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Materialdienst 5/2014
Stefanie Pfister, Matthias Roser

Zum Umgang mit weltanschaulichen Gruppierungen in religionspädagogischen Ausbildungsgängen

Im Dezember 2013 unternahm eine Gruppe von Lehramtsstudierenden für das Fach Evangelische Religionslehre der Technischen Universität Dortmund im Rahmen eines Seminars zur Wirkungsgeschichte der Apokalypse des Johannes eine Exkursion zur Christlichen Versammlung Lütgendortmund. Es handelt sich dabei um eine Gemeinde, die zwar außerhalb der Landeskirche und der klassischen Freikirchen steht, die sich selbst aber noch innerhalb des evangelikalen Spektrums des Protestantismus verortet.1 Ziel der Exkursion war es, mit den Gemeindegliedern in einen theologischen Dialog zu treten, doch es kam nicht zu einem wirklichen Dialog.

Der Gemeindeleiter vertrat in seinem Einleitungsvortrag vehement einen prämillenaristischen Dispensationalismus, den er durch eine Konversionshermeneutik2 begründete, die letztendlich nur den durch ein manifestes Bekehrungserlebnis geistlich Wiedergeborenen3 zugänglich sein kann. Bei den Studierenden erzeugten dieser Vortrag sowie einige Besonderheiten in der Gemeinde – z. B. die räumliche Trennung von Frauen und Männern, die handschriftlich ergänzten Studienbibeln, die Teilnahme einer Absolventin des christlich-zionistischen Bibelcenters Breckerfeld am Dialog – ein Gefühl von großer Fremdheit. Zudem irritierte die Studierenden ihre eigene Sprachlosigkeit im Dialog mit den Gemeindegliedern. Obwohl sie den prämillenaristischen Dispensationalismus als Wirkungsgeschichte insbesondere von Apk 20,6 im Seminar ausführlich erarbeitet hatten, entstand der Eindruck der eigenen theologischen Unsicherheit und Diskursunfähigkeit angesichts eines derart in sich geschlossenen fundamentalistischen Weltbilds.

Diese Unsicherheit und auch die Angst vor der Begegnung und Auseinandersetzung mit geschlossenen Weltbildern in der späteren schulischen Berufspraxis fanden in der Auswertung der Exkursion in der darauffolgenden Seminarsitzung breiten Niederschlag. Seit Längerem werden von den Lehramtsstudierenden Seminare erbeten, deren Zielsetzung der Erwerb von Orientierungs- und Beratungskompetenz im Hinblick auf verschiedene religiöse Orientierungen und Weltanschauungen ist, auch gerade hinsichtlich des christlichen Fundamentalismus. Es ist davon auszugehen, dass von den zukünftigen Religionslehrerinnen und -lehrern als „Experten in Sachen Theologie, Religion(en) und Weltanschauungen“ in diesem Bereich Orientierung und Hilfestellung bei der Urteilsbildung, aber auch spontane seelsorgerliche4 Beratung aus evangelischer Perspektive5 erwartet wird.

Der Fokus der nachfolgenden Ausführungen richtet sich von daher in den ersten beiden Abschnitten auf biblisch-theologische und systematisch-theologische Begründungsstrukturen einer praktisch-theologischen Beratungskompetenz im Hinblick auf die religiös-weltanschauliche Vielfalt, die als Signatur einer religionssoziologischen Gegenwartsdiagnose der Bundesrepublik Deutschland verstanden werden kann. Im Anschluss daran werden genuin religionspädagogische Begründungsstrukturen einer praktisch-theologischen Beratungskompetenz professionstheoretisch für den (zukünftigen) Lehrerberuf (der Studierenden) dargelegt. Abschließend werden in perspektivischer Zielsetzung mögliche Konsequenzen und Folgerungen für die Lehramtsausbildung von evangelischen Religionslehrern aufgezeigt und in der gebotenen Kürze die an der TU Dortmund bereits unternommenen ersten Schritte skizziert.

Neutestamentliche Impulse zur Bestimmung von Begriff und Gegenstand von Apologetik

1. Petr 3,15f kann als neutestamentlicher locus classicus biblisch begründeter, christlicher Apologetik angesehen werden.6 Begriff und Gegenstand von Apologetik sind gleichwohl gegenwärtig nicht unumstritten. Die Reflexion darüber ist Bestandteil des Meta-Diskurses der Identitätsbestimmung, aber auch der gegenseitigen Verhältnisbestimmung von evangelischer und sich explizit als evangelikal verstehender Theologie und Frömmigkeit.7

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Anmerkungen

1 Vgl. die Homepage der Gemeinde: www.cv-dortmund.de und insbesondere die dort als mp3-Dateien niedergelegten Vorträge. Die Christliche Versammlung Lütgendortmund gehört zur Brüderbewegung (Darbyisten) und ist eng mit weiteren Gemeinden im Ruhrgebiet und insbesondere auch mit dem Bibelmuseum Wuppertal vernetzt.
2 Zur Konversionshermeneutik vgl. Peter G. Stromberg, Language and self-transformation. A study of the Christian conversion narrative, Cambridge 1993.
3 Der Gemeindeleiter beschrieb sein Bekehrungserlebnis und die für ihn daraus resultierende geistliche Wiedergeburt in seinem Vortrag sehr detailliert. Die Gemeindemitglieder sekundierten mit eigenen Bekehrungserzählungen.
4  Die Implementierung praktisch-theologischer Seminare in die Lehramtsstudiengänge für Evangelische Religion wirft allerdings auch sofort die Frage nach möglichst parallel verlaufenden und die Seminare ergänzenden Möglichkeiten der Förderung „laientheologischer“ poimenischer Kompetenz auf.
5 Es ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Beratungsaufgaben und -kompetenzen kirchlicher Institutionen einerseits und entsprechender staatlicher Beratungsangebote andererseits staatskirchenrechtlich unterschiedlich begründet sind und von daher auch unterschiedliche Dimensionen der Information, Orientierung und Beratung abzudecken vermögen.
6 Vgl. z. B. Hansjürgen Verweyen, Gottes letztes Wort, Regensburg 2000, 37.
7 Vgl. zur Begründung und Darstellung explizit evangelikaler Apologetik: Kenneth D. Boa / Robert M. Bowman, Faith Has Its Reasons. Integrative Approaches to Defending the Christian Faith, Waynesboro 2005.

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