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Materialdienst 5/2004
Rolf Schieder

Was ist Zivilreligion und wer braucht sie?

Bei der Zivilreligion handelt es sich nicht um eine Konfession, sondern um einen kategorialen Begriff, mit dessen Hilfe die Inanspruchnahme von Religion durch die Politik unter den Bedingungen einer vollzogenen Trennung von Staat und Kirche markiert wird. Der Begriff ist von dem der politischen Religion zu unterscheiden. Politische Religionen dienen totalitären Regimen zur religiösen Aufladung ihres politischen Handelns, vor allem zur Mobilisierung der Massen und zur Verschleierung der politischen Absichten; damit sind sie vollständig für politische Zwecke instrumentalisiert. Eine Zivilreligion als 'Religion der Bürger' dagegen macht auf die Abhängigkeit der Politik nicht nur von den reproduktiven und ökonomischen, sondern auch von den religiös-sittlichen Leistungen der Bürger aufmerksam. Zivilreligion ist eine Religion nach der Aufklärung, sofern sie die Unterscheidung zwischen Politik und Religion nicht aufhebt, sondern betont. Als unverfügbarer Horizont politischen Handelns erinnert sie die Politik an ihre eigenen Grenzen. Da Bürger zugleich auch Christen, Juden, Muslime, Atheisten sind, ist das Verhältnis der jeweiligen Konfession und Weltanschauung zum Gemeinwesen für den Zuschnitt des zivilreligiösen Bewusstseins des einzelnen Bürgers entscheidend. Eine von den Konfessionen losgelöste Zivilreligion kann es nicht geben. Sie schöpft vielmehr aus den Quellen der politischen Theologien der jeweiligen Konfessionen. In einer multikonfessionellen Gesellschaft muss man also mit der Existenz einer Vielzahl von Fassungen des zivilreligiösen Konsenses rechnen. Umgekehrt gilt auch der Satz, dass jede Religion immer auch Zivilreligion ist (E. Herms). Jedes religiöse Subjekt ist immer auch Bürger und muss als solches Stellung zu seinem politischen Gemeinwesen nehmen. Das Verhältnis von politischer oder öffentlicher Theologie und Zivilreligion ließe sich dann folgendermaßen fassen: Der Bürger als Christ argumentiert und handelt im binnenkirchlichen Diskurs politisch-theologisch, der Christ als Bürger im politischen Diskurs zivilreligiös. 

Man kann mit folgenden Formen von Zivilreligion in einem modernen Gemeinwesen rechnen:

a) mit einer Zivilreligion, die in Verfassungstexte und Gesetze Eingang gefunden hat und so als sedimentierter Ausdruck zivilreligiöser Überzeugungen früherer Generationen überliefert wird;

b) mit einer Zivilreligion, an deren Fassung und Form sich die gegenwärtige Generation abarbeitet und die gerade als umstrittene in zivilgesellschaftlichen Debatten zur Geltung kommt, wie etwa im Streit um ein Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen oder um das Kruzifix in bayerischen Schulen; verwunderlich ist in diesem Zusammenhang, dass noch kein Streit über das Kreuz auf deutschen Panzern und Kampfjets und Uniformen entbrannt ist, denn auch Kasernen sind staatliche Einrichtungen und Soldaten Staatsbeamte;

c) mit einer Zivilreligion des einzelnen Bürgers, der seine religiöse und seine politische Existenz in seiner Person in ein solches Verhältnis bringen muss, dass seine Identität und Integrität bewahrt und die Reziprozität seiner Rollen gewährleistet bleibt.

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