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Materialdienst 8/2014
Hansjörg Hemminger

I. Zur Einführung: Warum der Kreationismus ein Thema sein muss

Die Wissenschaftsfeindlichkeit der großen kreationistischen Organisationen in den USA, wie „Answers in Genesis“, ist offensichtlich, nicht so bei der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“. Umso wichtiger ist es, deren Position ihren eigenen Worten zu entnehmen. Denn obwohl sich nur wenige Naturwissenschaftler die Mühe machen, den Kreationismus zu analysieren, wissen so gut wie alle nach der ersten Berührung mit ihm, dass er Naturwissenschaft nicht treibt, sondern zerstört. Das ist ein Eindruck, der nichts mit ideologischen Festlegungen zu tun hat, sondern damit, dass Wissenschaftler wissen, wie Wissenschaft gemacht wird. Die Klagen von „Wort und Wissen“ – zum Beispiel in „idea Spektrum“ – über den Naturalismus der „scientific community“1 wirken hohl, solange man selbst dafür sorgt, dass Naturwissenschaftler Kirche und Glaube nicht als ernsthafte Gesprächspartner erleben. Martin Neukamm begründet diesen Sachverhalt, er argumentiert wissenschaftstheoretisch und versteht sich selbst nicht als religiös. Zu theologischen Fragen äußert er sich deshalb nicht. Das wäre Sache der evangelischen Kirche. Aber warum muss sie sich überhaupt mit der Außenwirkung des Kreationismus befassen?

Ein Beispiel: Im Mai 2014 fanden an der Universität Jena die „Jenaer Hochschultage“ statt. Die Studentenmission in Deutschland (SMD), der Bund „Entschieden für Christus“ (EC) und die „Studenten für Christus“ (eine Gruppe der pfingstlichen „Gemeinde Gottes“) waren die Veranstalter. Drei Vertreter der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ sollten ein Drittel des Programms gestalten, auch wenn, nach den Themen zu urteilen, nur einer direkt kreationistische Ideen vorgetragen haben dürfte. Dennoch handelte es sich um eine Werbung für den Kreationismus. Entsprechend kritisch fiel das Echo aus, und wie immer mischten sich dabei sachliche Argumente mit wechselseitiger Polemik. Auch die evangelische Kirche konnte nicht umhin, sich in dieser Debatte zu positionieren.

Solche Anlässe nehmen zu, denn Teile der evangelikalen Bewegung und manche freikirchlichen Gemeinschaften öffnen sich dem US-Kreationismus. Man sieht keinen Grund mehr, sich gegen ihn abzugrenzen. Das bereits erwähnte „idea Spektrum“ behandelt den Kreationismus wie eine naturwissenschaftlich gleichberechtigte Option.2 Die SMD, einer der Veranstalter von Jena, ist ein Beispiel für diese Entwicklung: Vor dem Jahr 2000 setzte man sich kritisch mit dem Kreationismus auseinander.3  Noch in einer „smd-transparent“-Ausgabe (2006/3) zum Fundamentalismus gab es ein Interview mit Erich Geldbach, in dem er kritisierte, dass „in unseren Kreisen die Unterscheidung zwischen evangelikal und fundamentalistisch nicht genau wahrgenommen wird“. Da der Begriff „Fundamentalismus“ missbraucht werde, wolle sich niemand so bezeichnen, deshalb verwende man lieber den Begriff „bibeltreu“, der aber auch nichts anderes meine als ein fundamentalistisches Bibelverständnis. Er habe den Eindruck, „dass die Evangelikalen an dieser Stelle zu flexibel sind und Fundamentalisten kritiklos integrieren“. Aber diese Mahnung hat nicht gewirkt. Zahlreiche Vertreter der heutigen SMD dürften sich in dem 2014 auf Deutsch erschienenen Buch von John Lennox wiederfinden: „Sieben Tage, das Universum und Gott“. Man ist dem Kurzzeit-Kreationismus gegenüber wie Lennox zurückhaltend, vertraut aber der Bewegung für ein „intelligent design“ und damit auf die wissenschaftliche Beweisbarkeit Gottes. Man will nicht nur aufzeigen, dass es gute Gründe gibt, an Gott zu glauben. Man will zeigen, dass diese Gründe besser sind als die Gegengründe. Es ist, so meint man, nicht nur vernünftig, sondern vernünftiger, Christ zu sein. Damit macht man allerdings den Glauben zum Ergebnis einer intellektuellen Leistung und würdigt Nichtgläubige intellektuell herab. Wenn man den Gedanken zu Ende denkt, ist nur eine „christliche“ Wissenschaft wahre Wissenschaft. Der Schritt in den Kreationismus ist damit schon halb getan.

Dass ein solcher Anspruch philosophisch und theologisch unhaltbar ist, braucht hier nicht näher begründet zu werden. Dass er für die Kommunikation zwischen Kirche und Gesellschaft problematische Folgen hat, müssen sich die Beteiligten klarmachen – ganz besonders Studentengruppen an Hochschulen. Die evangelikale Bewegung und die Freikirchen sollten zur Kenntnis nehmen, dass der Kreationismus keine wissenschaftliche Kritik an der Schulwissenschaft übt, sondern dies lediglich behauptet. Die halbherzige Zustimmung bzw. wohlwollende Toleranz, die er und die Bewegung für ein „intelligentes Design“ in konservativen Milieus erfahren, untergraben die Glaubwürdigkeit der ganzen Kirche.

Die Evangelische Allianz hat kürzlich eine Kampagne eröffnet: „Zeit zum Aufstehen“. Im Kern handelt es sich um einen Aufruf zur Unterscheidung der Geister auf der Grundlage reformatorischen Glaubens. Dieser Aufruf wird nichts bewirken, solange er sich nicht auch nach innen richtet, an die evangelikale Bewegung selbst. Wenn die Evangelische Allianz nicht bereit ist, im eigenen Innern die Geister zu unterscheiden – wer soll ihrem Willen zur Unterscheidung trauen? Unterscheidung ja, aber bitte auch dort, wo interne Debatten anstehen, nicht nur dort, wo sich durch starke Worte die eigenen Reihen schließen lassen. Der Kreationismus wäre ein guter Anlass, mutig zu werden.

Anmerkungen

1 Vgl z. B. www.idea.de/detail/glaube/detail/studiengemeinschaft-kritisiert-die-dominanz-des-naturalismus-28119.html (Abruf: Juni 2014).
2 Siehe Henrik Ullrich / Reinhard Junker, Wäre die Evolution wahr, in: idea Spektrum 2014, 19-21.
3 Vgl. Edith Gutsche / Peter C. Hägele / Hermann Hafner (Hg.), Zur Diskussion um Schöpfung und Evolution, Porta-Studien 6, Marburg 1998.    

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