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Materialdienst 9/2004
Werner Thiede

Heiliger Geist und esoterisches Geistverständnis

Anleitung zu pneumatologischer Unterscheidung

1

Zwei Kinder besuchen eine Künstlerwerkstatt. Hinter einem Sperrgitter entdecken sie einen kopfgroßen Quader, der auf einen festen Ständer geschraubt und in blauer Farbe angestrichen ist. Sie streiten um die Frage, ob der kubische Gegenstand innen hohl und voller Luft sei oder massiv. Nachdem sie sich eine Zeit lang ereifert haben, kommt der Künstler dazu, sodass sie ihn fragen können. Mit berufenem Griff öffnet er den Kasten, und die Kinder sehen zu ihrer Überraschung, dass in dem Hohlraum eine goldene Kugel liegt. Beide hatten nicht ganz Recht gehabt, denn der Quader war weder massiv noch leer. Aber wer von beiden war nun näher an der Wahrheit? Zweifellos dasjenige Kind, das auf den Hohlraum getippt hatte, denn den gab es, auch wenn er zum Teil gefüllt war - und zwar ganz anders, als es sich beide Kinder gedacht hatten.

In diesem Gleichnisbild sehe ich den Quader mit der goldenen Kugel als die Wahrheit des christlichen Glaubens an. Den überaus wertvollen Inhalt des Quaders erkennt man erst, wenn er von seinem Schöpfer geöffnet, offenbart wird. Das Kind, das für die Massivität des Gegenstands stimmt, steht für ein materialistisches Wirklichkeitsverständnis, das andere Kind für ein spiritualistisches. Beide Weltdeutungen sind monistischer Art: Sie basieren auf einem einzigen Letztprinzip allen Seins, der Materie oder aber dem Geist. Ich denke, dass der Spiritualismus der christlichen Wahrheit hierbei vergleichsweise näher steht als Formen des Materialismus. Nicht nur das Geistige in uns, sondern auch die Dinge der Welt sind nicht geistlos. Gott ist nach christlicher Überzeugung Geist, und seine Schöpferarme tragen alles, was ist. Dieser Wahrheit ist der Spiritualismus eher auf der Spur als jeder Materialismus2 - auch wenn er vom Erfassen des eigentlichen Inhalts immer noch weit entfernt sein dürfte.

Zu den Varianten spiritualistischer Denkungsart gehört bekanntlich auch das weite Feld der Esoterik. Meinem Bild zufolge gibt es zwischen Christentum und Esoterik immerhin eine beachtliche Gemeinsamkeit in Grundannahmen. Bevor aber über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden die Rede sein kann, muss man sich über die Schwierigkeiten im Klaren sein, beide Größen überhaupt angemessen zu definieren. Das Christentum ist die größte Weltreligion mit zahllosen Konfessionen und "Sekten"3, wobei man die Gesamtreligion nicht einmal auf sie alle beschränken, sondern auch noch an ungezählte Einzelgänger denken darf, die sich in einem weitesten Sinn als Christen auffassen und vielleicht doch nur als bessere Jesuaner gelten können. Was die Esoterik betrifft, so bemerkt der Religionswissenschaftler Christoph Bochinger: "Die Vielfalt ist zu groß und die Bedeutung bei Anwendung einer analytischen Sichtweise zu unklar, um überhaupt von 'der Esoterik' sprechen zu können."4 Wie also soll man dann Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Esoterik5 benennen können, zumal es auch noch ein "esoterisches Christentum" bzw. eine "christliche Esoterik" gibt? Und wie soll speziell zwischen "esoterischem" und "Heiligem Geist" differenziert werden? Ist nicht da, wo es um Geist geht, also um etwas Unsichtbares und Ungreifbares, überhaupt jedes Fixieren und Unterscheiden ein Ding der Unmöglichkeit?

Stünde es so, wäre es freilich schlimm bestellt um jede Art von Geisteswissenschaft! Nein, Differenzierung ist sehr wohl möglich und angesagt. Bereits die Heilige Schrift der Christenheit weiß um die Geistesgabe, die Geister zu unterscheiden (1. Kor 12,10); und dieser Gabe korrespondiert eine Aufgabe, ein Gebot (1. Joh 4,1f). Der Umstand, dass es sich aber eben um eine Gabe des Heiligen Geistes handelt, lässt deutlich werden, dass die Unterscheidung zwischen Geist und Geist mitnichten von gleichsam neutralem Boden aus möglich ist. Wer geistige Dinge betreibt, der tut das immer schon aus dem Wirkungsfeld eines bestimmten Geistes bzw. aus einer bestimmten Geisteshaltung heraus. Und es könnte durchaus eine solche fixierte Geisteshaltung sein, die es etwa verbieten oder als überflüssig erklären möchte, die Geister zu unterscheiden. Der Heilige Geist der Christenheit jedenfalls bejaht eine solche Differenzierung, wie auch schon seine Bezeichnung selbst zeigt - denn es gibt offenkundig auch Geist, der das Attribut "heilig" nicht verdient…

Meine folgenden Ausführungen gehen dem Thema in drei Abschnitten nach. Zunächst werde ich mich dem Geistverständnis während der Anfänge der modernen Theosophie widmen: Es gründet strukturell in alten hermetischen Traditionen, bildet aber in seiner neuzeitlichen Konzentration die Basis fast aller neueren Esoterik. Demgemäß hat ein zweiter Abschnitt wenigstens exemplarisch das Geistverständnis in der sich weiterentwickelnden Esoterik des 20. Jahrhunderts zu entfalten, wobei ein Schwerpunkt auf Rudolf Steiner zu legen sein wird. Drittens schließlich will ich versuchen, meine theologischen Anfragen, die im Ansatz auch schon in den ersten beiden Abschnitten formuliert werden, umrisshaft in ein christlich-dogmatisches Gegenkonzept münden zu lassen. Auf dieser Basis, so hoffe ich, kann ein kritischer, geistig erhellender Dialog in Gang kommen.

1. Das Geistkonzept spiritueller Autonomie in der Theosophie des 19. Jahrhunderts

  "Heilig" heißt begrifflich das, was wesenhaft Gott oder dem Göttlichen zugehört und nicht dem Profanen oder der "Welt"6. Insofern setzt dieser Terminus bereits eine gewisse Unterscheidung zwischen Gottheit und Weltlichem voraus. Gleichwohl kann er ausdrücklich die Synthese beider Größen bezeichnen - verstanden entweder als Resultat göttlicher Weltbemächtigung oder aber als ontologische Einheitsaussage im Sinne pantheistischer Religionen und Weltanschauungen7. Und genau diesem weiten Feld des Pantheismus, der Gott und die Welt für mehr oder weniger identisch hält, gehört die Esoterik zumindest in ihrer modernen Gestalt weithin an. Als spiritualistisches Denkmodell geht sie von der Überzeugung aus, dass das Geistige das Letztprinzip aller Wirklichkeit ist und alles durchdringt. Helena Petrovna Blavatsky, die "Urmutter" moderner Esoterik, vertritt demgemäß eine Art "esoterischen Pantheismus". Die Gottheit identifiziert sie nicht einfach mit der vorfindlichen Weltnatur, wohl aber mit der ewigen, ungeschaffenen Weltnatur8, welche sie abhebt von der "Summe von vorübergehenden Schattenbildern und endlichen Unwirklichkeiten"9. Der "Geist des Weltalls"10 ist die höchste, den Kosmos bewegende Intelligenz; in ihm treffen absolute Einheit und relative Vielheit aufeinander. Diesem göttlichen Geist spricht Blavatsky Schöpfertum entschieden ab11. Den Kosmos selbst verankert sie konsequenterweise "in der Ewigkeit"12. Die Mitbegründerin der Theosophischen Gesellschaft erklärt: "Unsere Gottheit ist der ewige, unaufhörlich entwickelnde, nicht erschaffende Erbauer des Universums. Das Universum entfaltet sich aus seiner eigenen Essenz, es wird nicht erschaffen."13

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Anmerkungen

1 Überarbeitetes Manuskript eines Vortrags an der Evangelischen Akademie Bad Herrenalb am 28.6.2003 (Homepage des Vf.: www.werner-thiede.de).
2 Das kommt ansatzweise im metaphysisch-hermetischen Begriff der "Weltseele" zum Ausdruck (dazu mein Aufsatz "Weltseele und Holismus" in: J. Audretsch / K. Nagorni (Hg.), Das Ganze und das Fragment. Naturwissenschaft und Theologie im Gespräch, Karlsruhe 2004, 69-99.
3 Zum Begriff vgl. näherhin W. Thiede, Sektierertum - Unkraut unter dem Weizen? Neukirchen-Vluyn 1999, Kap. 1.
4 Christoph Bochinger, Was ist Esoterik? in: Informationes Theologiae Europae 7, 1998, 271-281, hier 273.
5 Zum Begriff vgl. Joseph Schumacher, Esoterik - die Religion des Übersinnlichen. Eine Orientierungshilfe nicht nur für Christen, Paderborn 1994; Werner Thiede, "Humorlose Notwehr des metaphysischen Sinns". Esoterik als Phänomen der religiösen Gegenwartskultur, in: Grenzgebiete der Wissenschaft 45, 3/1996, 225-243; Walter Sparn, Esoterik? Ein theologischer Orientierungsversuch, in: Arbeitshilfe für den evang. Religionsunterricht an Gymnasien, Folge I/1998, 17-26.
6 Zu diesem Begriff äußere ich mich näher in meinem Art. "Welt. II. Dogmatisch. III. Ethisch" in: RGG4, Bd. 8, Tübingen 2005 (im Druck).
7 In diesem Sinn findet sich der Begriff"heilig" im Begriffsregister des Indexbandes von H. P. Blavatskys "Geheimlehre" (Bd. IV, Den Haag 1906). Vgl. insgesamt Horst Georg Pöhlmann, Heiliger Geist - Gottesgeist, Zeitgeist oder Weltgeist? (Apologetische Themen 10), Neukirchen-Vluyn 1998.
8 "Es ist nicht der eine unbekannte immer-gegenwärtige Gott in der Natur, oder die Natur in abscondito, was zurückgewiesen wird, sondern der Gott des menschlichen Dogmas" (H. P. Blavatsky, Die Geheimlehre, Bd. I, Den Haag 1900, 38; auch 581).
9 H. P. Blavatsky, Der Schlüssel zur Theosophie (1889), Satteldorf 31995, 94.
10 Blavatsky, Geheimlehre Bd. II, 27.
11 Diese Haltung zieht sich kontinuierlich durch ihr ansonsten nicht immer bruchfreies Gesamtwerk (vgl. Die entschleierte Isis, Bd. I+II [1877], Leipzig 21922, hier Bd. I, 275f; Geheimlehre I, 37; Schlüssel, 92). Blavatsky akzeptiert allerdings Gottes Schöpfertum in demiurgischer Deutung (Isis I, 96; II, 39; ferner: Schlüssel, 36) und betont: "Dieser Demiurg ist keine persönliche Gottheit…" (Geheimlehre I, 300, kursiv: H. B.).
12 Vgl. Geheimlehre I, 31 (vgl. 33). Periodizität kommt dem Kosmos innerhalb der Zeit zu (ebd. und 37), der gemäß altindischer Überzeugung die Erscheinung des Ewigen darstellt. Wenn Spinozas Pantheismus die christliche Lehre von der Schöpfung ex nihilo verwirft, weil die Welt mit Notwendigkeit aus Gott hervorgehe, so argumentiert Blavatsky gegen dieselbe Lehre (Geheimlehre I, 253) unter Hinweis auf die Ewigkeit von Stoff und Geist im noch nicht geoffenbarten Universum, welches sie als das "absolute All"der Gottheit deutet (37).
13 Blavatsky, Schlüssel, 96.

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