um unabhängiges Denken gehe. Fragen seien erwünscht, die vorgestellten Prinzipien sollen praktisch angewendet werden. Theosophie sei als Synthese von Religion, Philosophie und Wissenschaft zu verstehen bzw. liege diesen zugrunde. Die Vorträge basierten vor allem auf den Büchern von Helena Petrovna Blavatsky.

In den zur Verfügung gestellten Materialien stellt sich die Theosophie wie folgt vor: „Der Name Theosophie stammt aus dem Griechischen ‚Theos‘ und ‚Sophia‘ in der Bedeutung Göttliche Weisheit. Sie ist keine Religion, sondern eine Lebensphilosophie, die jedem Menschen die Möglichkeit gibt, eine Lösung für die vielen Probleme des Lebens zu finden. Theosophie beinhaltet zuerst die Prinzipien der Moral. Diese Moral kann aus einer gewaltigen Zahl von Lehren über die Gesetze im Universum und dem Aufbau von Mensch und Universum abgeleitet werden. Diese Lehren gründen sich nicht auf Glauben, sondern auf Wissen, das von allen großen Weisen der Vergangenheit und Gegenwart geprüft worden ist. Theosophie regt unabhängiges Denken und die Suche nach Wahrheit an. Theosophie gibt Erklärungen über das Wie (Wissenschaft), das Warum (Philosophie) und das Was (Religion) des Lebens.“

Drei theosophische Grundaussagen

Zunächst wurden die drei „Propositionen“ bzw. theosophischen Grundaussagen vorgestellt, in deren „Licht“ die sieben Juwelen der Weisheit zu betrachten seien. Die Propositionen werden in Blavatskys Buch „Die Geheimlehre“ erwähnt. Sie seien keine Dogmen, sondern Hypothesen, die es erlauben, den Wert der Theosophie zu untersuchen, indem sie im täglichen Leben verglichen und geprüft werden.

Die erste Proposition ist die Grenzenlosigkeit:1 Damit ist ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches Prinzip gemeint, über das gar keine Spekulation möglich sei, da es die Kraft menschlicher Vorstellung übersteige und durch irgendwelche menschlichen Ausdrucksweisen oder Vergleiche nur erniedrigt werden könne. Zur Abgrenzung von einem Schöpferglauben folgt die Erklärung dieser ersten Proposition: Es gebe eine ursachlose Ursache aller Wesen. Diese wird ES genannt. Sie sei keine Wesenheit (also nicht Gott), die Menschen gehen nicht aus ES hervor, sondern sind ES in ihrem tiefsten Kern. Daraus lasse sich die „Universale Bruderschaft“ (alle Wesen sind untrennbar miteinander verbunden) als Naturtatsache ableiten, ebenso dass alle Wesen von gleichem Wert seien.

Die zweite Proposition ist die zyklische Bewegung: Leben trete periodisch in Erscheinung. Beispiele hierfür seien die Gezeiten. Nach jeder Periode der Manifestation ziehe sich das Leben wieder zurück. Zusätzlich wird von der Beseeltheit aller Dinge ausgegangen. Jede Form sei Ergebnis des Bewusstseins, das durch sie wirke. Leben sei Bewusstsein. Dauerhafte Veränderungen können nur durch Umgestaltung des Bewusstseins geschehen.

Als dritte Proposition gilt der Satz: Wie oben, so unten. Dieses Grundprinzip der Esoterik wird immer wieder, beispielsweise in der Astrologie, aufgegriffen. Alle Wesen seien nicht nur miteinander verbunden, sondern alle Seelen teilen die fundamentale Identität mit der Oberseele, die selbst ein Aspekt der unbekannten Wurzel sei. Jede Seele sei ein Funken der Oberseele und durchwandere den Zyklus der Inkarnationen – in Übereinstimmung mit zyklischem und karmischem Gesetz. Die Erklärung dazu lautet, dass jeder als Kind des Grenzenlosen grenzenlose Fähigkeiten in sich trage. Jedes Wesen entwickle auch seine latenten Fähigkeiten und wachse daher gradweise vom „Atom zum Gott“ und sogar noch weiter, ohne Ende. Der Kosmos wird als großer zusammenhängender Organismus betrachtet. Jede Wesenheit sei ein lebender, wachsender Teil von ihm. Außerdem sei Wissen nie „fertig“: Hinter dem Wissen, das man jetzt habe, liege immer eine noch größere Wahrheit verborgen. Daher gebe Theosophie jeder Art von Dogmatismus den Todesstoß.

Sieben Juwelen

Im Lichte der genannten drei Grundaussagen „erstrahlen“ nun die sieben Juwelen der Weisheit, die aus den Grundaussagen hervorgehen und in „Schriften des Ostens“ gefunden werden können:

  • Das 1. Juwel ist die Reinkarnation, der zyklische Prozess von Leben und Tod: Der Tod ist lediglich eine Ruhephase, vergleichbar mit dem Schlaf, nach dem die Seele mit den Erkenntnissen des vorherigen Lebens wieder erwacht.
  • Das 2. Juwel ist die Lehre von Ursache und Wirkung, das Karma: Jede Handlung im Kosmos führt zu einer Reaktion, einer Wirkung, die in diesem oder in den nächsten Leben auftritt.
  • Das 3. Juwel sind die Hierarchien: Jedes Wesen ist Teil von etwas Größerem und selbst aus kleineren Wesen zusammengesetzt.
  • Das 4. Juwel ist das Selbst-Werden: Man wird zu dem bzw. ist, was man sich selbst in seinem Bewusstsein aufgebaut hat und ist allein dafür verantwortlich.
  • Als 5. Juwel wird die „Progressive Evolution“ genannt: Verbesserung und Veränderung sind durch Anstrengung möglich und können von jedem erreicht werden.
  • Das 6. Juwel ist die Existenz zweier Pfade, des Pfades „Jeder für sich“ und des Pfades des Mitleidens: Den ersten Pfad betritt man für sich selbst, für die individuelle Erlösung. Das Motiv, den Pfad des Mitleidens zu betreten, ist der Nutzen für alles, was lebt.
  • Das 7. Juwel ist die Kenntnis des Selbst, des Kerns von allen Wesen: Das eine Leben, das durch jedes Leben fließt, kann erkannt werden.

Eindrücke und Einschätzungen

Theosophie soll mit ihrer Lehre die Sicht auf das Leben weiten, verlängern, vertiefen und bereichern. Es ist verständlich, dass manche der Gedanken Gefallen hervorrufen. Hätte man mehrere Leben zur Verfügung, würde das bei den vielen sich bietenden Möglichkeiten ungemein entlasten. Man müsste nicht mehr rastlos „alles“ in ein einziges Leben packen, sondern könnte sich Zeit lassen. Auch ist mit Sicherheit die Vorstellung angenehm, man könne sein Leben in jedem Moment komplett umkrempeln und sich verändern. Und wenn nur ich selbst Verantwortung dafür trage, wer und wie ich bin, nimmt das jegliches Opfer-Gefühl und gibt mir die Kontrolle über mein ganzes Leben. Ich muss mich zudem nicht mit Unsicherheit, Zufall oder Pech befassen, denn diese gibt es gar nicht. Auch gibt es keine wirklichen Verluste. Wer stirbt, den sehe ich wieder. Die Lehre der Theosophie gibt wahrlich allen vermeintlichen Problemen einen Sinn bzw. löst manche Probleme auf.

Das theosophische „Wissen“ wird als Wahrheit angesehen, die aber nicht allen Menschen in gleicher Weise zugänglich sei. Menschen auf unteren Entwicklungsstufen seien noch nicht „so weit“. Aber mit Urteilen oder Wertungen habe das nichts zu tun, man lache als Neuntklässler ja auch nicht über Erstklässler, weil man weiß, dass man auch mal in der ersten Klasse war. Die Einordnung als „unwissend“, mit der ich nach kritischen Rückfragen bedacht wurde, sei keine Wertung, es sei ja alles recht viel gewesen heute und ich solle das Ganze erst einmal sacken lassen.

Mitgefühl und Mitleid werden zwar betont, aber das „Ursache-Wirkung-Denken“ erscheint mir diesbezüglich nicht als förderlich, wenn nicht sogar als hinderlich. Auf jedes Ereignis, auf jedes Leiden könne bzw. soll frei reagiert werden, allerdings mit dem Bewusstsein, dass das Ereignis wie ein Bumerang zurückkomme, also persönlich verursacht wurde. Zwar gehe es hier um die Betonung der Eigenverantwortung und nicht um die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Aber wenn das „Ursache-Wirkung-Denken“ konsequent angewendet wird, kann das tatsächlich so weit gehen wie in der Bemerkung „Du hast vielleicht nur Rückenschmerzen, weil du der Person XY noch nicht vergeben hast“, die in einer Diskussion tatsächlich fiel. Unverständliches und Ungerechtigkeit gibt es in der Theosophie nicht, sondern für alles gibt es eine Erklärung, die gegebenenfalls in früheren Leben zu finden ist.

In einer Workshop-Gruppe habe ich einen fiktiven Fall von Missbrauch konstruiert, um zu demonstrieren, dass Leid nicht wegerklärt und nicht im Entferntesten als „gerecht“ bezeichnet werden dürfe. Ein Mensch, der Missbrauchserfahrungen gemacht hat, trägt schon genug Last. Die Vorstellung, er sei daran auch noch selbst schuld (wenn nicht in diesem Leben, dann war er eben in einem vorherigen Leben Täter – auch diese Bemerkung fiel bei einer Diskussion), ist m. E. eine doppelte Belastung und eine entsprechende Behauptung unverantwortlich. Missbrauchsopfer neigen dazu, die Schuld bei sich zu suchen – wo sie nicht zu finden ist! Daher nehmen vielleicht manche diese Haltung bereitwillig an, gibt sie doch indirekt die Kontrolle zurück, die man in der Situation als Opfer nicht hatte, bzw. löst sie doch die Täter-Opfer-Rollen insgesamt auf. In der Gruppe wurde zu diesem Beispiel gesagt: „Ja, das ist schwer zu verstehen!“ – „Man weiß ja nicht, für was das noch gut ist und was in einem vorherigen Leben so los war.“ – „Wir sind immer zu sehr auf das jetzige Leben fokussiert.“

Problematisch finde ich auch die Vorstellung der stetigen Verbesserung und Weiterentwicklung. Wenn sogar jedes Atom nach oben strebt, warum laufen dann nicht zumindest ein paar Christus-Menschen herum? Müsste es durch die ethisch-moralische Weiterentwicklung der Menschheit nicht mittlerweile deutlich weniger Kriege und Konflikte geben? Antwort seitens der Theosophen: Man wisse ja nicht, wie es früher war. Im Vergleich zum Mittelalter habe es sich doch schon deutlich verbessert. Führt diese Vorstellung einer stetigen Weiterentwicklung – je nach Persönlichkeitstyp – nicht zu einem belastenden Selbstoptimierungsdenken? Und wie soll mit der real vorhandenen menschlichen Begrenztheit umgegangen werden, wenn doch selbstlose Ideale und Hoffnungen angeblich erreichbar sind?

Die Theosophie behauptet, eine Synthese von Religion, Philosophie und Wissenschaft zu sein. Das funktioniert nur, da sie sich selektiv verschiedener zu ihrer Theorie passender Konzepte bedient. Wie alle religiösen Schriften kann die Bibel für vieles dienlich sein. So wurden mehrfach Bibelverse zitiert, auch wenn das Christentum mit der Theosophie nicht kompatibel ist.

Wo die Wissenschaft und das unabhängige Denken in all dem angesiedelt sind, habe ich bis zum Schluss des Seminars nicht erkennen können. Dem Anspruch, keine Dogmen zu haben, wird die Theosophie nach meinem Eindruck jedenfalls nicht gerecht. Sie beinhaltet durchaus verbindliche Glaubensaussagen, die Anspruch auf absolute Gültigkeit erheben und gelehrt werden. Von diesen Dogmen wird alles Weitere abgeleitet und entwickelt. So wurden Argumentationslinien nicht nachvollzogen, die nicht von den Grundaxiomen – wie der Karmalehre – ausgehen.


Anmerkung

1 Das Folgende nach der auf der Tagung verteilten Broschüre „Die Theosophische Gesellschaft Point Loma Blavatskyhaus – Deutsche Abteilung: 7 Juwelen der Weisheit“ (o. O., o. J.).

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