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Materialdienst 6/2014
Ulrich H. J. Körtner

Begegnung und Auseinandersetzung

Zur Aufgabe der EZW im weltanschaulichen Pluralismus

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1. Weltanschaulicher Pluralismus

Zur Signatur unserer modernen Gesellschaft gehört der weltanschauliche und religiöse Pluralismus. Die Vielfalt der Lebensstile und kulturellen Einflüsse, der religiösen, weltanschaulichen und ethischen Überzeugungen macht das Leben nicht nur bunt, sondern auch kompliziert. Einerseits kann jeder nach seiner Façon selig oder glücklich werden, andererseits ist ein Zusammenleben nicht möglich, wenn es nicht ein Mindestmaß an gemeinsamen Grundüberzeugungen gibt. Soll die pluralistische Gesellschaft nicht in eine Vielzahl von unverbunden nebeneinander bestehenden Subkulturen und Parallelwelten zerfallen, müssen Bindekräfte gestärkt werden, die den Zusammenhalt trotz bestehender Unterschiede und konfliktträchtiger Gegensätze fördern.

Das Besondere am modernen Pluralismus ist zum einen, dass die weltanschauliche, religiöse und kulturelle „Vielspältigkeit“ kein übergeordnetes Einheitsprinzip kennt. Zum anderen konkurrieren die unterschiedlichen Lebensformen und Weltdeutungen beständig miteinander. Der Pluralismus ist in der Moderne radikal oder prinzipiell geworden. Er ist nicht nur ein beschreibbarer Zustand, sondern gilt auch als gesellschaftliches Ideal, das freilich nicht ohne Probleme ist.

Solange sich Menschen aus dem Weg gehen können, muss der Pluralismus nicht zu Konflikten führen. Anders steht es jedoch, wenn Menschen miteinander leben, arbeiten und auskommen müssen. Ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Politik – es ist unter pluralistischen Vorzeichen weitaus schwieriger als in einigermaßen gleichförmigen Gesellschaften, sich auf Regeln des Zusammenlebens und gemeinsame Grundwerte zu verständigen. Begegnung und Verständigung sind nicht möglich, wenn nicht auch – respektvoll, aber eben doch – in strittigen Fragen die inhaltliche Auseinandersetzung geführt wird.

Wo es keine gemeinsame religiöse oder weltanschauliche Basis gibt, bieten sich möglicherweise Moral und Ethik als gesellschaftliches Bindeglied an. Die Idee eines kultur- und religionsübergreifenden Weltethos ist jedoch trügerisch. Sobald es darum geht, wie vermeintlich universale Regeln – wie das Tötungsverbot oder die Forderung, Gutes zu tun – im Einzelnen auszulegen sind, stößt man auf einen Pluralismus an ethischen Orientierungen und Begründungen. Auch der Appell an moralische Grundwerte und die Beschwörung einer Wertegemeinschaft verfangen nicht. Wie schon der Soziologe Max Weber schrieb, dient die Berufung auf Ethik und Werte häufig als Mittel des Rechthabens.2

Werte verbinden nicht, sondern trennen, wenn man sich unter Berufung auf Werte von anderen abgrenzt und diese ausgrenzt. Eine pluralistische Gesellschaft kann freilich nicht bestehen, wenn es nicht zumindest einen Konsens über Regeln des Dialogs und der Konfliktregelung gibt. Sie braucht eine rechtsstaatliche und demokratische Ordnung, die von ihren Mitgliedern nicht nur akzeptiert, sondern auch aktiv gefördert wird. Das schließt die Achtung vor der Menschenwürde und den Menschenrechten ein.

Nach einer viel zitierten Formulierung des Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde lebt der „freiheitliche, säkularisierte“ – und das heißt eben pluralistisch verfasste – Staat „von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“.3 Böckenförde unterstellt freilich noch eine Übereinstimmung in Fragen der Werte und der Moral, die stillschweigend aus der mehrheitlichen Zugehörigkeit der Bürgerinnen und Bürger zum Christentum abgeleitet wird. Diese Annahme trifft so jedoch nicht mehr auf die multikulturelle und multireligiöse Situation der heutigen Gesellschaft zu, wie z. B. die Diskussionen über eine deutsche Leitkultur zeigen oder darüber, ob der Islam inzwischen zu Deutschland gehört oder nicht. Auch lautet die Frage nicht nur, wie viel Religion der säkulare Staat braucht, sondern auch, wie viel Religion der moderne demokratische und weltanschaulich plurale Rechtsstaat verträgt.4  Hierüber ist nicht nur mit den verschiedenen Religionen, sondern auch mit einem sich neu artikulierenden und formierenden Atheismus die Auseinandersetzung zu führen. Mit der Übersiedlung der EZW von Stuttgart nach Berlin, die 1995 erfolgte, sind die Themen des Säkularismus und der fortschreitenden Entkirchlichung, der Konfessionslosigkeit und des Atheismus neu ins Blickfeld ihrer Arbeit gerückt.5

2. Öffentliche Theologie

Aus all dem Gesagten ergibt sich, dass der Dialog der Religionen und Weltanschauungen für eine pluralistische Gesellschaft kein Luxus, sondern lebensnotwendig ist. Der Dialog der Religionen und Weltanschauungen bedarf freilich auch einer wissenschaftlichen Begleitung. Nicht nur die Religionswissenschaft, sondern auch die Theologie ist gefordert, ihren Beitrag zur Deeskalation politischer Konflikte und zur Überwindung von Vorurteilen zu leisten, durch die das friedliche Zusammenleben in der multikulturellen und multireligiösen globalisierten Welt von heute gefährdet ist. Neben soliden Informationen über die verschiedenen Religionen ist aber auch der kritische Umgang mit dem Phänomen der Religion und ihren Ambivalenzen vonnöten. Theologisch gesprochen gehört dies zur biblisch geforderten Unterscheidung der Geister. Sie verlangt nicht nur nach religionswissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher, sondern auch nach theologischer Kompetenz. Die theologische Auseinandersetzung mit den Zweideutigkeiten der Religion setzt freilich ihrerseits solide religionswissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Kenntnisse voraus. Daher sind vermehrte interdisziplinäre Anstrengungen nötig.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungen ist solch eine Institution, die interdisziplinäre und theologische Kompetenzen bereitstellt, wie sie die pluralistische Gesellschaft für den sachlichen, d. h. aber durchaus auch kritischen Umgang mit der Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen benötigt. Ihre Aufklärungs- und Beratungsarbeit kommt nicht nur der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihren Gliedkirchen zugute, sondern der Gesellschaft insgesamt. Wer Informationen und Rat sucht, ist hier an der richtigen Adresse. Die EZW beteiligt sich aber auch selbst am weltanschaulichen und interreligiösen Dialog. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl. Ihre Arbeit ist ein Beispiel für „öffentliche Theologie“.

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Anmerkungen

1 Vortrag auf dem Neujahrsempfang der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) am 13.2.2014 in Berlin.

2 Vgl. Max Weber, Politik als Beruf, Studienausgabe, Tübingen 1994, 77.
3 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte (stw 914), Frankfurt a. M. 1991, 92-114, hier 112.
4 Vgl. Rolf Schieder, Wieviel Religion verträgt Deutschland?, Frankfurt a. M. 2001.
5 Vgl. Reinhard Hempelmann, 50 Jahre Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, in: Religionsdifferenzen und Religionsdialoge, EZW-Texte 210, Berlin 2010, 9-11, hier 11.  

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