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Materialdienst 2/2004
Michael Utsch

Gottesverwechselung

Gott als das verinnerlichte Böse - das gequälte Gottesbild eines Psychoanalytikers

Tilmann Moser, Jg. 1938, gehört beileibe nicht zur Fraktion der orthodoxen Psychoanalytiker. Schon vor vielen Jahren hat er als ein Vorreiter mutige und überzeugende Schritte zu einer behutsamen Integration körpertherapeutischer Interventionen in das klassische psychoanalytische Setting getan. Damit erfuhr das über Jahrzehnte bewährte Modell der psychoanalytischen Redekur eine radikale Erweiterung. Eine Berührung - etwa in der behutsamen Gebärde des Haltens - kann nun unter bestimmten Bedingungen nicht nur im übertragenen Sinne auf der seelischen Ebene, sondern ganz real und körperlich zur Unterstützung eines therapeutischen Prozesses eingesetzt werden.

Auf innovative Weise gelang es Moser, die somatische Dimension in psychoanalytisches Wahrnehmen und Deuten aufzunehmen und damit zur Weiterentwicklung eines als zäh und verkrustet geltenden Behandlungskonzeptes beizutragen. Sein neues Buch belegt, das ihm dies in Hinblick auf die spirituelle Dimension nur teilweise gelungen ist. Ganz offensichtlich standen ihm für einen weiteren Quantensprung eigene religiöse Prägungen und Projektionen im Wege - keine Empfehlung für einen Psychoanalytiker.

Zwar beurteilt Moser in seinem neuen Buch "Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott" (Stuttgart 2003, 178 Seiten, 19,90 Euro) den religiösen Glauben milder und positiver. Anders als in seinem 1976 erschienenen Bestseller "Gottesvergiftung", in dem Moser mit dem schrecklichen Gott seiner Kindheit abrechnete - damals für ihn ein gewalttätiger Patriarch und unbarmherziger Richter -, kann er ihn heute sogar als "eine gewaltige Quelle von Kraft und seelischem Reichtum" anerkennen (27). Moser erklärt seinen Gesinnungswechsel nicht mit einem Bekehrungserlebnis, sondern als "professionellen Wendepunkt", der nach der Lektüre empirischer Studien über die Heilkraft des religiösen Glaubens eingetreten sei. Weil es heute zahlreiche und unzweifelhafte Belege für den Zusammenhang zwischen seelischer Gesundheit und stützenden Formen des religiösen Glaubens gibt (vgl. B. Grom, Macht der Glaube gesund? MD 10/2001, 313-321), müsse man "sozusagen aus psychohygienischen Gründen für Religiosität eintreten" (79). Dennoch hinterlässt die Lektüre des flüssig und sehr anschaulich geschriebenen Buches ein merkwürdig ambivalentes Gefühl: einem einleuchtenden Theorieteil folgt die Darstellung einer fragwürdigen Selbsterfahrungsgruppe, und drei berührenden Fallausschnitten mit religiösen Fragestellungen ist ein hochemotionaler, persönlicher Brief des Autors angefügt.

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