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Materialdienst 10/2004
Anthroposophie

85 Jahre Waldorfschule

(Letzter Bericht: 4/2004, 149; 8/2004, 315f) Vom 25. September bis 2. Oktober 2004 geht der Bund der Freien Waldorfschule anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten mit einer bundesweiten Aktionswoche unter der Schirmherrschaft des Altbundespräsidenten Johannes Rau an die Öffentlichkeit. Ziel ist dabei nach eigenen Angaben "die Qualitäten der Waldorfpädagogik gerade in der aktuellen gesellschafts- und bildungspolitischen Debatte [zu] kommunizieren". Geplant sind lokale Projekte der einzelnen Einrichtungen sowie regionale Schwerpunktveranstaltungen in verschiedenen deutschen Städten, u.a. in Berlin, Hamburg und München. Den Abschluss der Aktionswoche zum 85-jährigen Bestehen bildet am 2. Oktober 2004 eine ganztägige Veranstaltung in Stuttgart.
 
Dort war 1919 die erste Waldorfschule gegründet worden. Es war der Industrielle Emil Molt (1876-1936), Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, der auf die gesellschaftsreformerischen Vorschläge Rudolf Steiners aufmerksam geworden war. Bereits 1918 wollte er eine eigene Werksschule gründen. Ein Jahr später war es soweit. Am 7. September 1919 wurde die "Freie Waldorfschule" im damaligen Stuttgarter Stadtgartensaal feierlich eröffnet. Zuvor hatte Rudolf Steiner das junge anthroposophische Lehrerkollegium, dessen Durchschnittsalter 32 Jahre betrug, 14 Tage hindurch "impulsiert und geschult". Über die feierliche Eröffnungsveranstaltung wird in einer neueren Biographie über Rudolf Steiner berichtet: "Etwa tausend Menschen waren gekommen, in erster Linie die etwas 250 Kinder und ihre Eltern und Verwandten, Angehörige der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, Menschen, die im Zusammenhang der Dreigliederungsbewegung tätig waren, sowie eine größere Zahl Anthroposophen. Die Feier begann und schloß mit Musik von Bach: Zur Eröffnung spielte Paul Baumann das Präludium C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier, zum Schluß erklang ein Air für Violine. Nach der Begrüßung durch Emil Molt hielt Rudolf Steiner die Festansprache, in der er auch sagte, was die Schulgründung für ihn selbst bedeutete: 'Für mich, meine sehr verehrten Anwesenden, war es eine heilige Pflicht, dasjenige, was in den Absichten unseres Freundes, des Herrn Molt, bezüglich der Gründung der Waldorfschule lag, so aufzunehmen, daß diese Schule herausgestaltet werden könne aus dem, was man glauben darf, in der Gegenwart durch die Geisteswissenschaft gewonnen zu haben.'" (Christoph Lindenberg, Rudolf Steiner. Eine Biographie, Band II: 1915-1925, Stuttgart 1997, 673).

In diesem Jahr wird das runde Jubiläum dazu genutzt, um das Anliegen, die Konzepte und die Praxis der Waldorfpädagogik in der Öffentlichkeit noch besser bekannt zu machen. Der Veranstalter kann dabei auf ebenso prominente wie zugkräftige Unterstützung hoffen. Bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Kultur haben ihr Kommen zur Abschlussveranstaltung am 2. Oktober 2004 in Stuttgart zugesagt, darunter auch Bundesinnenminister Otto Schily.
 
Verantwortlich für die Durchführung der Jubiläums-Aktionswoche ist der Bund Freier Waldorfschulen e.V. mit Sitz in Stuttgart. Ihm gehören 187 Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen sowie acht Seminare bzw. Hochschulen für Waldorfpädagogik an. Derzeit hat er rund 2700 persönliche Mitglieder. Er verfolgt unter anderem folgende Ziele: "Eintreten für ein freies und selbstverwaltetes Schulwesen (freies Geistesleben)" sowie die "Förderung und Entwicklung der Pädagogik Rudolf Steiners (Waldorfpädagogik)". Die Arbeit des Bundes der Freien Waldorfschulen umfasst die Unterstützung und Beratung der einzelnen Waldorfschulen, deren jeweilige Autonomie er - so die Selbstdarstellung - respektiert, dabei "aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahrnimmt". Darüber hinaus finanziert dieser Bund die Lehrerbildung und gibt die Zeitschrift "Erziehungskunst" heraus. Nach eigenen Angaben gibt es derzeit weltweit rund 900 Waldorfschulen und knapp 2000 Kindergärten und Fördereinrichtungen.

Die Jubiläumsfeierlichkeiten in diesem Jahr hat der Bund der Freien Waldorfschulen zum Anlass genommen, mithilfe einer Agentur ein neues Erscheinungsbild zu entwickeln. Die bisher typischen "Waldorf-Schriften", die auch der Körperpflegemittel-Hersteller Weleda verwendet, sollen neuerdings der Typographie "Optima Roman" weichen. Die ursprüngliche Waldorf-Schrifttype vermied rechte Winkel. Neuerdings betrachtet man dies, wie es in einer Pressemitteilung heißt, "als reinen Formalismus, der die Kommunikationsfähigkeit der Schrift erschwert". Doch es geht nicht nur um ein neues Waldorf-Design. "Viel offensiver als bisher" möchte man nun auch in die gegenwärtige Bildungsdiskussion eingreifen. So erwägt der Bund der Freien Waldorfschulen nach Presseberichten eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, um eine europaweite Gleichstellung des Waldorfabschlusses mit dem Abitur zu erreichen. Nach der bisher geltenden Regelung bereiten sich deutsche Waldorfschüler, die die staatlich anerkannte Hochschulreife erlangen wollen, nach zwölf Schuljahren ein Jahr lang auf das Abitur vor, das von externen Prüfern abgenommen wird. Wie es heißt, verzeichneten die 187 deutschen Waldorfschulen für das neue Schuljahr einen "Nachfrageboom" wie nie zuvor. So soll die Anzahl der Anmeldungen für die Privatschule um ein Drittel, mancherorts sogar um die Hälfte gestiegen sein.

Matthias Pöhlmann

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