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Materialdienst 8/2014
Rita Breuer

Zur islamischen Präsenz in Deutschland

Wie viel kulturelle Differenz verträgt die Gesellschaft?

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Etwa 4 bis 4,2 Millionen Musliminnen und Muslime leben heute in Deutschland, das sind etwa 5 Prozent der Gesamtbevölkerung, die sich in den alten Bundesländern und darüber hinaus in städtischen Ballungsgebieten konzentrieren. Exakte Angaben sind nicht möglich, da Religionszugehörigkeit in Deutschland nicht systematisch erfasst wird. Langfristige seriöse Prognosen zur demografischen Entwicklung sind kaum möglich, aber einen vorsichtigen Blick in die Zukunft können wir durchaus wagen. Über eine Million Muslime hat heute einen deutschen Pass; die Zahl der Einbürgerungen von Muslimen liegt derzeit bei 50000 im Jahresdurchschnitt.2 Neben der im Vergleich zu früheren Jahren deutlich reduzierten Zuwanderung von Muslimen ist für die weitere zahlenmäßige Entwicklung vor allem das innere Bevölkerungswachstum der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland in den Blick zu nehmen. Dabei wird deutlich, dass die Geburtenrate muslimischer Familien im Durchschnitt etwas höher liegt als die nichtmuslimischer Familien, sich aber in weiten Teilen hiesigen Verhältnissen angepasst hat. Einzelnen kinderreichen Familien (die es nicht nur bei Muslimen gibt) steht eine zunehmende Anzahl von Kleinfamilien gegenüber. Wenn also ein exponentielles Wachstum der muslimischen Bevölkerung in Zahlen vorausgesagt wird, so müsste entweder die Geburtenrate der hier lebenden Muslime wenigstens dreimal so hoch sein wie die ihrer jeweiligen Herkunftsländer oder es tatsächlich zu scharenweisen Übertritten zum Islam ohne nennenswerte Gegenbewegung kommen. Das eine ist so unrealistisch wie das andere. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass die muslimische Wohnbevölkerung Deutschlands im Durchschnitt jünger ist als die Gesamtbevölkerung und damit die Zahl derer, die kurz- oder mittelfristig in die Familiengründungsphase eintreten, relativ hoch ist.

Auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Daten prognostiziert eine Studie der Universität Tübingen für das Jahr 2030 eine muslimische Gesamtbevölkerung in Deutschland von ca. 7 Millionen, was dann etwa einem Bevölkerungsanteil von 10 Prozent entsprechen könnte; das bedeutet einen spürbaren zahlenmäßigen wie prozentualen Anstieg und gleichzeitig weiterhin eine deutliche Minderheitensituation des Islam in Deutschland. Die muslimische Bevölkerung wird dann aber wohl eine vergleichbare Alterspyramide aufweisen wie die nichtmuslimische und sich weiter den hiesigen Geburtenraten angepasst haben – ein Prozess, der bereits heute weit fortgeschritten ist. Das spräche für die Zeit nach 2030 für eine Stabilisierung des muslimischen Bevölkerungsanteils.3 Darüber hinaus sind keine seriösen Prognosen zu treffen, zumal zahlreiche Faktoren wie Zeitgeist, Weltanschauung, wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen, die die Kinderzahl beeinflussen, ebenso wenig absehbar sind wie das langfristige zahlenmäßige Gewicht von Religionswechseln zwischen Christentum und Islam.

Tausende Konversionen?

Die Zahl der Konversionen zum Islam wird von muslimischer Seite, aber auch von der effektheischenden Presse gerne in die Tausende jährlich und Zigtausende im Endergebnis hochgeschraubt. Hier ist mit aller Vorsicht zu entgegnen: Etwa 15000 der hier lebenden Muslime sind gebürtige Nichtmuslime, also Konvertiten. Der jährliche Zuwachs liegt nach allen halbwegs seriösen Schätzungen zwischen 200 und 300. Das Islam-Archiv Soest kündigte 2006 eine bis heute nicht offiziell veröffentlichte Studie an, nach der binnen eines Jahres 5000 Deutsche zum Islam konvertierten. Obwohl bereits wenig später öffentlich darauf hingewiesen wurde, dass diese Zahlenangabe jeder seriösen Grundlage entbehre,4  wird sie wieder und wieder kolportiert. In diesem Zusammenhang wird häufig auch auf die vermeintlich großen Erfolge von Wanderpredigern wie Pierre Vogel hingewiesen, die bei Vortragsveranstaltungen auf der Stelle jeweils mehrere Personen für den Islam gewinnen und deren Konversion dann propagandistisch ausschlachten und ins weltweite Netz stellen. Diese auch unter Muslimen umstrittene Form der Werbung für den Islam lässt allerdings völlig offen, inwieweit die „Konversionen“ im Einzelfall authentisch oder gestellt sind. Pierre Vogel selbst will schon „Tausende“ zum Islam geführt haben; die Frage, wo die alle abgeblieben sind, kann er nicht beantworten. Dies mag den Verdacht bestätigen, dass immer dieselben Getreuen bei seinen Vorträgen wieder und wieder öffentlichkeitswirksam zum Islam konvertieren, andere hingegen dem exotischen Reiz des Augenblicks erliegen, sich bald aber innerlich wieder distanzieren. Was sonst soll man davon halten, wenn im vergangenen Sommer im Zuge der Koranverteilungsaktion „Lies!“ in vielen deutschen Städten junge Menschen vor laufender Kamera nach kurzem Überlegen und irgendwo zwischen Hertie und Kaufhof zum Islam konvertieren? Die Motive können vielfältig sein, aber eine ernsthafte und gereifte religiöse Entscheidung dürfte kaum dahinterstecken.

Große Heterogenität, niedriger Organisationsgrad

Nun ist allerdings die Frage, wie viel Islam wir hier verkraften können, wohl weniger eine quantitative als vielmehr eine qualitative.

Die in Deutschland lebenden Muslime stellen eine in sich äußerst heterogene Gruppe dar, angefangen von ihrer Herkunft und ihrer Abstammung über den Grad der Bildung und sozialen Zugehörigkeit bis hin zu ihrer Konfession und der persönlichen religiösen Ausrichtung. Ein sehr kleiner Teil der hier lebenden Muslime bekämpft die freiheitliche Demokratie aggressiv – sei es mit Gewaltbereitschaft oder auch in Form von Hasspredigten und einschlägiger Propaganda – und stellt so eine unmittelbare Bedrohung für die innere Sicherheit dar. Am anderen Ende der Fahnenstange befinden sich die sehr viel zahlreicheren säkularen bis areligiösen Muslime, die der Religion keinerlei Bedeutung beimessen oder sich sogar dezidiert davon distanzieren, aber dennoch formal und statistisch Muslime sind, da man aus dem Islam nicht austreten kann.

Insgesamt zeigen die in Deutschland lebenden Muslime wenig Neigung, sich religiös zu organisieren oder sich irgendwelchen Interessenvertretungen anzuschließen. Nur rund 20 Prozent von ihnen gehören religiösen Verbänden an, darunter die vier großen Islam-Verbände in Deutschland – Zentralrat der Muslime (ZMD), Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG), Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) –, aber auch die Alevitische Gemeinde und kleine Gruppierungen. Diese Zahl scheint bereits relativ hoch gegriffen, bedenkt man, dass der ZMD dem Vernehmen nach über 22 Mitgliedsverbände verfügt, denen insgesamt etwa 12000 Personen angehören, nach eigenen Angaben des ZMD sind es 30000. Auch wenn die angenommenen absoluten Zahlen weit auseinanderklaffen, reden wir von 0,3 Prozent oder auch 0,75 Prozent der Muslime in Deutschland. Rein quantitativ hat also der Führungsanspruch des ZMD als Dialogpartner für Fragen des Islam in Deutschland keine Grundlage. Trotz einer gewissen Bandbreite, die innerhalb des ZMD gegeben sein mag, lässt er in jedem Fall eine klare Abgrenzung zum Islamismus vermissen. So finden sich im Verzeichnis der Mitgliedsorganisationen nicht nur islamistische und von den Sicherheitsbehörden beobachtete Organisationen wie die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD), sondern auch das schiitisch-islamische Zentrum Hamburg als direkte Vertretung der iranischen Geistlichkeit auf deutschem Boden sowie der Bundesverband für Islamische Tätigkeiten, deren Vorsitzender Metwali Mousa als langjähriger Imam an der Abu Bakr Moschee in Köln-Zollstock die Radikalisierung des Konvertiten Barino Barsoum zu verantworten hatte und sich für die Bestrafung derer aussprach, die sich öffentlich vom Islam lossagen.5

Die Rechtstreue des ZMD wird von seinen Repräsentanten betont, ist jedoch kritisch zu hinterfragen. „Muslime, die in einem Rechtsstaat leben, müssen sich an seine Rechtsnormen halten, solange diese nicht im Widerspruch zum Islam stehen“,6  so ist es auf der Homepage des ZMD in seiner Selbstdarstellung zu lesen. Das bedeutet eigentlich unmissverständlich, dass Muslime sich nicht an Gesetze zu halten haben, die sie als unislamisch empfinden, zumindest aber, dass diese Zugeständnisse unter strategischen Aspekten gemacht werden.

Die türkisch geprägten Organisationen wie der Islamrat (dominiert seinerseits von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş), der VIKZ und die DITIB kommen insgesamt auf etwa 330000 Mitglieder, das sind knapp 13 Prozent der türkischstämmigen Muslime in Deutschland. Bei diesem geringen Organisationsgrad verwundert es nicht, dass sich kaum 25 Prozent der Muslime in der ersten Phase der Islam-Konferenz durch die daran teilnehmenden Verbände angemessen vertreten fühlten. Mit Ausnahme des Sonderfalls der Aleviten vertreten die Islam-Verbände durchweg eine sehr konservative bis fundamentalistische Islam-Auslegung.

Integrationshindernisse und Konfliktfelder

Auch unabhängig von der Verbandszughörigkeit ist nicht zu leugnen, dass ein erheblicher Teil der hier lebenden Muslime eine konservative religiöse Orientierung aufweist, die zumindest integrationspolitisch ein Problem darstellt.

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Anmerkungen

1 Überarbeitete Fassung eines Vortrags bei der EZW-Tagung für Weltanschauungsbeauftragte zum Thema „Überzeugte Toleranz stärken“ am 14.5.2013 in Hildesheim.
2 Vgl. www.remid.de. Zum Vergleich: 1945 lebten in Deutschland 6000 Muslime, 1971: 250000, 1976: 1200000, 1995: 2700000.
3 Vgl. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/46269/pdf/Islam_in_Deutschland_Prognose_2030_Seminarbericht.pdf?sequence=1&isAllowed=y.
4 Vgl. www.wdr.de/themen/kultur/religion/islam/alltag/zahlen.html.
5 Vgl. hierzu die WDR-Sendungen „Koran im Kopf“ I und II.
6 http://islam.de/1641.php.

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