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Materialdienst 5/2004
Inken Wöhlbrand

Stellungnahme zum Kopftuchstreit

Wofür steht das Kopftuch? Hier sind alle, die sich die Mühe machen, genauer hinzuschauen, inzwischen einig: nicht alle Frauen, die ein Kopftuch tragen, können als religiös-fundamentalistisch, gesellschaftlich unterdrückt und/oder politisch radikalisiert betrachtet werden. Doch die Folgerungen aus dieser Einsicht sind immer noch sehr unterschiedlich: für die Befürworter eines Verbotes reicht es aus, dass das Tragen des Kopftuches mit den o.g. Assoziationen verbunden ist, dass es also einen "Anfangsverdacht" gegen eine Kopftuchträgerin gibt. Das Kopftuch zuzulassen, hieße demnach den Schulfrieden zu gefährden, emanzipationswillige muslimische Mädchen einzuschränken und unter dem Deckmantel demokratischer Freiheiten undemokratische Strukturen zu stärken. Die Gegner des Kopftuchverbotes weisen dagegen darauf hin, dass es gerade die gebildeten, selbstbewussten jungen Musliminnen sind, die ihr Recht einklagen, ein Kopftuch tragen zu dürfen. Ein Verbot träfe also gerade die Frauen, die eigentlich auf unsere Unterstützung zählen müssten, weil sie unserem Emanzipationsverständnis entsprechend durch Bildung und eigene Berufstätigkeit ihr Leben selbstbestimmt gestalten wollen.

Beide Seiten in diesem Streit arbeiten zudem mit Zukunftsprojektionen, die nicht belegbar sind. Die Befürworter des Verbotes warnen vor einer Aushöhlung des Rechtsstaates durch antidemokratische Gruppen, die das Instrument der Grundrechte nutzen, um diese zu unterlaufen. Die Gegner dagegen sehen generell die Integration der Muslime gefährdet, wenn das Kopftuchtragen für Lehrerinnen (nicht für Schülerinnen!) verboten wird. Beiden Zukunftsvisionen ist schwerlich etwas entgegenzusetzen, da wir die zukünftige Entwicklung nicht kennen. Werden wir eines Tages eher unsere Blauäugigkeit gegenüber radikalen muslimischen Gruppen beklagen, oder werden wir bereuen, die Chancen für eine friedliche Integration aus Angst und Abwehr gegenüber dem Islam versäumt zu haben?

Standpunkte in dieser Frage folgen nicht den üblichen Parteigrenzen, weder bei den politischen Parteien noch in den Kirchen. So geht der Riss zwischen Befürwortern und Gegnern auch quer durch die evangelischen Kirchen. Der Rat der EKD hat in seiner Stellungnahme im Oktober letzten Jahres noch so formuliert, dass das Kopftuch als Symbol für die grundsätzliche Ablehnung der freiheitlich demokratischen Grundordnung angesehen wird. Eine differenziertere Wahrnehmung, wie sie in den vergangenen Monaten geschehen ist, ließe solch eine generelle Formulierung wohl nicht mehr zu. Dennoch ist auf kirchenleitender Ebene in den Landeskirchen zu beobachten, dass man sich dieser Stellungnahme im Allgemeinen anschließt. Stimmen gegen ein Kopftuchverbot kommen aus dem kirchlichen Bereich dann eher aus den interreligiösen Arbeitskreisen, die aus der konkreten Begegnung mit Muslimen andere Perspektiven und Standpunkte in dieser Frage haben. Eine Ausnahme bildet die Nordelbische Kirche: hier haben sich Anfang Dezember 2003 ihre zwei Bischöfinnen der Initiative "Religiöse Vielfalt statt Zwangsemanzipation" angeschlossen, in der Frauen aus allen politischen Parteien und wichtigen gesellschaftlichen Gruppierungen gegen ein Kopftuchverbot eintraten. Doch sind sie damit in ihrer Kirche nicht unwidersprochen geblieben: Die Sektenbeauftragte der Nordelbischen Kirche hat dagegen öffentlich Stellung bezogen und bekräftigt, man müsse mit einem Kopftuchverbot islamistischen Kräften eine Grenze aufzeigen.

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