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Materialdienst 12/2004
Reinhard Hempelmann

Zur Deutung apokalyptischer Bilder der Gewalt in Endzeitbewegungen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Wolfgang Ratzmann (Hg.), Religion - Christentum - Gewalt. Einblicke und Perspektiven, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2004, 145-161. Sein Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Evangelischen Verlagsanstalt.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts konstatierte Ernst Troeltsch im Blick auf die zeitgenössische Kirche und Theologie: "Das eschatologische Büro ist meist geschlossen".1 In einem auf Modernitätsverträglichkeit ausgerichteten Verständnis des Christentums spielten millennaristische Erwartungen nur eine untergeordnete Rolle.2 Allerdings bezog sich diese Beobachtung nicht generell auf alle Ausdrucksformen christlicher Frömmigkeit. Mit einer gewissen Gleichzeitigkeit zu ent-eschatologisierenden Tendenzen in Kirche und Theologie im 19. und 20. Jahrhundert kam es auch zu intensivem Naherwartungsglauben und neuen eschatologischen Aufbrüchen, in denen der apokalyptischen Bilderwelt, insbesondere der Wahrnehmung eskalierender Gewalt, höchste Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde.3 Weniger die Schilderung einer neuen Welt stand dabei im Vordergrund, sondern der Untergang der bestehenden in kosmischen Katastrophen. Die intensive Rezeption apokalyptischer Texte der Bibel fand einerseits in erwecklichen Strömungen des Protestantismus statt, aus der evangelikale und pentekostal-charismatische Frömmigkeitsformen erwuchsen, andererseits in zahlreichen christlichen Sondergemeinschaften, die sich in einem dezidierten Gegenüber zu den bestehenden christlichen Kirchen verstanden, wie der Adventbewegung, aus der die Siebenten-Tags-Adventisten hervorgingen, oder den Ernsten Bibelforschern, aus der sich die Organisation Jehovas Zeugen entwickelte. Insofern war und blieb das eschatologische Büro keineswegs generell geschlossen. Im Gegenteil, in einzelnen christlichen Subkulturen machte es Überstunden. Besonderes Interesse fand dabei die "Deutung von Ereignissen im Blick auf das Weltende",4 wozu die Erwartung des tausendjährigen Friedensreiches (Chiliasmus) ebenso gehörte wie die von "Untergang, Unheil und Grauen".5

Zukunftserwartungen haben in Endzeitbewegungen ihre Entsprechungen in bestimmten Annahmen zur Entstehung der Welt und des Menschen, in kreationistischen Ideen6 also, die von vorneuzeitlichen Sichtweisen, z. B. einer ca. 6000-jährigen Welt- und Menschheitsgeschichte, ausgehen und eine spezifische Periodisierung vornehmen. Umfasst nämlich der Zeitraum von "Adam" bis Christus einen Zeitraum von 4000 Jahren, dann befindet sich die Weltgeschichte in der Übergangszeit vom 6. zum 7. Jahrtausend. Wenn zugleich angenommen wird, dass in Gottes Zeitrechnung ein Tag so lang ist wie 1000 Jahre (vgl. 2. Petr 3,8)7, liegt es nahe anzunehmen, dass der siebte Tag unmittelbar bevorstehen könnte. Insofern sind spezifische Annahmen zur Urzeit und Endzeit eng miteinander verknüpft. Dabei ist im kreationistischen Gedankengut der Widerspruch zur darwinschen Abstammungslehre zusammengefasst, in millennaristischen Perspektiven bzw. im Glauben an das Tausendjährige Reich  artikuliert sich der Protest gegen den Fortschrittsglauben der Moderne.

Geschichtlicher Rückblick vermag viele Beispiele dafür anzuführen, dass Übergangs- und Krisenzeiten durch hoch gespannte euphorische oder düstere Zukunftserwartungen bestimmt waren. In bestimmten religiös-weltanschaulichen Milieus leben endzeitliche Zukunftsbilder wieder auf. Apokalyptische Weltangst hat heute viele Gesichter und findet gleichermaßen in säkularen und religiösen Unheilspropheten ihre Sprecher.8 Sie hat es leicht sich auszubreiten, weil sie Nahrung empfängt von den inflationären Erfahrungen des Bösen. Sie kann vielfältig an Stimmungslagen und Zeitströmungen anknüpfen. Das allgemeine Krisenbewusstsein der westlichen Welt, die grundlegenden Veränderungen der politischen Landschaft mit dem Einschnittsdatum 1989, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien, die Terrorangriffe vom 11. September, die Kriege in Afghanistan und im Irak haben Chancen und Abgründe geschichtlicher Entwicklungen aufgezeigt. Die Erfahrung des Bedrohtseins allen Lebens ist neu ins Bewusstsein gelangt. Die Bilderwelt der Apokalyptik ist durch reale Entwicklungen gleichsam eingeholt worden und uns in mancher Hinsicht näher gerückt, als dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Obgleich destruktive Potentiale immer schon die menschliche Geschichte begleitet haben, gibt es heute Fernsehkameras, die für universale Gleichzeitigkeit sorgen und die Bilder von Krieg, Zerstörung, Gewalt und Tod in jedes Wohnzimmer gelangen lassen. Live-Reportagen über Kriegsereignisse informieren Menschen rund um den Globus.

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Anmerkungen

1 Erwähnt wird dies von Helmut Thielicke. Vgl. Thielicke, Helmut: Der evangelische Glaube. Grundzüge der Dogmatik, III. Band, Tübingen 1978, 506.
2 Zu Begriff, Verständnis und Ausdrucksgestalten des Millennarismus vgl. Hunt, Stephen (Hg.): Christian Millenarianism. From the early Church to Waco, London 2001.
3 Das Verhältnis von Eschatologie und Apokalyptik ist Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten. In der Apokalyptik treten Bilder und Visionen - oft breit ausgeführt - an die Stelle prophetischer Worte. Während in der Prophetie das Schema "Verheißung und Erfüllung" vorherrschend ist, wird die Apokalyptik vom Thema "alte und neue Schöpfung" bestimmt. In den folgenden Ausführungen werden Apokalyptik und Eschatologie bedeutungsverwandt gebraucht.
4 Vgl. Ebach, Jürgen: Apokalypse und Apokalyptik, in: Schmidinger, Heinrich: Zeichen der Zeit. Erkennen und Handeln, Innsbruck 1998, 214. Ebach bezieht sich dabei auf die Definition von Apokalypse im Großen Duden-Wörterbuch der deutschen Sprache.
5 Ebd.
6 Vgl. Hemminger, Hansjörg: Kreationismus - Rückschau zum Anfang der Welt, in: Hempelmann, Reinhard u.a. (Hg.): Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 2001, 431-438.
7 Dort heißt es bekanntlich, "dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag."
8 Vgl. Ebertz, Michael N./Zwick, Reinhold: Jüngste Tage. Die Gegenwart der Apokalyptik, Freiburg i. Br. 1999.

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