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Materialdienst 5/2014
Hans-Dieter Mutschler

Halbierte Wirklichkeit

Die Grenzen monistischer Welterklärungen

Karl Rahners „gnoseologische Konkupiszenz“

Wissenschaft und Philosophie geben sich objektiv, und es ist auch notwendig, dass sie diese Zielvorstellung haben, ansonsten könnte jeder machen, was er will. Das heißt aber nicht, dass die Vernunft frei von Ideologien ist. Tatsächlich sind Intellektuelle so verführbar wie andere Menschen auch, nur wir rechnen nicht damit. Seit der Aufklärung gilt für den Intellekt die Unschuldsvermutung. Während Luther von der „Hure Vernunft“ sprach, die sich dem hingibt, der am besten bezahlt, war Kant der Auffassung, dass wir uns nur zur Vernunft entschließen müssen („sapere aude“), um vernünftig zu sein. Das „radikal Böse“, das Kant für unser praktisches Handeln durchaus anerkannte und das dem alten Erbsündebegriff entspricht, bezog er nicht auf das Denken. Die Theorie ist unschuldig oder, wie es der Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller ausgedrückt hat: „In dubio pro theoria“.

Das ist natürlich eine Illusion, und wir hätten durch die Katastrophen des Faschismus und des Kommunismus eines Besseren belehrt sein können. Martin Heidegger hat sich z. B. den Nazis unterwürfig angedient und wäre gerne der Vorzeigephilosoph des Dritten Reiches geworden, wenn man ihn nur gelassen hätte. Ernst Bloch war zwar einige Zeit der Vorzeigephilosoph der DDR, aber nachdem sie ihn aus dem Arbeiterparadies vertrieben hatten, hielt er auch noch im Westen an seinen alten Illusionen fest und sang bis zum Schluss Loblieder auf Stalin. Beide Philosophen haben ihre Verirrungen nie bereut. Es gibt aber hier keine Gründe, hämisch zu sein. Menschen sind verführbar, aber bemerkenswert ist, dass wir bei Intellektuellen nicht damit rechnen – und das gilt insbesondere auch für Naturwissenschaftler.

Ohne Zweifel gibt es viele von ihnen, die sich von Ideologien frei halten und die nach bestem Wissen und Gewissen ihre Pflicht tun, nämlich zu forschen und die Wahrheit über bestimmte Sachverhalte herauszubringen. Manchmal aber wird der Wissenschaftler ideologisch. Das ist heute besonders auffallend in den Neurowissenschaften. Dort gibt es nicht wenige, wie z. B. Wolf Singer oder Gerhard Roth, die gehen weit über den wissenschaftlichen Tatbestand hinaus und vertreten grob materialistische Positionen, von denen sie glauben, sie seien eine direkte Konsequenz ihrer experimentellen Arbeit. Das Phänomen ist auch sonst auffällig bei gewissen Physikern und Biologen. Danach muss derjenige, der die Naturwissenschaft ernst nimmt, ein weltanschaulicher Materialist sein, und die Religion hat ausgedient.

Der Theologe Karl Rahner sprach hier von „gnoseologischer Konkupiszenz“. Der Begriff der „Konkupiszenz“ wird zunächst einmal auf das praktische Handeln bezogen, dann nämlich, wenn die Triebe die Vernunft außer Kraft setzen. Nach Karl Rahner, der die aufgeklärte Illusion einer Unschuld der Vernunft ablehnt, gibt es aber auch eine Art von „theoretischer Konkupiszenz“, die er direkt auf das monistische Einheitsbestreben mancher Naturwissenschaftler bezieht, die nicht damit zufrieden sind, bestimmte Naturgesetze herauszubringen, sondern ganze Weltanschauungen erdichten, wonach es in Wahrheit nur Materie gibt und nichts als Materie und wonach das Geistige lediglich ein Sekundärphänomen materieller Prozesse sein soll. In vielen Intellektuellenkreisen gilt dieser materialistische Monismus inzwischen als Normposition. Man ist „aufgeklärt“, man akzeptiert die Naturwissenschaften, und man ist selbstverständlich Materialist.

Schaut man genauer hin, dann zeigt sich allerdings, dass die Naturwissenschaften keine derartige Weltanschauung festlegen. Das wird schon dadurch deutlich, dass Naturwissenschaftler alles Mögliche sein können: Christen, Pantheisten, Buddhisten, Agnostiker, Atheisten usw. Von sich aus sind die Naturwissenschaften weltanschaulich neutral. Sie verwandeln sich nur dann in eine materialistische Instanz, wenn man unter der Hand Zusatzprämissen einführt, die gar nichts mit der Naturwissenschaft zu tun haben. Im Letzten sind es drei Prinzipien, die den Materialismus festlegen und sie betreffen: 1. die Basis, 2. die Statik und 3. die Dynamik der Welt. Es wird sich aber zeigen, dass alle drei Prinzipien zwar gültig sein müssen, wenn der Materialismus wahr sein soll, dass sie aber keine Konsequenz der Naturwissenschaften sind, sondern Dogmen, an die die Materialisten inbrünstiger glauben als so mancher Religiöse an Jesus Christus. (Man wundert sich schon, dass jemand inbrünstig an die Nichtexistenz von etwas glauben kann.)

Die drei Dogmen des Materialismus

1. Als Basis der bunten Erscheinungen dieser Welt setzt der Materialist selbstverständlich die Materie als den letzten tragenden Grund aller Dinge. Das hört sich plausibler an, als es ist, denn jedes Mal, wenn die Physiker behauptet hatten, sie seien auf den letzten Grund aller Dinge gestoßen, kam ein anderer, der sie eines Besseren belehrte. Man sollte sich daran erinnern, dass das griechische Wort „Atom“ das „Unzerschneidbare“, also Unteilbare, bedeutet. Die Vorstellung war die eines letzten Fundaments in den Tiefen der Materie. Aber die vorgeblichen Atome haben sich als teilbar herausgestellt, und es spricht nichts dafür, dass der Forschungsprozess jemals an ein Ende gelangen wird. Die Physik ist einfach nicht dafür gemacht, eine Letztbegründung zu liefern. Das liegt an ihrem hypothetischen Charakter. Physikalische Aussagen sind Wenn-dann-Aussagen. Wenn die und die Voraussetzungen gegeben sind, dann folgt das und das. Aber wer erklärt uns die Voraussetzungen? Man kann zwar die Fundamente tiefer legen, und genau das ist es, was wir unter „Fortschritt“ verstehen, aber wenn wir z. B. die Prinzipien der Newton‘schen Physik aus den Einstein‘schen Gleichungen ableiten, dann müssen wir wieder Voraussetzungen machen, die wir nicht erklärt haben usw. Wir kommen daher nie auf ein Letztes, und deshalb gibt es auch keinen eindeutigen Materiebegriff in der Physik als den letzten tragenden Grund aller Dinge. Es wird oft so getan, als sei der physikalische Massebegriff mit dem der Materie identisch, aber das ist sicher falsch, denn wenn Masse = Materie wäre, dann müssten Kräfte, Wellen, Felder oder die Energie etwas Geistiges sein, da sie ja dann nicht mehr zur Materie gezählt werden könnten. In Wahrheit ist es so, dass alles, was die Physiker beschreiben, zur Materie gehört. Es sind Eigenschaften eines Zugrundeliegenden, das uns nie direkt in dem Blick kommt. Deshalb hielt auch Kant das „Ding an sich“ für unerkennbar. Für die Physik hat er durchaus Recht.

Aber damit scheinen wir in eine Ausweglosigkeit zu geraten: Wenn die Physiker keinen Begriff von „Materie“ haben, woher wissen wir dann, worum es sich dabei handelt, und warum können wir uns so zwanglos darüber verständigen? Der Grund scheint dieser: Materie ist kein theoretischer Begriff, sondern ein praktischer. Immer wenn wir in die Welt eingreifen, spüren wir das Widerständige der Materie. Sie ist das, was unserem Gestaltungswillen Grenzen setzt. Unser Gestaltungswille ist aber etwas Geistiges. Es sind unsere Pläne, die wir konkret realisieren wollen. Aber wenn das so ist, dann muss der Materialismus allein aus diesem Grunde falsch sein, denn wir benötigen zur Definition von „Materie“ den Gegenbegriff des „Geistes“. Geist und Materie sind also Begriffe, die man nur im Doppelpack haben kann, wie Subjekt und Objekt, Sein und Sollen, Sein und Werden, Möglichkeit und Wirklichkeit usw. Niemand ist imstande, einen dieser Begriffe ohne Bezug auf den anderen zu definieren. Sie definieren sich wechselseitig.

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