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Materialdienst 2/2004
Theo Sundermeier

Spiritismus: Eine theologische und seelsorgerliche Herausforderung

Spiritismus: Eine theologische und seelsorgerliche Herausforderung*

* Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten im Rahmen des Europäischen Studienseminars des Lutherischen Weltbundes zum Thema "Spiritualistic Movements as a Global Challenge for the Church", 16. - 19. Oktober 2003 in Sväty Jur, Slowakei.

Da der Spiritismus in Lateinamerika zur Zeit die größte Verbreitung besitzt und infolgedessen die größte Herausforderung bildet, will ich mich zumindest methodisch der lateinamerikanischen Forschung anschließen und in einem Dreischritt das Thema behandeln: Sehen, urteilen, handeln. Dabei werde ich beim dritten Punkt in Anlehnung an das Modell der Konvivenz in besonderer Weise fragen: Was können wir voneinander lernen?
 
Es wäre kurzsichtig, sich allein mit den einzelnen Phänomenen des Spiritismus zu befassen, sie zu analysieren und darauf eine theologische Antwort zu suchen. Der Spiritismus ist zwar ein weltweites Phänomen, doch seine Ausprägungen sind so verschieden, dass man sie nur mit Mühe unter einem Begriff zusammenfassen kann. Eine religionsgeschichtliche Einordnung mag helfen, eine sinnvolle Einteilung zu treffen, so dass wir den unterschiedlichen Erscheinungsformen begegnen und konkret auf ihre Herausforderung antworten können.

I. Religionsgeschichtliche Verortung und Erscheinungsformen des Spiritismus

Unter "Spiritismus" ist jene religiöse Weltwahrnehmung zu verstehen, der zufolge die hiesige sichtbare Welt ungetrennt ist von der unsichtbaren, von ihr durchdrungen und gleichsam "bewohnt" wird. Diese unsichtbare Welt wird bestimmt von den Verstorbenen und anderen Geistern, mit denen man kommunizieren kann. Die religionsgeschichtliche Herkunft und Einordnung dieser Weltsicht sind die Stammesreligionen. Ich nenne sie "primäre Religionen". Sie sind Religionen im Vollsinn des Wortes und so etwas wie die Basisreligiosität aller Religionen. Sie werden von der Transzendenz bestimmt, die als personal vermittelter Eingriff der jenseitigen Welt in das alltägliche Leben erfahren wird. Es geht in allem um das Leben hier und jetzt. Dem dienen die primären Religionen. Die Krisenpunkte des Lebens sind deshalb die besonderen Haftpunkte der Religion: Geburt, Pubertät, Hochzeit und Sterben. Sie werden rituell umgeben und geschützt. Der Ritus hat neben vielen anderen Funktionen die Aufgabe, den Umgang mit dem Jenseits zu ermöglichen und zu sichern. Die Ahnen werden angerufen, die Geister besänftigt, die bösen abgewehrt. Von den guten wie von den Ahnen erwartet man Schutz und Gutes. Die Ahnen bilden nicht die Grenze zum Jenseits, sondern sind eher ein Tor dorthin. Vielfach werden sie als Mittler zu Gott begriffen. Wichtig ist dabei, dass man sie kennt und sie ihrerseits die hiesige Familien- und Stammessituation kennen, so dass man sich ihres Schutzes versichern kann, denn "man kennt sich".
 
Das Leben wird wie eine Kette verstanden. Ihr Anfang liegt bei Gott, resp. den Ahnen. Das gegenwärtige Geschlecht bildet die Mitte und ist nur ein Glied zur nächsten Generation in der unendlichen Kette, die allein durch Kinderlosigkeit unterbrochen werden kann. Das Jenseits und das Leben im Jenseits sind dabei als solche von geringem Interesse. Es geht immer um das Leben hier, das des Einzelnen und das der Gruppe, der Familie, des Stammes. Die Ethik, die Moral, alle Riten sind daraufhin ausgerichtet.

Würde man nach der Ontologie der Ahnen und Geister fragen, stieße man auf Unverständnis, denn ihre Existenz und Wirkmächtigkeit erfährt man stets und überall. Man lebt mit ihnen, von ihnen und für sie. In gewisser Weise sind sie vom Menschen und seinen Opfern abhängig. Opfer dienen der Kommunion und Wiederherstellung der Kommunikation, wenn sie abgebrochen ist. Jeder hat prinzipiell zu ihnen Zugang, doch gibt es - je nach Gesellschaft verschieden - Spezialisten, deren Aufgabe es ist, den Kontakt mit ihnen stellvertretend für die Gemeinschaft aufrecht zu erhalten.

Während die Stammesreligionen keine festgelegte Lehre haben und das Verhältnis zu den Ahnen und Geistern je nach Umständen verschieden gestaltet werden kann, haben die gestifteten Religionen - ich nenne sie "sekundäre Religionen" - eine klare Lehre. Sie sind missionarisch und "erobern" fremde Wohngebiete, neue Territorien und neue Lebensgebiete. Hier verändert sich das Verhältnis zum Jenseits dramatisch. Die Ahnen und Geister spielen keine rituelle und liturgische Rolle mehr. Je nach Inkulturationsdynamik können Elemente der primären Religion wieder aufgenommen und gefiltert inkorporiert werden. Das gilt für den Buddhismus ebenso wie für den Islam und das Christentum.

Im Blick auf die Ahnenverehrung will ich das Gesagte, wenn auch die komplexe Situation vereinfachend, verdeutlichen. Während den Stammesreligionen ein jenseitiges Gericht nach dem Tode von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (Ägypten) fremd ist, und die Ahnen das hiesige Leben in anderer Gestalt fortsetzen, werden die Verstorbenen in den sekundären Religionen radikal ins Jenseits entlassen und den Menschen entzogen.1 Einen Ritus wie den der "Heimholung des Toten" in die Heimstatt, wie er im südlichen Afrika bekannt ist, ist hier undenkbar.2 Während man in den Stammesreligionen nur sehr vage Vorstellungen vom Jenseits hat, verbreiten die sekundären Religionen ein sehr viel präziseres Wissen davon. Hier werden die Verstorbenen radikal von den Lebenden getrennt. Der Tod ist endgültiger Abschied. Wiederum haben bewusste oder unbewusste Inkulturationsbemühungen oftmals zu einer Synthese geführt, doch Reformer haben zu allen Zeiten solchen Synthesen eine Absage erteilt. Damit schufen sie einerseits einen von den Ahnen und Geistern ungefährdeten freien Lebensraum im Diesseits, verursachten aber zugleich einen Leerraum, der psychologisch nur schwer zu füllen ist. Der Protestantismus besitzt hier in besonderer Weise eine theologische Lücke. Hier fand und findet der Spiritismus seinen Eingang ins Christentum.

Mit dieser religionsgeschichtlichen Verortung können wir nun die weltweite Erscheinung des Spiritismus genauer differenzieren. Wir müssen zwischen dem abendländischen Spiritismus und dem Spiritismus unterscheiden, der im Raum der primären Religionen entstanden ist. Dort ist er kein Fremdkörper, sondern so etwas wie eine Fortsetzung oder Neusetzung traditionaler Religion im (halb)christlichen Gewand. Hier wird, zumal im katholisch geprägten Christentum, nicht solch ein Gegensatz zum Christentum empfunden wie im Protestantismus. Katholische rituelle Traditionen im Umgang mit Verstorbenen haben dabei eine Brückenfunktion. Man denke an die Totenmessen, das ewige Licht auf den Gräbern, kirchliche Feste zur Erinnerung an die Verstorbenen, die Fürbitten und nicht zuletzt die Heiligenverehrung und Heiligenfeste.

Ein Blick nach Brasilien verdeutlicht das Gesagte. Im Candomblé Nordbrasiliens lebte zunächst die afrikanische Religion im Untergrund weiter. Im 20. Jh. wurde sie von einzelnen Candomblé-Führerinnen erneuert, die sich in Westafrika neu in die traditionale Religion einführen und zu "Priesterinnen" initiieren ließen. Die in Afrika verehrten Geister resp. Götter werden hier wie in den Umbanda-Kulten eng mit katholischen Heiligen zusammengesehen oder auch verschmolzen. Maria bekommt eine besondere Position. Die Priester und Priesterinnen haben hier wie dort ähnliche Funktionen. Sie sind Medien zur Geisterwelt. Die Religion dient hier wie dort dem Leben. Die Heilung von Krankheiten, die wie in den traditionalen Religionen auf Einflüsse aus der jenseitigen Welt oder auf den Neid und die Böswilligkeit von Mitmenschen zurückgeführt werden, steht im Mittelpunkt. Dem Einzelnen wird seelisch und körperlich geholfen. Zugleich wird er in eine Kleingemeinde aufgenommen, die, phänomenologisch gesehen, so etwas wie ein Ersatz der traditionalen afrikanischen, familiär strukturierten Kleingesellschaft ist.
Ein ganz anders Bild bietet der abendländische Spiritismus. Der afrikanische Spiritismus orientiert sich an der Vergangenheit. Anhänger afrikanischer Religionen sind wie Ruderer, die mit dem Rücken nach vorn rudern. Der abendländische Spiritismus will dagegen dem Zeitgeist gemäß aufklärerisch und fortschrittlich wirken. Allan Kardecs Satz "Die Zeit ist erfüllt, sagen die Geister, der Fortschritt muss beschleunigt werden" ist ein gern zitierter und in der Tat zentraler Ausspruch. Man will den reinen Materialismus durchbrechen und mit "wissenschaftlichen Methoden" den Weg zur jenseitigen Welt öffnen, um so das Bewusstsein und Wissen der Menschen zu erweitern. Eine letztlich optimistische Fortschrittsgläubigkeit ist zu spüren, von Kardec angefangen, über die verschiedenen Freimaurerlogen bis hin zu Rudolf Steiner und dem UFO-Spiritismus.
 
Wissenschaftsgläubigkeit ist ein wichtiger Differenzpunkt und erweist den hiesigen Spiritismus als Kind und Produkt abendländischen Denkens. Hinzu kommt der in vielen spiritistischen Gruppierungen zentrale Gedanke der Offenbarung. Er erweist die sekundären Offenbarungsreligionen als den religiösen Mutterboden, auf dem diese Bewegungen entstanden sind und weiter entstehen. Diese oft unter Diktat entstandenen Offenbarungen niederzuschreiben, so dass ein heiliges Buch entsteht, unterscheidet sie weiter von dem traditionalen Spiritismus und erweist sie als Kind abendländischer Kultur.

Diese wenigen Hinweise mögen genügen. Im Detail könnten an den verschiedenen Ausprägungen des Spiritismus oder Spiritualismus weitere innerspiritistische Differenzierungen aufgezeigt werden.
 
Doch es gibt Überschneidungen. Hier wie dort geht es um den Kontakt mit den Geistern und den Verstorbenen. Beide Mal soll die Lücke gefüllt werden, die der Tod reißt. Im Abendland will man vor allem mit den Geistern großer Verstorbener Kontakt haben und nähert sich dem Jenseits mit wissenschaftlichen Methoden, wie sie z. B. von Kübler-Ross und anderen begründet wurden. Um Überwindung der Todesgrenze und der Grenze zum Jenseits und darum, der Seele das eigentliche Zuhause zu zeigen, geht es beiden.

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Anmerkungen

1 Die Reinkarnationsvorstellung lasse ich hier unbeachtet. Dort behalten die Geister eine rituelle Bedeutung, weil sie ehemalige Menschen sein können. Hier werden Elemente der vorgegebenen primären Religionen bruchlos inkorporiert.
2 Die Grabsteinenthüllung, zumal wenn auf dem Grabstein noch ein Bild des Verstorbenen eingefügt ist, ist eine ferne Erinnerung und rituell neutrale Reminiszenz daran! - Zum Ganzen vgl. T. Sundermeier, Was ist Religion? Gütersloh 1999, 34ff.
 

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