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Materialdienst 7/2014
Michael Utsch

Spirituelles Coaching?

Möglichkeiten und Grenzen einer populären Beratungsform

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Coaching zwischen Professionalisierung und Wildwuchs

Auf dem gesamten Feld von Beratung und Psychotherapie ist seit einigen Jahren eine Öffnung für spirituelle Themen und Fragen festzustellen.22 Neu an diesem „spiritual turn“ ist jedoch vor allem die ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung damit. Die Neigung zu einer unkritischen Übernahme esoterischer oder anderer weltanschaulicher Glaubenssätze von selbsternannten Coachs ist zwar nach wie vor hoch – das war aber vor zwanzig Jahren auch schon der Fall. Bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, dass trotz der enormen Professionalisierung, den der Coaching-Markt in den letzten zwei Jahrzehnten erlebte, das Interesse an spirituellem Coaching nicht abreißt und auch wissenschaftlich diskutiert wird.23 Der Markt ist also von einer hohen Ausdifferenzierung geprägt. Auf der einen Seite steht die akademische Professionalisierung, die sich etwa in mittlerweile fünf akkreditierten Master-Studiengängen „Coaching“ niedergeschlagen hat.24 Hier wird über die „Einbettung von Spiritualität in der Profession des Coaching und der Beratung“ diskutiert.25 Andererseits gibt es zahllose Angebote wie das von David und Jasmin, die selbst einen spirituellen Weg gehen und spirituelles Coaching mithilfe von „Energiearbeit“ und des „Spiegelgesetzes“ anbieten.26

Es gilt also zu unterscheiden, ob ein Business-Coach mit akademischem Abschluss die Fähigkeiten zur strategischen Organisationsentwicklung unter Einbeziehung spiritueller Werte und Ressourcen verbessern hilft oder ob sich ein selbsternannter Coach um die Begleitung und Unterstützung bei der individuellen Sinnsuche kümmert. Die unübersichtliche und zum Teil widersprüchliche Methoden- und Zielvielfalt, die sich hinter dem Zauberwort Coaching verbirgt, gilt es aufzuschlüsseln; es muss präzise differenziert werden, sonst sind Missverständnisse unvermeidlich.

Coaching wird von vielen als ein Kommunikations-Zaubermittel angesehen. Ursprünglich und im engeren Sinn werden darunter gezielte Trainingsmaßnahmen der Personalentwicklung gefasst. Populärer ist jedoch der weitere Wortsinn des Coachings als Lebensberatung für alle Fälle.

Zur Konfliktträchtigkeit von spirituellem Coaching

Dass das Scharlatanerie-Problem auf dem Feld des Business-Coachings in den letzten zehn Jahren zurückgegangen ist, wie renommierte Anbieter behaupten, mag für etablierte Firmen zutreffen.27 Die Professionalisierung der etwa 300 Coaching-Ausbildungsinstitute in Deutschland ist fortgeschritten, und überprüfbare Qualitätsstandards wurden festgelegt. Intensiv hat man sich im Business-Coaching mit den Guru-Fallen und mit schwarzen Schafen in den eigenen Reihen beschäftigt. Schon 2005 hatte eine von der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) in Auftrag gegebene Studie ein „Scharlatanerie-Problem“ diagnostiziert und auf die Qualitätsprobleme dieser Branche hingewiesen sowie Professionalisierungsempfehlungen gegeben.28 Im Jahr 2010 hat der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) nach einem fünfjährigen Beratungsprozess ein eigenes Coaching-Zertifikat verabschiedet. 2011 hat der Fachverband für Supervision praktische Hinweise zur Unterscheidung von Supervision und Coaching vorgelegt.29 Gänzliche Entwarnung kann aber nicht gegeben werden, weil nach wie vor über zwanzig Coaching-Verbände in Deutschland um die Marktherrschaft konkurrieren und eigene Zertifikate verleihen. Ein übergreifender Berufsverband mit verlässlichen Kriterien und verbindlichen Ethik-Richtlinien fehlt bis heute.

Der schon zitierte Organisationspsychologe Kanning vergleicht den Entwicklungsstand auf dem Coaching-Markt mit der Psychoszene der 1980er Jahre.30 Der Wildwuchs an Therapieschulen und selbsternannten Therapeuten sei dort inzwischen durch gezielte Forschungen und gesetzliche Regelungen eingedämmt worden. Um auch im Coaching zukünftig die Spreu vom Weizen zu trennen, empfiehlt er ein analoges Vorgehen. Und tatsächlich geht die aktuelle Entwicklung auch in diesem Feld in Richtung Professionalisierung, einer Zunahme wissenschaftlicher Forschung und Akademisierung.

Das zweite große Problem ist der weite, unscharfe Coaching-Begriff mit dem Ziel umfassender Lebensberatung – heute ist „Life-Coaching“ sehr gefragt. Wenn das eigene Leben als Projekt und Unternehmung aufgefasst wird, das ständig neu erfunden werden will – ist hierbei nicht Unterstützung hilfreich? Und weil es im Leben nicht nur um Geldmaximierung, sondern um Sinn und Werte geht, erfüllen spirituelle Coaching-Angebote spezifische Bedürfnisse, die anderswo übersehen werden. Gerade bei Life-Coaching-Angeboten besteht die Gefahr, dass sie nicht behutsam und zurückhaltend mit der spirituellen Dimension umgehen, weil die Beratungsziele eines Life-Coachings meist vager und offener sind als die Veränderungsprozesse bei der Personalentwicklung.

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Anmerkungen

22 Vgl. Michael Utsch, Postmaterialistische Wissenschaft?, in: MD 2/2014, 54-58.
23 Vgl. Markus Hänsel (Hg.), Die spirituelle Dimension in Coaching und Beratung, Göttingen 2012.
24 Vgl. Heidrun und Frank Strikker, Akademisierung im Business-Coaching, in: Coaching-Magazin 2/2013, 36-41.
25 Markus Hänsel, Die spirituelle Dimension als sinnstiftender Möglichkeitsraum im Coaching, in: ders. (Hg.), Die spirituelle Dimension in Coaching und Beratung, Göttingen 2012, 27-62, hier 35.
26 www.den-weg-gehen.de.
27 Vgl. „Zauberwort Coaching“, SWR2-Sendung am 25.4.2014, Manuskript unter www.swr.de.
28 Vgl. www.dgsv.de/2005/11/sudie-das-scharlatanerieproblem-coaching-zwischen-qualitaetsproblemen-und-professionalisierungsbemuehung.
29 Vgl. www.dgsv.de/wp-content/uploads/2011/06/sv_u_coaching.pdf.30 Vgl. Uwe Peter Kanning, Coachings zwischen Profession und Konfession, in: Coaching-Magazin 2/2013, 47.

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