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Materialdienst 11/2014
Haringke Fugmann

Das Dämonische und der Humor

Apokryphe Inspirationen für einen evangelischen Umgang mit den Phänomen Besessenheit

Der folgende Beitrag befasst sich im ersten Teil mit dem apokryphen Buch Tobit und der dort erzählten Geschichte vom Dämon Asmodai und der Jungfrau Sara. Im zweiten Teil werden anhand der gewonnenen Einsichten Anregungen für einen evangelischen Umgang mit dem Phänomen Besessenheit entfaltet.


Wenn es so etwas wie eine evangelische Perspektive auf das Phänomen Besessenheit geben sollte, dann müsste sie im Ansatz auf biblische Texte zurückgreifen. Die Exorzismen Jesu, mit denen wir es dabei zu tun haben, sind allerdings bereits Teil eines abendländischen hermeneutischen Zirkels, der erheblich von einer (ab)wertenden und dualistischen (Gott hier, der Teufel dort) Sichtweise von Besessenheit geprägt ist. Was wir also brauchen, ist ein biblischer Text, der außerhalb dieses üblichen Verstehenszirkels liegt und damit eine neue Perspektive ermöglicht. Im Folgenden beabsichtige ich daher aufzuzeigen, dass gerade das apokryphe Buch Tobit eröffnende Inspirationen im Umgang mit dem Dämonischen liefert.

I. Das apokryphe Buch Tobit und der Umgang mit dem Dämon

Als Entstehungszeit des Buches Tobit wird – obwohl es sich selbst früher verortet – in der Regel das 3./2. Jahrhundert v. Chr. angenommen. Helen Schüngel-Straumann votiert in ihrem Kommentar1 für die Zeit „um 200 v. Chr.“ (S. 39). Von der Gattung her gehört es zu den Lehrerzählungen, wobei es selbst noch weitere „eigenständige Gattungen (Hymnen, Erzählungen, weisheitlich geprägte Ermahnungen, historisierende Abschnitte usw.)“ enthält. Es ist wohl auf jeden Fall ein Beispiel einer „fiktiven Gattung“ (S. 38).

Es können mindestens vier theologische Bedeutungen des Tobitbuches in der abendländisch-christlichen Geschichte differenziert werden: (1.) Die Betonung der Barmherzigkeit, der Wohltätigkeit und anderer positiver Charakterzüge des Tobit. (2.) Das „Motiv der Heilung“ (des Tobit von seiner Blindheit) beziehungsweise der Befreiung Saras vom Dämon. (3.) Die vom Buch gezeichnete Moral (S. 45). So wird in der römisch-katholischen Moraltheologie vor allem der Hochzeitsnacht von Tobias und Sara große Aufmerksamkeit gewidmet, da sie als Vorbild für maßvolles und züchtiges Verhalten von Eheleuten vorgestellt wird. (4.) Die theologische Relevanz des Buches im Blick auf seine typologische Auslegung hin auf Christus, die ihren Ausdruck etwa in der Kunst fand: In der Kathedrale von Chartres etwa ist „am rechten Seitenportal (Nord) die ganze Tobiasgeschichte dargestellt ... als Typos für die Erlösung des Menschen durch Christus“ (S. 47).

Die Rahmengeschichte ist rasch zusammengefasst: Tobit lebt in der Stadt Ninive (in der Diaspora), wo er ein gutes Leben führt. Bei einem Verwandten in der Stadt Rages in Medien hinterlegt er gar einen größeren Geldbetrag. Wegen seiner Treue zum Gesetz des Mose und seiner Barmherzigkeit und unter veränderten politischen Umständen wird er von seinem Umfeld zunehmend angefeindet. Während er eine fromme Tat begeht, erblindet er unverschuldet durch Vogelkot.

Parallel zur Geschichte Tobits wird die Geschichte einer jungen Frau namens Sara erzählt. Sie ist die einzige Tochter ihres Vaters Raguël, lebt in Ekbatana und wird ebenfalls als fromm dargestellt. Ihr Glück und der Fortbestand ihrer Familie werden durch einen Dämon namens Asmodai bedroht, der bereits sieben Bräutigame Saras in der Hochzeitsnacht umgebracht hat – weshalb Sara noch immer keinen Erben geboren hat.

In Tob 3,16f erreicht die Erzählung insofern einen Höhepunkt, als hier das Schicksal Tobits und Saras miteinander verknüpft wird. Dort heißt es: „Das Gebet beider, Tobits und Saras, fand Gehör bei der Majestät des großen Rafael. Er wurde gesandt, um beide zu heilen: um Tobit von den weißen Flecken auf seinen Augen zu befreien und um Sara, die Tochter Raguëls, mit Tobits Sohn Tobias zu vermählen und den bösen Dämon Aschmodai zu fesseln.“2

So schickt Tobit nun seinen einzigen Sohn Tobias los, um das vor vielen Jahren in Medien verwahrte Geld zu holen. Als Reisegefährte wird der Engel Rafael angeworben, der aber bis zuletzt unerkannt bleibt. Auf dem Weg fängt Tobias des Nachts im Fluss Tigris einen großen Fisch, der ihn verschlingen will. Der Engel klärt ihn nun darüber auf, dass einige Innereien des Fisches (Herz und Leber) einen Dämon vertreiben und andere (Galle) eine Blindheit heilen könnten, woraufhin Tobias die entsprechenden Innereien verwahrt. Auf dem weiteren Weg kehren Tobias und Rafael im Elternhaus Saras ein. Die beiden – Tobias und Sara – sind füreinander bestimmt, wie wir erfahren, und der Ehevertrag wird zügig aufgesetzt. Indem sich Tobias an den Rat des Engels im Umgang mit den Innereien des Fisches hält, kann der Dämon vertrieben werden. Nachdem die Eheleute ein Gebet gesprochen haben, verbringen sie die Hochzeitsnacht ungestört. Als Braut und Bräutigam zu Tobit zurückkehren, heilt Tobias die Blindheit des Vaters mithilfe der Fischgalle. Nachdem die Hochzeit ein zweites Mal gefeiert wurde und der noch immer unerkannte Engel für seinen Dienst als Reisebegleiter entlohnt werden soll, gibt er sich als Rafael zu erkennen.


Der Konflikt: Der böse Dämon Asmodai und die Jungfrau Sara

Wenden wir uns nun dem Konflikt des Buches zu, der uns im Blick auf die Fragestellung am meisten interessiert, nämlich dem Konflikt rund um Sara und den Dämon Asmodai. Zunächst ist zu klären, dass es sich hierbei – um es mit heutiger römisch-katholischer Begrifflichkeit zu formulieren – nicht um einen Fall von „Besessenheit“, sondern um einen Fall von „Umsessenheit“ handelt, insofern als der Dämon nicht etwa Sara besetzt, sondern in ihrem Umfeld wirkt.
Der Name „Asmodai“ könnte aus dem Iranischen kommen und in etwa „Dämon der Wut“ bedeuten (S. 133). Wichtiger noch als die Klärung der Bedeutung des Namens ist allerdings ein Blick auf das Verhalten, das der Dämon zeigt. Dabei kommen zwei verschiedene Sichtweisen in den Blick:

(1.) Zunächst erfahren wir im Text (Tob 3,8), dass sich Asmodai wie ein Mörder verhält, der schon sieben Bräutigame Saras getötet hat. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als verhalte sich Asmodai wie ein rasend Eifersüchtiger, der seine Rivalen tötet. Dabei gibt es aus exegetischer Sicht im religionsgeschichtlichen Hintergrund der Antike Hinweise darauf, wie ein „Dämon durch den Sexualakt versucht, die Nachkommenschaft zu verderben. In anderen Fällen richtet sich der Dämon direkt gegen die Braut, die er für sich behalten will, weil er sie liebt, wie Tob 6,14 [Vers 15, Anm. d. Verf.] ausdrücklich gesagt war. Im Volksglauben wurde versucht, den Dämon zu täuschen, z. B. durch das Aufstellen von Puppen oder durch Verkleidungen“ (S. 133).

(2.) Zugleich erfahren wir von den Mägden Saras von einer noch ganz anderen Sichtweise: „Die Mägde sagten zu ihr: Begreifst du denn nicht, dass du deine eigenen Männer erwürgst?“ (Tob 3,8). Was im Text als Schmähung gegen Sara formuliert wird (S. 82), könnte sich aus einer distanzierteren Sicht auch als plausible Erklärung erweisen: Im Lichte heutiger neurologischer Erkenntnisse ist es zumindest denkbar, dass in Sara durch den hohen Stress (Erwartungsdruck, einen Nachkommen zur Welt zu bringen, Angst vor dem ersten Geschlechtsverkehr usw.) in den sieben Hochzeitsnächten ein „integrativer Bewusstseinsmodus“3 ausgelöst wurde, in dem sich ihr animalischerer, aggressiverer, vom limbischen System gesteuerter Selbsterhaltungstrieb durchsetzte, der den potenziellen Aggressor (Bräutigam) gewaltsam überwand, während zugleich ihr Erinnerungsvermögen dissoziiert wurde.

Wichtig ist hier der Hinweis, dass wir es mit einem antiken und dazu noch fiktiven Text zu tun haben, der sich kaum nachträglichen medizinisch-neurologischen Diagnosen erschließt. Andererseits wurden bei der Textproduktion sehr wahrscheinlich Motive aus dem Leben und Vorstellungen der damaligen Welt übernommen. Lesen Sie weiter im Materialdienst.


Anmerkungen

1 Für das Folgende: Helen Schüngel-Straumann, Tobit, Herders Theologischer Kommentar zumFür das Folgende: Helen Schüngel-Straumann, Tobit, Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament, Freiburg i. Br. 2000. Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf diesen Kommentar.
2 Alle Stellen aus dem Buch Tobit zit. nach der Einheitsübersetzung.
3 Kurz gefasst könnte man zum „integrativen Bewusstseinsmodus“ sagen: Aus anthropologischer Sicht zeigt sich, dass das, was Menschen als Besessenheit erleben, zunächst als normales neurologisches Muster zu verstehen ist: Es kann bei jedem Menschen durch bekannte Einflüsse (Hunger, Hitze, Kälte, Reizentzug, rhythmisches Trommeln etc.) ausgelöst werden und lässt sich neurologisch wahrscheinlich als „integrativer Bewusstseinsmodus“ beschreiben. Bei diesem werden zum einen bestimmte Gehirnfunktionen des lymbischen Systems in die Gehirnfunktionen der Großhirnrinde integriert (daher die Rede vom integrativen Bewusstseinsmodus), zum anderen werden bestimmte Gehirnfunktionen (z. B. das Zeitgefühl) dissoziiert. Als Resultat erleben sich die Betroffenen zeitweise nicht als „Herr im eigenen Haus“. Aus medizinischer Sicht ist dieser Bewusstseinsmodus relativ harmlos, da normal. Aus kultureller Sicht kommt als problematisierender Faktor hinzu, dass der Verlust der Selbstkontrolle in der westlichen Kultur als beängstigend gilt und höchst negativ besetzt ist – eine Interpretation und Ansicht, die von vielen nicht-westlichen Kulturen nicht grundsätzlich geteilt wird. Vgl. dazu Michael Winkelman, A Paradigm for Understanding Altered Consciousness: The Integrative Mode of Consciousness, in: Etzel Cardena/Michael Winkelman (Hg.), Altering Consciousness. Multidisciplinary Perspec­tives, Vol. 1: History, Culture, and the Humanities, Santa Barbara/Denver/Oxford 2011, 23-41. Für weitere Informationen: Haringke Fugmann/Harald Lamprecht, Besessenheit und Exorzismus aus evangelischer Sicht, Beiträge zur Erforschung religiöser und geistiger Strömungen, Bd. 10, München 2013, www.grin.com/de/e-book/233562/besessenheit-und-exorzismus-aus-evangelischer-sicht (zuletzt abgerufen am 6.5.2014).

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