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Materialdienst 7/2014
Cui Liming

Leid und Erlösung

Vergleiche zwischen Christentum, Buddhismus und Daoismus

Cui Liming ist daoistischer Mönch und Professor an der Chinesischen Daoismus-Akademie im Kloster der Weißen Wolken (Baiyunguan) in Peking. Er hat sich in jungen Jahren auch mit christlichem und buddhistischem Gedankengut auseinandergesetzt und befasste sich anlässlich einer interreligiösen Weiterbildung Ende 2013 an der Renmin-Universität Peking mit dem Vergleich zu Gemeinsamkeiten im Christentum, Buddhismus und Daoismus. Wir dokumentieren mit dem folgenden Text seinen Versuch einer Zusammenfassung. Die Übersetzerin Eva Lüdi Kong lebt seit über zwanzig Jahren in China und steht mit dem Autor in einem fruchtbaren Austausch bezüglich ihrer Übersetzung des klassischen chinesischen Romans „Die Reise in den Westen“. Sie baut eine Brücke zum Verständnis, indem sie „den Spagat zwischen einer daoistischen Denkweise und einer deutschsprachigen Leserschaft“ übersetzerisch zu bewältigen versucht.


Worum geht es grundsätzlich bei einer Religion? Um Erlösung vom menschlichen Leid. Wie aber kommt dieses Leid in die Welt, und wie ist Erlösung möglich? Im Christentum ist von der Erbsünde die Rede, die durch den Verzehr der Früchte vom Baum der Erkenntnis durch Adam und Eva und das Erlangen des Ich-Bewusstseins entsteht. Im Buddhismus wird das menschliche Leid als Ansammlung all dessen betrachtet, was durch Unwissenheit, Begehren und Abneigung entsteht. Der Daoismus sieht den Ursprung im Übergang von der all-einen vorkosmischen Einheit in den nachkosmischen Zustand der Dualität, wenn das „Dao die zehntausend Dinge erzeugt“.1 Dementsprechend gibt es unterschiedliche Mittel der Erlösung: Der Glaube an Gott, in dem das Ich aufgeht; die Erkenntnis der Unbeständigkeit, aufgrund derer innere Anhaftung abgelegt wird; Verschmelzung nachkosmischer Dualität in die Leere der ursprünglichen Einheit. Trotz unterschiedlicher Darstellungen geht es also im Wesentlichen darum, das Selbst und die Welt zu überwinden – und nicht etwa darum, sie zu negieren. Im Folgenden versuche ich, die genannten drei Religionen bezüglich dieser Fragen vergleichend gegenüberzustellen. Die Erkenntnisse der alten Weisen bringen uns auch für die heutigen Probleme immer noch hilfreiche Anregungen.

Was ist das Wesen einer Religion?

Ich bin gläubiger Daoist, habe in jungen Jahren aber auch buddhistische Sutren, christliche Schriften und Bücher zur Religionsgeschichte gelesen. Anlässlich einer interreligiösen Weiterbildung an der Renmin-Universität in Peking konnte ich dank der wertvollen Anleitung der Lehrkräfte an neuen Überlegungen und Verständnis dazugewinnen und möchte in diesem Aufsatz den Versuch einer Zusammenfassung unternehmen. So sagte es ja Konfuzius: „Etwas lernen und von Zeit zu Zeit auffrischen, das ist doch auch eine Freude.“2

Über Religion gibt es verschiedene Ansichten. Was ist Religion überhaupt? Sind es die Hallen der Kirchen und Tempel? Die feierlichen Zeremonien? Die komplexen religiösen Verhaltensvorschriften? Gebetsformeln und Mantras? Mystische Praktiken? All dies hat zwar mit Religion zu tun, trifft jedoch nicht ihren Kern. Wesentlich an einer Religion sind deren Gedanken zum Wesen des Universums, des Lebens und des menschlichen Leids – und daraus hervorgehend die Suche nach Möglichkeiten der Erlösung und der Rückkehr in eine ewige Wahrheit. Es ist das Mitgefühl für das Leid der Menschheit, das eine Religion ins Leben ruft, und ebendies ist auch der Sinn ihrer Existenz. Allerdings wurden Religionen im Laufe ihrer Entwicklung immer auch von weltlichen und eigennützigen Bestrebungen durchsetzt, sodass ursprünglich klare Ideen an Transparenz verloren, nicht selten sogar die eigentliche Botschaft in Vergessenheit geriet.

Im Folgenden versuche ich, in einer allgemeinen Gegenüberstellung christlicher, buddhistischer und daoistischer Blickwinkel deren Ideen zum Ursprung des Universums, des menschlichen Leids und zur Suche nach Erlösung zu vergleichen – und damit vielleicht der Wahrheit einen kleinen Schritt näherzukommen. [...]

Schlussbemerkungen

Nicht nur die Religionen erkunden das Universum und das Leben, sondern auch Wissenschaften wie Philosophie, Ethik, Psychologie, Biologie, Medizin, Astronomie oder Physik. Zahlreiche Ergebnisse liegen bereits vor und bereichern stetig unser Verständnis. Meine Hypothese ist, dass Wissenschaften und Religionen einst, wenn sie weit genug entwickelt sind, miteinander verschmelzen werden. Die Annahme rührt daher, dass sie derselben Mutter entstammen. Ziel von Religionen und Wissenschaften ist es, unser Universum und unser Leben im Kern verstehen zu lernen, das Leid auf Erden zu überwinden und der Menschheit Glück und Freude zu ermöglichen. Solange dies nicht gelingt, müssen wir uns – sowohl im Bereich der Religionen als auch in dem der Wissenschaften – ernsthaft Gedanken machen, ob wir vielleicht grundsätzlich von der Wahrheit abgekommen sind oder uns nicht ausreichend an der Wahrheit orientiert haben. Technische Errungenschaften machen unsere Erde immer kleiner – für weise Menschen sollte dies nicht Konflikte zur Folge haben, sondern gegenseitige Integration. Religionen legen ihre jeweiligen Schwerpunkte, der Glaube entspringt dem Gefühl, die Erleuchtung der Vernunft, und die Vervollkommnung zeigt sich in der Praxis. Doch im Grunde sind dies nur drei Seiten ein und desselben Ganzen, sie widersprechen sich nicht und sollten auch nicht voneinander abgegrenzt werden. Im konkreten Alltag zeigen sich Religionen mitunter von den Wirren des Denkens überschattet, durch Eigennutz pervertiert, bis hin zur blutigen Auseinandersetzung. Doch Menschen, die nur zu ihrem eigenen Nutzen handeln, deren Denken getrübt und festgefahren ist, werden innerlich nicht zur Ruhe finden, wie geschickt sie sich auch anstellen. Und wenn sie gar übernatürliche Fähigkeiten besitzen – sie bleiben so lange im Kreislauf des Leidens gefangen, bis sie Reue empfinden und zur Wahrheit zurückkehren. Mit Wissenschaft und Kultur verhält es sich nicht anders. Wenn Denken und Handeln auf Abwege geraten, erfahren wir die Folgen in Form von Leid. Im christlichen Sinne würde man von einer Strafe Gottes sprechen; im daoistischem Verständnis bestraft uns niemand anderes als wir selbst.

Anmerkungen

1 Die daoistischen Grundbegriffe „vorkosmisch“ (xiāntiān) und „nachkosmisch“ (hòutiān) stehen auch für den Zustand vor und nach unserem Eintritt in die Welt und finden ein annäherndes Äquivalent in der christlichen Idee von „Ewigkeit“ und „Zeitlichkeit“ [Anm. d. Übers.].
2 Zitat aus Konfuzius, Gespräche, Kapitel I [Anm. d. Übers.].

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