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Materialdienst 9/2014
Wilfried Härle

Christlicher Glaube zwischen Skepsis und Gewissheit

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Bei der Beschäftigung mit dem Thema habe ich schnell gemerkt, dass ich die beiden Begriffe „Skepsis“ und „Gewissheit“ nicht als gleichrangige, gleichberechtigte, gleich wichtige Größen empfand, sondern eher wie die Bezeichnung eines problematischen, möglichst zu überwindenden Phänomens (Skepsis) im Verhältnis zu einem attraktiven, möglichst zu erstrebenden Phänomen (Gewissheit). Und obwohl ich überzeugt bin, dass da „etwas dran“ ist, habe ich doch auch gemerkt, dass ich mir eine Zeit lang das verbaut habe, was man aus der Beschäftigung mit der Skepsis gewinnen kann, wenn ich dieses negative (und jenes positive) Vorurteil allzu stark werden lasse. Vor allem habe ich zu meiner eigenen Überraschung entdeckt, dass Skepsis und Gewissheit sehr viel mehr miteinander zu tun haben, als mir das bis vor einiger Zeit bewusst war.

Diese Einsicht verdanke ich vor allem der Beschäftigung mit einem Philosophen, genauer: Wissenschaftstheoretiker, der in seinem Fach (nicht nur in Österreich und Deutschland) im 20. Jahrhundert zur absoluten Spitze gehört, in der Theologie aber eine erstaunlich (und unangemessen) geringe Rolle spielt: Wolfgang Stegmüller (1923 – 1991). Dabei denke ich jetzt nicht an seine – auch theologisch wichtige – Studie zum Universalienproblem und seine großen Lehrbücher zur Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts2, sondern an sein für die Wissenschaftstheorie grundlegendes Werk, das 1954 unter dem Titel „Metaphysik, Wissenschaft, Skepsis“ und fünfzehn Jahre später unter dem scheinbar nur geringfügig, tatsächlich aber signifikant geänderten Titel „Metaphysik, Skepsis, Wissenschaft“ als „zweite, verbesserte Auflage“ erschien.3 Ich möchte deshalb die Grundthese zum Verhältnis von Metaphysik, Skepsis und Wissenschaft vorstellen, wie sie Stegmüller vor 45 Jahren formuliert hat.

Zuvor möchte ich jedoch als weiteren Gesprächspartner einen anderen Philosophen des 20. Jahrhunderts vorstellen, der sich selbst programmatisch als „skeptischen Philosophen“ verstanden und bezeichnet hat und der sich von dieser Position aus gleichwohl mit großer Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit mit „Religion“ und dem „Glauben an Gott“ beschäftigt hat. Ich meine Wilhelm Weischedel (1905 – 1975), der vor allem durch sein großes zweibändiges Werk „Der Gott der Philosophen“4 große Beachtung – auch in Theologenkreisen – gefunden hat. Weischedel und Stegmüller nehmen übrigens, soweit ich sehe, nirgends aufeinander Bezug.

Als dritten skeptischen Denker werde ich den Gießener Philosophen Odo Marquard (geb. 1928) vorstellen, der sich – ebenso wie Weischedel – selbst als skeptischen Philosophen bezeichnet und der sich zugleich nicht weniger intensiv als Weischedel mit Theologie beschäftigt hat. Dabei sind es vor allem zwei Themen, mit denen er sich immer wieder befasst hat: Theodizee und Rechtfertigung, die er je für sich, vor allem aber in ihrem inneren Zusammenhang, sozusagen in ihrer inneren Verwobenheit reflektiert und in seiner außergewöhnlich humorvollen Sprache („Transzendentalbelletristik“) artikuliert hat.

Nach dem Durchgang durch diese drei Positionen will ich dann versuchen, den Ertrag zu bündeln, indem ich einerseits nach Sinn und Bedeutung des Begriffs bzw. der Konzeptionen von „Skepsis“ und „Skeptizismus“ frage, denen wir begegnet sind, und andererseits die so präzisierte Skepsis zu der „Gewissheit“ in Beziehung setze, die für den christlichen Glauben und sein Selbstverständnis insbesondere aus reformatorischer Perspektive grundlegend ist.

Die durch skeptisches Fragen offen bleibende Sinnkette (Weischedel)

Wilhelm Weischedel ist in seinem Werk „Der Gott der Philosophen“5 intensiv dem Zusammenhang zwischen der Sinnfrage und der Gottesfrage nachgegangen und hat dabei folgenden Gedankengang entwickelt: Die Frage nach dem Sinn von irgendetwas lässt sich generell nur beantworten durch Verweis auf etwas Sinngebendes, von dem es umfasst wird. So besteht der Sinn eines Füllfederhalters im Schreiben, der Sinn des Schreibens in der Kommunikation, der Sinn der Kommunikation im zwischenmenschlichen Austausch, der Sinn dieses Austauschs im menschlichen Dasein usw. Das jeweils als zweites Genannte ist nach Weischedel das „Sinngebende“, von dem her das jeweils Erstgenannte, als das „Sinnhafte“, seinen Sinn empfängt, wenn, ja wenn das Sinngebende selbst sinnhaft ist. Da aber liegt, wie Weischedel auf eine leicht nachvollziehbare Weise zeigt, das Problem. Denn das Sinngebende empfängt seinen Sinn ja wiederum von einem Sinngebenden, und die Glieder dieser „Sinnkette“ werden immer umfassender, bis zuletzt in jedem Fall ein nicht mehr zu erweiternder, universaler „Sinnzusammenhang“ erreicht ist. „Nur wenn es einen ... Gesamtsinn gibt, ist auch das einzelne Sinnhafte in seiner Sinnhaftigkeit gerechtfertigt.“ Weischedel bezeichnet diesen umfassenden (Sinn-)Horizont als „Wesen des Daseins“.6 Woher aber empfängt dieses Wesen des Daseins als der universale Sinnzusammenhang selbst seinen Sinn?

Der skeptische Philosoph kennt natürlich die religiöse Antwort, die im Verweis auf Gott als den Schöpfer und Vollender der Welt besteht, aber er kann sie sich als Skeptiker nicht zu eigen machen, weil sie einen Glauben voraussetzt, den er nicht teilt.

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Anmerkungen

1 Der Charakter des Vortrags wurde beibehalten. Eine ausführliche Fassung findet sich auf www.w-haerle.de/texte/Christlicher_Glaube_zwischen_Skepsis_und_Gewissheit.pdf.
2 Wolfgang Stegmüller, Das Universalienproblem, einst und jetzt, Darmstadt 1957; ders., Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Eine kritische Einführung, Bd. 1 und 2, Stuttgart 31965/61979.
3 Frankfurt a. M. 1954; Berlin u. a. 21969.
4 Bd. 1 und 2, Darmstadt 1971/1972.
5 Bd. 2, Darmstadt 1972, 165-174. Die im Folgenden in Anführungszeichen gesetzten Begriffe entstammen diesem Abschnitt.
6 Ebd., 171.

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