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Materialdienst 7/2004
Lutz Lemhöfer

50 Jahre "Wunder von Bern"

Zeitgeschichte, Fußball und Säkular-Religion

Im vorigen Jahr lief mit großem Erfolg in deutschen Kinos ein geradezu nostalgischer Film: "Das Wunder von Bern". Auf anrührende Weise hatte der Filmemacher Sönke Wortmann eine zeitgeschichtliche Sportlegende mit einer privaten Beziehungsgeschichte verknüpft. Die zeitgeschichtliche Folie bildete der Weg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum völlig unerwarteten Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 - ein Ereignis, das eine Welle der Euphorie über das materiell und mental gebeutelte Nachkriegsdeutschland schwappen ließ. Damit verknüpft ist die sensibel beobachtete Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der seine eigenen Traumata (die man damals weder so nannte noch sich eingestand) in hohlem Autoritätsgehabe gegenüber der Familie austobt und nur allmählich über den jüngsten Sohn einen Zugang erst zur eigenen Fußball-Leidenschaft und dann auch zu anderen verschütteten Gefühlen bekommt. Beides kulminiert in der Vater-Sohn-Fahrt zum Weltmeisterschafts-Endspiel, in dessen Folge das verhärtete Herz des Vaters schmilzt und der allgemeine Jubel nach dem Sieg Züge einer Erlösungsfeier annimmt, einer kollektiven Auferstehung zum "Wir sind wieder wer".1

Am 4. Juli nun ist der 50. Jahrestag des realen Endspiels von Bern. Die Metapher des Wunders war schon damals in aller Munde. Schon frühere Siege des Außenseiters Deutschland während des Turniers wurden so bezeichnet, das "Wunder von Genf" (2:0 gegen Jugoslawien) und das "Wunder  von Basel" (6:1 gegen Österreich) gingen dem ultimativen "Wunder von Bern" (3:2 im Endspiel gegen Ungarn) voraus, so dass ein heutiger Chronist spöttisch notiert: "Wunder über Wunder waren über das Land gekommen, in einer selbst der christlichen Heilslehre unbekannten Häufung... Die via Wunder bewirkte Verklärung der deutschen Fußball-Leistungsbilanz geschah vorsätzlich. Hinweise auf höchst weltliche, teilweise sogar messbare Eigenschaften wie Kondition, kämpferische und spieltaktische Fähigkeiten sowie Willensstärke schienen den damaligen medialen Öffentlichkeitsarbeitern irgendwie ungenügend. Ein bisschen entrückt durfte es schon sein."2 Eben ein Wunder, wenn man die Definition des Nachschlagewerks "Erste Auskunft Religion" zugrunde legt: "Ein aufsehenerregendes Geschehen, das zum Guten führt, unerwartet eintritt und zunächst oder überhaupt innerweltlich nicht erklärbar ist".3 Tatsächlich ging die öffentliche Wirkung dieses Sieges weit über die eines beliebigen Sportereignisses hinaus. Erst kurz zuvor war die Exkommunikation Deutschlands aus der Gemeinde des internationalen Sports aufgehoben worden. Noch bei der Weltmeisterschaft 1950 war die Mannschaft des mit dem Makel von Nazidiktatur und Kriegsschuld behafteten Deutschland ausgeschlossen. Bei den folgenden ersten internationalen Spielen verzichtete man auf das Abspielen einer deutschen Hymne - das Deutschlandlied schien nicht mehr verwendbar (erst später wurde es durch den Kunstgriff gerettet, nur den Text der dritten Strophe zu verwenden und nicht das belastete "Deutschland, Deutschland über alles"). Aller Augen richteten sich darauf, wie der reumütige Sünder sich aufführen würde, ob peinliche Großmannssucht und schriller Nationalismus überwunden waren oder neu aufbrechen würden. Schließlich waren nicht wenige der "Schlachtenbummler" (so nannte man die mitreisenden Fans) wenige Jahre zuvor zu realen Schlachten in die Länder der jetzigen sportlichen Gegner einmarschiert. Die kickende Truppe hatte jetzt, gewollt oder nicht, eine diplomatische Mission zu erfüllen. Umgekehrt bot sie die Möglichkeit der Identifikation für eine bundesdeutsche Gesellschaft (und mindestens teilweise auch für DDR-Bürger), der es an Identifikationsobjekten in hohem Maße mangelte. Die politische Identifikation mit dem neuen Staat hielt sich in Grenzen. Umfragen aus dem Jahr 1951 zufolge fanden 80 Prozent der Deutschen, dass es ihnen in der Nachkriegszeit von allen Lebenszeiten am schlechtesten gehe; auf die Frage, welcher Deutsche am meisten für Deutschland getan habe, rangierte Bismarck auf Rang 1, Hitler auf Rang 3, der damalige Bundeskanzler unter "ferner liefen".4 Vielleicht stimmt ja die Kindheitserinnerung des Sozialpsychologen Klaus Theweleit, nach der sich die Deutschen hauptsächlich durch zwei Haltungen auszeichneten: "Die erste bestand in der absoluten Nichtbefassung mit der eigenen Verstricktheit ins Hitlertum ...; die zweite war die Befassung mit dem, was sie euphorisch den Wiederaufbau nannten".5 Politik und Politiker weckten keine Begeisterungsstürme. Da bot sich die Fußball-Nationalmannschaft als risikoarmes, vordergründig unpolitisches Identifikationsobjekt an. Ähnliches gilt übrigens auch vom Endspielgegner Ungarn. Hier fungierte die Nationalelf (ein wahres "Dreamteam" des Fußballs) als sozialer Kitt zwischen Volk und Regierung: von oben planmäßig gefördert und privilegiert als Aushängeschild des neuen sozialistischen Ungarn, von unten dennoch geliebt ob des begeisternden Fußballs, den die Mannschaft spielte. Die unerwartete Niederlage im Endspiel provozierte denn auch aggressive Ausschreitungen gegen Mannschaft und Trainer, letztlich die sportlichen Institutionen des ungeliebten stalinistischen Regimes.6 Manche Beobachter sehen in diesen ersten nicht von oben geplanten massenhaften Demonstrationen ein Vorspiel des politischen Aufstandes von 1956.

Hat aber dies alles etwas mit Religion zu tun? Es gibt, meine ich, gute Argumente, dass zumindest religiöse Bedürfnisse hier angesprochen werden konnten.

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Anmerkungen

1 Nachzulesen auch im Buch zum Film: Christof Siemes, Das Wunder von Bern, Köln 2003.
2 Diese wie viele andere zeitgeschichtliche Bobachtungen notiert Arthur Heinrich, 3:2 für Deutschland. Die Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern, Göttingen 2004.
3 Erste Auskunft Religion, Leipzig 1991, 177.
4 Heinrich, 3:2 für Deutschland, 65.
5 Klaus Theweleit, Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell, Köln 2004.
6 Die ungarische Perspektive wird beschrieben bei Peter Kasza, Das Wunder von Bern. Fußball spielt Geschichte, Berlin 2004.

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