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Materialdienst 7/2004
Michael Utsch

Homöopathie - Humbug oder Heilverfahren?

Eine Alternativmedizin und ihre Wirksamkeitsdeutungen

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Im kommenden Jahr begeht die Stadt Meißen den 250-jährigen Geburtstag eines ihrer bekanntesten Bürger - Dr. med. Samuel Hahnemann (1755-1843). Der Sohn eines Porzellanmalers entdeckte nach Jahren erfolgloser Übersetzungs-, Forschungs- und Praxistätigkeit im Selbstversuch das Simile-Prinzip: "Ähnliches wird mit Ähnlichem geheilt". Durch systematische Überprüfungen bestärkt, veröffentlichte Hahnemann als 55-Jähriger sein Hauptwerk "Organon der Heilkunst", das ihn schlagartig bekannt machte und wegen seines dogmatischen Grundtons oft als "Bibel der Homöopathie" bezeichnet wird.
 
An der Homöopathie scheiden sich bis heute die Geister. Schon zu Lebzeiten wurde Hahnemanns Lehre als Kurpfuscherei, Parawissenschaft und "okkultes Denken" bekämpft. Aus christlicher Sicht ist die "geistartige Kraft", die nach Hahnemann einem homöopathischen Arzneimittel Wirksamkeit verleiht, verdächtig. Demgegenüber stehen Christen, die unbefangen mit seinen Heilwirkungen arbeiten.2 Was ist - abgesehen von Glaubensüberzeugungen - aus Vernunftgründen von Arzneimitteln zu halten, die ohne wissenschaftlich messbare Wirkstoffe auskommen? 

1. Alternativmedizin im Aufwind

Der Boom der Alternativmedizin ist nichts Neues. Schon Anfang des letzten Jahrhunderts gab es in Deutschland mehr nicht-ärztliche Naturheiler als Ärzte. Ein ähnlicher Trend ist seit einigen Jahren erneut zu beobachen, nur dass jetzt immer mehr Schulmediziner ergänzend alternative Verfahren anbieten. Nach Angaben einer Allensbach-Umfrage soll sich in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der Ärzte, die als Zusatzbezeichnung "Homöopathie" oder "Naturheilkunde" führen, fast verdoppelt haben. Heute wird die Akupunktur sehr erfolgreich zur Schmerzbekämpfung verschrieben und teilweise von den Krankenkassen übernommen. Yoga-Übungen und Zen-Meditation werden von Ärzten zur Stressreduktion und Gesundheitsprophylaxe empfohlen. Während vor 25 Jahren in einer repräsentativen Umfrage nur 33 Prozent Meditation als Entspannungstechnik positiv bewertete, sind es heute 49 Prozent. Ayurveda-Anwendungen sind im Rahmen von Wellness-Kuren ein Renner, die Traditionelle Chinesische Medizin boomt. Und Homöopathika werden als Selbstbehandlung leichter Erkrankungen immer häufiger eigenverantwortlich eingesetzt.
 
Über die Motive, Komplementär- und Alternativmedizin anzuwenden, wurde schon viel geforscht. Der Erkenntnisstand lässt sich etwa so zusammenfassen: Viele Menschen sind unzufrieden mit der konventionellen Medizin und der Wissenschaft überdrüssig. Manche sind verzweifelt, etwa weil sie unheilbar erkrankt sind. Hinzu tritt als ein "positives" Motiv der populäre Trend zum Natürlichen und Übersinnlichen. Dabei steht die Hoffnung im Vordergrund, eine Heilung ohne Nebenwirkungen zu erhalten und mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit zu gewinnen. Vor allem Eltern von Kindern mit chronischen Erkrankungen wie Neurodermitis, Allergien oder Asthma, zeigen ein hohes Interesse an dieser Alternative zur Schulmedizin.

In der Sympathie der Deutschen für alternative Heilverfahren rangiert die Homöopathie nach einer Befragung der Gesellschaft für Konsum- und Marktforschung ganz oben:

Naturheilkunde 83 %
Homöopathie 71 %
Akupunktur 64 %
Autogenes Training 58 %
Yoga 55 %

Für das weite Feld der Alternativmedizin gibt es unterschiedliche Bezeichnungen: Volks-, Erfahrungs- oder traditionelle Medizin, holistische oder Ganzheitsmedizin, unkonventionelle Heilweisen oder Komplementärmedizin. In den USA hat sich der Sammelbegriff CAM für "Complementary and Alternative Medicine" eingebürgert. Die Alternativ- bzw. Komplementärmedizin ist dort weit verbreitet und offiziell anerkannt. CAM-Kurse werden an drei Viertel der US-amerikanischen Hochschulen unterrichtet, das dazugehörige Forschungszentrum ist mit einem jährlichen Etat von rund 100 Millionen  Dollar üppig ausgestattet. Während die Forschung in Deutschland noch hinterherhinkt, ist das öffentliche Interesse an solchen Heilweisen unvermindert groß.
 
Wie kann man die vielfältigen Verfahren der sogenannten "sanften Medizin" systematisieren? Eine gründliche Übersicht liefert das Lehrbuch des Historikers Robert Jütte über die "Geschichte der Alternativen Medizin":3

1. Religiöse und magische Medizin
    Wunderglaube, Wallfahrten, Gebetsheilungen, Mesmerismus, Geistheilung)
2. Klassische Naturheilkunde
    (Wasser-, Bewegungs-, Kräuter-, Ernährungs-, Ordnungstherapie)
3. Biodynamische Heilweisen
    (Homöopathie, Anthroposophische Medizin)
4. Fernöstliche Heilweisen
    (Akupunktur, Yoga, Ayurveda, Traditionelle Chinesische Medizin)

Alternativmedizinische Verfahren stellen im Grunde die Wiege der wissenschaftlichen Medizin dar. Denn bevor sich die akademische Schulmedizin in der Mitte des 19. Jahrhunderts konstituierte, gab es ein weites Spektrum von Heilern, im dem Quacksalber und Scharlatane ebenso vorkamen wie erfahrungskundige Apotheker und Chirurgen. Als Hahnemann gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit seiner Homöopathie antrat, spaltete sein ungewöhnlicher Erklärungsansatz des Ähnlichkeitsprinzips sein Publikum in Anhänger und Feinde. Dabei erwiesen sich die Abgrenzungsbemühungen als Motor für die Profilierung einer "rationalen Medizin", wie man die Schulmedizin damals gerne bezeichnete. Die sogenannte Alternativmedizin ist also viel älter als die durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt sich sprunghaft entwickelnde Schulmedizin.
 
Seit Hahnemanns Zeiten hat sich die Alternativmedizin in Wellen von Sympathie und Antipathie weiter ausgebreitet. Professor Paul Unschuld, Sinologe und Medizinhistoriker an der Universität München, begründet ihren bemerkenswerten Aufschwung mit der "Überzeugungskraft von Ideen". Der Übergang von einem heilkundlichen Ideensystem zu einem anderen - etwa von der Schulmedizin zur Alternativmedizin - hängt nach seiner Meinung im Wesentlichen von außermedizinischen Faktoren ab. Dazu zählt er die kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen einer Gesellschaft und vor allem die "Grundwerte, die sich für das menschliche Zusammenleben herausgebildet haben". Nicht zuletzt meint er damit auch "die Ängste, die eine Gesellschaft im Hinblick auf reale oder vermutete Gefährdungen ihrer Strukturen hegt. All diese Gegebenheiten rufen offenbar einen bestimmten Zeitgeist hervor, der sich nicht zuletzt in der Art und Weise widerspiegelt, wie die Bedrohung durch Kranksein und frühen Tod empfunden, konzeptualisiert, in Theorien eingefügt und schließlich als heilkundliches Ideensystem kulturell strukturiert wird".4

In der Alternativmedizin übernehmen Weltanschauungen die zentrale Funktion der Wirklichkeitsdeutung. Alternative Heilverfahren gründen auf Weltbildern und vermitteln deren Werte, Ideale und Ethik. Zugespitzt kann man formulieren: In der Weltanschauung ist das Wirkprinzip eines alternativen Heilverfahrens verborgen. In der Regel widersprechen die Weltbilder der Alternativmedizin dem wissenschaftlichen Weltbild der Moderne. Den vormodernen Weltbildern entnehmen die Heilpraktiker vertrauensvoll ein Wissen, das gesunde Lebensführung vermittelt und Heilprozesse in Gang setzen soll.

Konzepte von Gesundheit und Wohlbefinden, von Heilsein und Ganzheit sind also immer auch ein Spiegel des Zeitgeistes und der aktuellen gesellschaftlichen Wertesysteme. Nur vor diesem Horizont lässt sich der schwammige Begriff "Alternativmedizin" definieren: Dazu zählen genau die Verfahren, die "von den herrschenden medizinischen Richtungen einer bestimmten Gesundheitskultur mehr oder weniger stark abgelehnt werden, weil sie die Therapieformen der herrschenden medizinischen Richtungen teilweise oder völlig in Frage stellen bzw. auf eine unmittelbare und grundlegende Änderung des medizinischen Systems abzielen".5

Konzepte einer alternativmedizinischen ‚Gegenkultur' lassen sich heute leicht finden: Vorstellungen eines feinstofflichen Körpers, von besonderen Energiepunkten und -kanälen im Sinne einer Aura, von Meridianen und Chakren, die die Grundlage der asiatischen Heilweisen bilden, lassen sich im westlichen medizinischen Denken nicht abbilden, naturwissenschaftlich erfassen oder gar verstehen. Die Heilwirkungen veränderter Bewusstseinszustände, die im Schamanismus eine zentrale Rolle spielen und heute als magische Medizin eine erstaunliche Aufmerksamkeit erfahren, entziehen sich ebenfalls dem rationalen Verständnis. Die Einbeziehung bestimmter Tageszeiten oder Mondkonstellationen in eine therapeutische Behandlung innerhalb des biodynamischen Spektrums ist gleichfalls an weltanschauliche Glaubensüberzeugungen gebunden.

Im Zentrum alternativer Heilverfahren steht also in der Regel eine komplexe Weltanschauung und Lebensphilosophie. Das sollte man wissen, wenn man sich auf eine fremdartige Heilmethode einlässt. Heute hat man manchmal den Eindruck: je exotischer das Verfahren, desto größer die Aufmerksamkeit. Für viele ist beispielsweise der Buddhismus mit seiner friedvollen und Gelassenheit ausstrahlenden Atmosphäre attraktiv. Die Idee der Reinkarnation findet wachsenden Zuspruch - wahrscheinlich auch deshalb, weil man damit der bedrohlichen Endlichkeit ein Schnippchen zu schlagen glaubt. Dabei ist mit einer erneuten Reinkarnation nach buddhistischem Verständnis gar kein Erfolg, sondern Scheitern und fortgesetztes Leiden verknüpft.

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Anmerkungen

1 Überarbeitetes Manuskript eines Vortrags, der am 8. Mai 2004 im Rahmen einer Tagung des Evangelischen Bundes Sachsen in der Meißner Frauenkirche gehalten wurde. Die Ergebnisse der anschließenden Podiumsdiskussion mit einem Arzt, dem Leiter des Meißener Hahnemann-Zentrums, einer Kirchenvorsteherin, die als Homöopathin arbeitet, und einem Theologen sind in den Text mit eingeflossen.
2 K. Kleinschmidt, H. Frick, Die Homöopathie und ihre religiösen Gegner im Blickwinkel medizinischen Wissens und christlichen Glaubens. Metzingen 1998. Auch die Vereinigung christlicher Heilpraktiker arbeitet mit der Homöopathie (vgl.
www.vchp.de).
3 R. Jütte, Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute, München 1996.
4 P. Unschuld, Antike chinesische Medizin. Die Vielfalt der Denkstile, Dt. Zeitschrift für Akupunktur 43/1 (2000), 21-32.
5 R. Jütte, Geschichte der Alternativen Medizin, 13.

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