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Materialdienst 12/2002

Enttäuschungen vorprogrammiert

Bärbel Mohrs Bücher, wie beispielsweise "Bestellungen beim Universum", "Der Kosmische Bestellservice", "Universum & Co.", erfreuen sich gegenwärtig großer Beliebtheit. Auflagenhöhen belegen dies, ebenso Alltagserfahrungen. Vor einigen Monaten traf ich innerhalb weniger Tage gleich zwei Mal mit Menschen zusammen, die begeisterte Leser ihrer Bücher sind. Als ich in der Nähe von Frankfurt in ein Taxi einstieg, begann der Taxifahrer ein Gespräch. "Ich bin momentan damit befasst, mein Weltbild grundlegend umzukrempeln. Zwei Bücher begleiten mich dabei: Bärbel Mohrs 'Bestellungen beim Universum' und James Redfields Buch 'Die Prophezeiungen von Celestine'." Als er mein Interesse an Büchern und Weltbildfragen spürte, forderte er mich auf, das Handschuhfach zu öffnen. Er hatte die Bücher dabei. Sie waren für ihn Gebrauchsliteratur. Er musste sie mehr als einmal gelesen haben. Irgendwann fragte er mich nach meinem Beruf. Als ich ihm erzählte, ich sei evangelischer Pfarrer und würde mich berufsmäßig mit Weltanschauungsfragen beschäftigen, fiel ihm gleich sein früheres kirchliches Engagement ein. Seit seiner Zeit als Ministrant habe er sich von seiner Kirche allerdings zunehmend entfernt. Persönliche Krisen, u.a. Drogenkonsum und Arbeitslosigkeit, hätten ihn zwar nicht zur Kirche zurückgebracht, aber aus ihm einen spirituell suchenden Menschen gemacht. Das Buch von Bärbel Mohr wäre für ihn zur Hilfe geworden. Einige "Bestellungen beim Universum" seien bereits angekommen. Erste berufliche Erfolge hätten sich eingestellt. Als wir nach etwa 30-minütiger Fahrt am Zielort ankamen, war mir klar, dass die Taxifahrt auch zu seinen Bestellungen beim Universum gehört haben dürfte.

Wenige Wochen später - während des Urlaubs im Allgäu - suchte ich in einer Kleinstadt eine Buchhandlung auf. Die vielleicht 20-jährige Verkäuferin fragte ich nach Büchern von Bärbel Mohr. Sie beantwortete nicht nur meine Frage, sondern begann unaufgefordert über persönliche Erfahrungen mit dem kosmischen Bestellservice zu erzählen. Da es bei ihr zu verschiedenen Problemen beim Bestellen gekommen war, sei sie jetzt dabei, sich mit dem Buch "Reklamationen beim Universum" zu befassen.

Was macht Bücher der Autorin Bärbel Mohr interessant? Ist es die Schlichtheit, Kühnheit und Naivität, in der gesprochen wird? Sind es ihre rezeptartigen Empfehlungen? Wenn du etwas wünschst, brauchst du "nur ganz kindlich arglos einfach sagen, denken und fühlen, was du haben willst, und es wird kommen". Auf diese Weise kann man sich "den Traumpartner, den Traumjob oder die Traumwohnung und vieles mehr einfach 'herbeidenken' oder quasi beim Universum 'bestellen'". Etwa vom Balkon aus kann man zu nächtlicher Stunde mit der Kraft des Universums "regelrecht 'telefonieren' und wie bei einem Versandhaus seine Wünsche als Bestellungen aufgeben ..., die auch prompt 'ausgeliefert' werden". Wer seinen Wünschen Raum gibt, setzt sich selbst "an die erste Stelle". "Geh' eine stärkere Verpflichtung dir selbst gegenüber ein, dann entsteht Freude!" "Take it easy, have fun and everything will come." Mohr empfiehlt, gleich mit dem Bestellen anzufangen, zum Beispiel mit einem Parkplatz in der City, oder mit einer Geldzuwendung, oder mit einem neuen Freund.

Zentrale weltanschauliche Grundlage des kosmischen Bestellservices ist die Annahme, dass nicht Materie "die eigentliche Realität ist, sondern Schwingung", dass Bewusstsein das Sein bestimmt: "Gedanken formen Materie." Die "geistigen Gesetze des Universums" müssen allerdings respektiert werden. Dazu gehört, dass Abbestellungen nicht direkt, sondern nur indirekt ausgesprochen werden dürfen. Alles muss positiv formuliert sein. "Du bestellst nicht das Kopfweh ab, sondern bestellst einen klaren, gesunden und freien Kopf (oder so ähnlich)." Unbedingt zu vermeiden sind auch Mehrfachbestellungen. Denn damit würde dem "Universum Pfusch bei der Arbeit unterstellt". Wichtig ist auch anzuerkennen, wenn eine Bestellung geklappt hat. Wo kosmische Gesetzmäßigkeiten beachtet werden, erfüllen sich die Wünsche der Menschen von selbst. Die verschiedenen Bücher Mohrs dokumentieren freilich auch, dass die Erkenntnis und Befolgung kosmischer Gesetze nicht für jeden und jede eine ganz unkomplizierte und einfache Sache ist. Während ihr erstes Buch noch ganz ungetrübt die sensationellen Bestell-Erfolgsgeschichten erzählt, geht es in den weiteren Büchern auch darum, Missverständnisse auszuräumen und Deutungsmöglichkeiten für diejenigen anzubieten, die die Erfahrung machen, dass es zwischen den Wünschen der Menschen und ihrer Erfüllung eine Grenze gibt. Viele Leserinnen und Leser haben offensichtlich die Autorin daran erinnert, dass die Erkenntnis der Gesetze des Universums nur vorläufig und gebrochen ist. Sie allerdings  versucht an der "Logik" des Positiven Denkens festzuhalten und alle Übel und Unvollkommenheiten des Lebens als Folge der Nichterkenntnis unveränderlicher Gesetze zu begreifen. Darüber hinaus geht es ihr vor allem um Mitteilung von Erfahrungen, die sie im Umfeld heutiger Gebrauchsesoterik gemacht hat.

Die Kehrseite des in den Büchern vermittelten Optimismus ist die Verleugnung von Grenzen und die Weigerung, sich den Enttäuschungen menschlichen Lebens zu stellen. Der von der Autorin immer wieder geäußerte Protest gegen ein materialistisches Weltverständnis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in ihren Empfehlungen alles durch die Normen und den kategorischen Imperativ des homo oeconomicus bestimmt ist. Wunscherfüllung ist möglich ohne große Wartezeiten bzw. mit selbst festgelegten Wartezeiten und ohne Differenzerfahrungen. Mir fielen beim Lesen der Bücher Worte der Weisheit Israels ein, die sich mit Fragen des glücklichen Lebens befassen. Eine erste, vorläufige Antwort dieser Weisheit  lautet: Menschliches Leben muss sich orientieren an den Ordnungen und Regeln eines guten und glücklichen Lebens, die keineswegs unerkennbar sind. Gleichzeitig muss anerkannt werden: Zwischen dem menschlichen Wünschen und Planen und der Verwirklichung der Wünsche liegt eine Grenze. Obgleich es Regeln gibt für Glück und Unglück, liegt nicht alles in der Hand des Menschen. Es gibt das Unverrechenbare und Unverfügbare. "Des Menschen Herz denkt sich seinen Weg aus, aber der Herr lenkt seinen Schritt" (Spr 16,9). Wo diese Erfahrung verdrängt, vergessen oder bewusst verleugnet wird, sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Wenn die zentralen Begriffe "Energie", "Kraft", "Universum" nichts anderes bezeichnen als die Objektivation menschlicher Sehnsucht, bleibt der Mensch fixiert auf sich selbst. Es liegt für ihn etwas Heilsames darin, dass es keinen direkten Weg vom Wunsch zur Erfüllung gibt. Er kann darauf verzichten, seines eigenen Glückes Schmied zu sein und darf doch das Seine tun, damit sein Leben gelingt und erfüllt ist.

Reinhard Hempelmann

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