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Materialdienst 10/2004
Robert Jütte

Von den medizinischen Sekten des 19. Jahrhunderts zu den unkonventionellen Richtungen von heute

Anmerkungen eines Medizinhistorikers

1

Medizinische Sekten sind mittlerweile sogar Gegenstand eines der beliebten Rollenspiele, die man auch per E-Mail spielen kann. In einer Episode eines solchen Rollenspiels, das von der bekannten amerikanischen Science-Fiction-Serie Startrek inspiriert wurde und das von den zahlreichen Abenteuern der Besatzung des Raumschiffes USS Mirage handelt, geht es um eine seltsame Entdeckung auf dem offenen Meer: "Basani erblickte noch kurz draussen auf dem Meer eine schwarze Flagge mit menschlicher Schaedelkapsel drauf. Sie wehte am Hauptmast eines zweiten Schiffes. 'Muss eine medizinische Sekte sein...' dachte das MHB bei sich und sprang dann von Bord. Dabei riss es Pulchoff mit in die ozeanischen Fluten. [GM: Eine Splittergruppe der gefürchteten einäugigen Urologen!]."2

Ansonsten ist es heute eher verpönt, von "medizinischen Sekten" zu sprechen, zumindest unter Wissenschaftlern, mit einer Ausnahme: anglo-amerikanische Medizinhistoriker. Sie verwenden ganz unbefangen den Terminus "medical sects" und verstehen darunter vor allem die Außenseitermedizin des 19. Jahrhunderts. Dazu gehören beispielsweise die Homöopathen, die Chiropraktiker, aber auch die in Deutschland nicht bekannte amerikanische medizinkritische Bewegung der Thompsonians, die eine eigene Kräuterheilkunde propagierte und sich ansonsten eher eklektisch gab.

Begriffe schlagen also breite Schneisen ins Dickicht der Wirklichkeit. Sie schaffen Ordnung und Übersicht - oft freilich um den Preis der Verkürzung eines komplexen Sachverhalts. Das gilt nicht zuletzt und ganz besonders für die Medizin und das Gesundheitswesen. Hinter der sinnstiftenden Kraft des Begriffs verbirgt sich nämlich allzu oft eine bestimmte Ideologie, zumindest aber ein spezieller "Denkstil" (Ludwik Fleck). Eine Begriffsgeschichte hat daher auch die Aufgabe, die zahlreichen standes- und gesundheitspolitischen Konflikte der Vergangenheit und Gegenwart im Kontext ihrer damaligen wie heutigen begrifflichen Abgrenzung und im Selbstverständnis des jeweiligen Sprachgebrauchs der beteiligten Gruppen zu analysieren. So ist die Klärung einschlägiger Begriffe wie "Medizinische Sekten", "Schulmedizin", "Allopathie", "Alternative Medizin", "Quacksalberei" oder "Kurpfuscherei" unabdingbar, wenn man die Konflikte zwischen stark voneinander abweichenden medizinischen Richtungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart deuten und verstehen will. Ich werde im Folgenden aus begriffsgeschichtlicher Sicht sechs Zeitphasen unterscheiden.

I.

In einem langwierigen und lange Zeit unentschiedenen Konflikt zwischen Vertretern der sogenannten "zünftigen" Medizin (zu der neben den studierten Ärzten auch die handwerklich ausgebildeten Wundärzte, Apotheker und Hebammen gehörten) und einer Vielzahl von Heilkundigen unterschiedlichster Herkunft und Ausrichtung bildete sich seit dem Mittelalter eine differenzierte Heilerhierarchie heraus. An der Spitze dieser Hierarchie standen die gelehrten Mediziner und am unteren Ende die "geschworenen" Hebammen. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist die obrigkeitliche Genehmigung zur Berufsausübung.

Es wäre allerdings verkehrt, den heute weitgehend "professionalisierten" Gesundheitssektor mit dem gleichwohl obrigkeitlich kontrollierten, in vielen Belangen aber eher "halbprofessionellen" Gesundheitssystem der vorindustriellen Epoche auf eine Stufe zu stellen. Die Professionalisierung der Ärzteschaft, ihre Etablierung als Berufsstand mit gesellschaftlich anerkannter und staatlich legitimierter Sachkompetenz in Krankheits- und Gesundheitsfragen sowie einer weitgehenden Selbstregulierung berufsständischer Belange erfolgte in Deutschland erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis dahin bestand die historisch gewachsene Komplexität der alten Verhältnisse fort, und es bedurfte mehrerer Medizinalreformen, um exakte Grenzlinien zwischen den verschiedenen medizinischen Kompetenzbereichen nicht nur zu ziehen, sondern auch deren weitgehende Einhaltung zu garantieren.

Von einer "alternativen" Medizin im heutigen Sinne des Wortes kann also damals keine Rede sein, da es noch keine "Schulmedizin" oder - wie es heute im Sozialgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland heißt - einen "allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse" (§ 2, Abs. 1) gab. Ganz im Gegenteil: Das Lager der gelehrten Ärzte war heillos zerstritten. So hielt man in der Krankheitslehre weitgehend an der seit der Antike wirkmächtigen Lehre von den vier Körpersäften fest, zwängte aber Erscheinungen, die man am gesunden oder kranken Menschen beobachtete, in verschiedene Systeme, die wie Moden auftraten und wieder in der Versenkung verschwanden. Noch um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert waren die medizinischen Lehrbücher so buntscheckig wie die Landkarte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das erst 1803 durch Napoleon den politischen Todesstoß erhielt. Entsprechend vielfältig war das Therapieangebot der gelehrten Ärzte. Neben dem therapeutischen Dreigestirn (Aderlass, Brech- und Abführmittel), das die sogenannte "heroische Medizin" dieser Zeit kennzeichnete, gab es, wie ein Blick in ein Standardwerk der Medizin um 1800 zeigt, noch "specifische", "resolvirende", "antimiasmatische", "excitirende" und andere Methoden, mit denen man die verschiedensten Krankheiten zu kurieren versuchte.3

Man sprach deshalb damals auch ganz unbefangen von "medizinischen Sekten" und griff hierbei eine Bezeichnung auf, die bereits der griechisch-römische Arzt Galen benutzt hatte, um unterschiedliche "Schulen" in der antiken Medizin, wie z. B. die Empiriker und die Dogmatiker, unter einem Oberbegriff zusammenzufassen. Erst mit Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie (dazu noch ausführlicher später) bekommt der Begriff "medizinische Sekten" einen negativen Beigeschmack; denn dieser Reformator der Heilkunde verwendet ihn für Richtungen in der Medizin, "wovon eine immer schwärmerischer als die andre war"4. Er grenzt sich von diesen "Sekten" ab, weil sie im Gegensatz zu ihm, in ihrer Praxis deduktiv von einer spekulativen "inneren Ursache" der Krankheit ausgehen beziehungsweise ihre Therapie herleiten.

Die mit obrigkeitlicher Erlaubnis ausgestatteten Heiler des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die sich oft untereinander heftig befehdeten, waren sich immerhin in einem Punkt einig, nämlich dass man den sogenannten "Quacksalbern" das Handwerk legen müsse. Der damals oft synonym für "Quacksalber" verwendete Begriff "Pfuscher" unterscheidet sich allerdings von der Bezeichnung "Kurpfuscher", die erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Kampfbegriff wurde.5 "Pfuscher" bezeichnet weniger den schlechten, inkompetenten Arzt als den medizinisch kaum oder gar nicht vorgebildeten Heiler, der ohne offiziell als Arzt, Wundarzt, Apotheker etc. zugelassen zu sein, eine Heiltätigkeit ausübt. Mit "Kurpfuscher" sind dagegen in erster Linie die nicht-approbierten Heiler, deren therapeutische Kompetenz und medizinische Qualifikation gleichermaßen in Frage gestellt wird, gemeint. Der Begriff "Kurpfuscher" enthält also neben einem eindeutigen Qualifikationsurteil meist auch noch eine negative Aussage über die Qualität der von diesen Heilern angebotenen medizinischen Dienstleistungen. Doch bevor in dem harten Konkurrenzkampf auf dem medizinischen Markt gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit diesem abqualifizierenden Begriff operiert wurde, fand zunächst ein nicht weniger erbittertes Wortgefecht auf einem anderen standespolitischen "Kriegsschauplatz" statt.

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Anmerkungen

1 Vortrag, gehalten am 25. Mai 2004 in Schwerin auf der Tagung "Götter, Geister, Heilerhände - wer macht gesund?", die von der Sekteninformationsstelle des Landes Mecklenburg-Vorpommern veranstaltet wurde.
2 Vgl.
http://www.ussmirage.de/Miss_M02/kap17.htm.
3 Christoph Wilhelm Hufeland, System der practischen Heilkunde, 2 Bde., Jena 1800/1802, hier: Bd. 1, 301ff.
4 Samuel Hahnemann, Gesammelte kleine Schriften (im folgenden: GKS), hg. von Josef M. Schmidt und Daniel Kaiser, Heidelberg 2001, 328.
5 Vgl. dazu Barbara Elkeles, Medicus und Medikaster. Zum Konflikt zwischen akademischer und "empirischer" Medizin im 17. und frühen 18. Jahrhundert, in: Medizinhistorisches Journal 22 (1987), 197-211; Reinhard Spree, Kurpfuscherei - Bekämpfung und ihre sozialen Funktionen während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Medizinische Deutungsmacht im sozialen Wandel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, hg. von A. Labisch und R. Spree, Bonn 1989, 103-121.

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