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Materialdienst 11/2002
Reinhard Hempelmann

Wir sind nicht von dieser Welt

Wieviel Freiheit und Weltbejahung verträgt der Glaube?

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten im Zentrum für Weltanschauungen des 29. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Frankfurt a. M. im Juni 2001.


Christlicher Glaube und Freiheit gehören zusammen. Die an Jesus Christus Glaubenden sind die zu einem neuen Leben Befreiten. Ihre Freiheit leben sie unter der Maßgabe des Liebesgebotes. Herausgeführt aus Weltversessenheit und Weltvergessenheit sind sie auf ihren Platz in der Welt verwiesen. Ihr Leben ist Gottesdienst im Alltag der Welt, bewährt in den vielfältigen Aufgaben und Anforderungen des Lebens. Ebenso gehören christlicher Glaube und Weltbejahung zusammen. Das dankbare Empfangen des Lebens aus der Hand des Schöpfers, die Ehrfurcht vor dem Leben, die Pflege einer Kultur der Bejahung sind Grundvollzüge christlichen Schöpfungsglaubens.

Das Motto "Wir sind nicht von dieser Welt" klingt im johanneischen Schrifttum des Neuen Testaments an und hebt die kritische Distanz christlichen Lebens zur Welt hervor. Gesellschaftliche Normen und so genannte Sachzwänge dürfen keine letzte Macht über den Menschen beanspruchen. Erst im Lichte des Evangeliums bekommen die Dinge der Welt ihr richtiges Maß. "Wir sind nicht von dieser Welt". Der Satz kann in Übereinstimmung mit dem christlichen Schöpfungsglauben verstanden werden. Er kann freilich auch weltpessimistisch vereinnahmt und missdeutet werden, wofür es zahlreiche Beispiele aus der Geschichte und Gegenwart christlicher Glaubenspraxis gibt. Entscheidend ist also, wie dieses Motto verstanden wird. 

I. Modernisierung und Freiheitszuwachs

Als "Kinder der Freiheit" sind die Menschen in der so genannten zweiten Moderne bezeichnet worden.1 Modernisierungsprozesse schaffen Optionsvielfalt. Dem Einzelnen wachsen dabei ungeahnte Freiheiten zu, die zugleich "riskante Freiheiten" sind, insofern sie auch überfordernd wirken können oder durch gesellschaftliche Zwänge und öffentliche Regelsysteme gar nicht als solche wahr-genommen werden. "Modernität vervielfacht Wahlmöglichkeiten und reduziert gleichzeitig den Umfang dessen, was als Schicksal oder Bestimmung erfahren wird."2 Mit diesem Grundvorgang werden Monopole aufgehoben und Konkurrenzsituationen geschaffen. Das bisher Übliche wird begründungspflichtig. Die zentrale Veränderung im Leben des modernen Menschen besteht im "Verlust der Selbstverständlichkeit" (Peter L. Berger) des Vorgegebenen und der Entstehung von Alternativen. Das bezieht sich auf alle Bereiche unserer Lebenswelt: auf den Einkaufsgang und das Einschalten von Fernsehprogrammen, es bezieht sich auf wissenschaftliche Methoden und ihre Arbeitsergebnisse, auf Lebensstile und Wertorientierungen. "Modernes Bewußtsein zieht eine Bewegung vom Schicksal zur Wahl nach sich"3, so dass es nicht nur die Möglichkeit zur Wahl, sondern den Zwang dazu gibt. Das Subjekt, das Ich, das Individuum ist zur Entscheidung herausgefordert. Der Einzelne muss lernen, sich als Organisator seines eigenen Lebenslaufs, seiner beruflichen und ethischen Orientierungen usw. zu begreifen. Diese Beschreibung trifft auch auf das Verhältnis zu religiösen Orientierungen, zu Frömmigkeitsstilen und Gemeindezugehörigkeiten zu. Junge Erwachsene akzeptieren beispielsweise parochiale Gemeindestrukturen nicht mehr ungefragt. Im Kontext von Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen verlieren traditions-orientierte Institutionen ihre Bindekraft. Religiöse Deutungsmuster werden weniger durch vorgegebene Muster, sondern durch individuelle Wahl gewonnen. Die entscheidungsoffenen Anteile religiöser Lebensorientierungen nehmen zu, während die entscheidungsverschlossenen abnehmen. In religiöser Hinsicht bedeutet dies, dass insbesondere bei jungen Menschen individuelle Religiosität und kirchliche Religion sich entkoppeln und "nur eine mehr oder weniger große Schnittmenge gemeinsam haben".4

Allerdings bleibt Individualisierung an gesellschaftliche Vorgaben gebunden und bedeutet nicht, dass das Individuum sich gleichsam von der Gesellschaft löst. "Individualisierung verläuft nicht ins Beliebige hinein, sondern ist nur in bestimmten Bandbreiten möglich, die kulturell vorgegeben sind."5 Zugleich entwickeln sich auch Gegenbewegungen. Fortschreitende Individualisierungsprozesse rufen paradoxe Effekte hervor. Je mehr sich Glaubenssysteme individualisieren, desto größer wird das Bedürfnis nach Bestätigung des eigenen Glaubens durch eine Gemeinschaft. Dies geschieht einmal in überschaubaren Gemeinschaften, wo die Vermittlung christlichen Glaubens und Lebens biographienah und alltagsbezogen erfolgt. Dies geschieht auch in fundamentalistischen Gruppierungen, in vereinnahmenden religiösen Gemeinschaften, in so genannten Sekten. Modernisierung und religiöse Pluralisierung bedeutet in vieler Hinsicht Aufhebung von Sicherheiten. Sie geben dem Einzelnen neue Freiheiten und verstärken zugleich Orientierungsbedürfnisse. Darauf reagieren verschiedene Gemeinschaftsbildungen. Sie schaffen Eindeutigkeit im Meer der Vieldeutigkeit und setzen der modernen Kultur des Zweifels eine feste Position entgegen. Sie protestieren gegen kirchliche und theologische Kompromisse und Arrangements mit der säkularen Kultur.

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Anmerkungen

1 Vgl. dazu Ulrich Beck (Hg.), Kinder der Freiheit, Frankfurt a. M. 1998.
2 Peter L. Berger, Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1980, 43f.
3 Ebd., 24.
4 Gestaltung und Kritik. Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert, Hannover 1999, 42.
5 Karl-Fritz Daiber, Religiöse Gruppenbildung als Reaktionsmuster gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse, in: Religiöse Individualisierung oder Säkularisierung. Biographie und Gruppe als Bezugspunkte moderner Religiosität, Gütersloh 1996, 86-102, hier 97.

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