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Materialdienst 8/2004
Ulrich Dehn

Neurotheologie und religiöse Erfahrung

Die neurologische Erforschung dessen, wo sich im Gehirn des Menschen religiöse Erfahrung verorten lässt, hat insbesondere seit den Veröffentlichungen des US-amerikanischen Radiologen Andrew Newberg, seines verstorbenen Kollegen Eugene D'Aquili und Vince Rause sowie des amerikanischen Neurophysiologen Vilaynur S. Ramachandran Wellen geschlagen. Die angebliche Entdeckung Gottes im Schläfenlappen wurde schlagzeilenfähig, ungeachtet dessen, dass gar nicht jede religiöse Erfahrung etwas mit "Gott" zu tun hat. Religiöse Erfahrung schien in den Bereich des Zugriffs naturwissenschaftlicher Forschung gekommen zu sein. "Ich (bin) fasziniert von der Idee, dass wir überhaupt damit beginnen können, Fragen nach Gott und der Spiritualität naturwissenschaftlich anzugehen", schreibt Ramachandran.1 Ist dies wirklich so? Wie sind die "religiösen Erfahrungen" zu bewerten, die zur Grundlage der Forschungen gemacht wurden? Wie sehen die "Forschungen" aus?

In diesem Beitrag wird es nicht um eine naturwissenschaftliche Argumentation gehen, die außerhalb der Kompetenz des Verfassers läge. Hier geht es darum, zum Thema der "Neurotheologie" aus der Perspektive ostasiatischer Religiosität und religiöser Erfahrung allgemein und unter Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit religiöser Erfahrungen und der Vergleichbarkeit solcher Erfahrungen in unterschiedlichen Kulturkreisen Gesichtspunkte beizutragen.

Vorausgeschickt werden einige Thesen, die zur unterschwelligen und zuweilen ausdrücklichen Grundlage dessen werden, was folgen wird.

1. Die neurophysiologischen Erkenntnisse der letzten Jahre tragen, selbst wenn sie erhellen können, in welchen Gehirnfunktionen und an welchen Orten des Gehirns religiöses Wahrnehmen und Fühlen zu lokalisieren und zu identifizieren ist, nichts Wesentliches zum theologischen oder religionswissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt bei.

2. Thesen neurotheologischer Art, sei es in reduktionistischer Absicht (d.h. mit der Absicht, nachzuweisen, dass sich "Religion" auf den neuronalen Vorgang beschränkt und nichts anderes als eine Illusion aufgrund von seelischen Bedürfnissen sei), sei es mit der Absicht des wissenschaftlichen Nachweises einer transzendenten Wirklichkeit, sind allemal Ergebnis von Interpretationen bzw. Glaubensfragen. Sie können nicht als Gottesbeweise, sei es philosophischer, sei es medizinischer Art, dienen.

3. Die diesbezügliche wissenschaftliche Diskussion trägt in sich die Gefahr der Instrumentalisierung bzw. eines potentiellen Rückschlusses: Wenn Vorgänge des religiösen Erfahrens und Glaubens neurophysiologisch identifizierbar sind, ist grundsätzlich auch denkbar, umgekehrt Glauben bzw. seine neurologische Widerspiegelung neurophysiologisch entweder zu induzieren oder zu eliminieren, ggfs. auch gegen den Willen eines Probanden.

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Anmerkung

1 Vilaynur S. Ramachandran / Sandra Blakeslee, Die blinde Frau, die sehen kann. Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins, Reinbek 2002, 304 (amerikan. Original: Phantoms in the Brain: Probing the Mysteries of the Human Mind, New York 1998).

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