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Materialdienst 1/2004
Michael Nüchtern / Helmut Strack

Komplexität als Gestaltungsherausforderung

Thesen zur vierten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft

Thesen zur vierten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft*

* Kirche - Horizont und Lebensrahmen. Weltsichten, Lebensstile, Kirchenbindung. Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, hg. vom Kirchenamt der EKD 2003 (vgl. auch www.ekd.de/EKD-Texte/2064_kmu_4_ekd.html).

Unser Luther ist der Zweitbeste! Niemand hätte es vor ein paar Monaten gedacht, dass ein Kirchenmann so gut in der Publikumsgunst beim ZDF platziert wird. Beträchtlich dazu beigetragen hat der Hollywood Film "Luther", der gleichzeitig alle Besuchererwartungen übertraf. Internationale protestantische Öffentlichkeitsarbeit hat gute Arbeit geleistet. Klammheimlich stellt sich Stolz ein, weil man dazugehört, wenn im Abspann des Films zu lesen ist, dass Luther die Welt veränderte und 540 Millionen weltweit nach seiner Art Gottesdienst feiern. Dennoch muss sich Bewunderung für den Mann aus Wittenberg nicht unbedingt in der Sympathie für die Evangelische Kirche auswirken. Uwe Ochsenknecht zum Beispiel, der im Film den Papst Leo X spielt, bekennt, dass Luther "sensationell" sei (Süddeutsche Zeitung vom  27.10.2003). "Der hat sein Leben aufs Spiel gesetzt." Der Kirche traut der mit 15 Jahren Ausgetretene allerdings wenig zu, obwohl er religiös geblieben sei, "mehr mit dem Bauch als mit dem Kopf".  - Genaueres zum zwiespältigen Verhältnis der deutschen Protestanten zwischen alter und neuer Religiosität und Irreligiosität verrät die neueste Erhebung über die Kirchenmitgliedschaft, die die EKD jetzt zum vierten Mal seit den 1970er Jahren in Auftrag gab. 

1. Gleiches Bild …

1.1. Das Erfreuliche gleich am Anfang: Die Situation der Kirche ist stabil. Sie stellt für die Gesellschaft insgesamt wie für die Einzelnen einen unverzichtbaren Lebenshorizont und Lebensrahmen dar. Gesellschaftlicher Zusammenhalt, geistige Grundlagen der Gesellschaft, Weltorientierung, Handlungsanleitung, Schicksalsbewältigung, Beheimatung - dafür steht Kirche und genießt Anerkennung!

Die Kirche erfüllt "nach wie vor eine Rahmenfunktion sowohl für die Gesellschaft als auch für die Biografien der Kirchenmitglieder". Zugebilligt und zugewiesen werden ihr "die Verantwortung … für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für die geistigen Grundlagen der Gesellschaft als ganzer, für den Vorrang des Gemeinschaftsinteresses gegenüber Partikularinteressen" (7). Den Einzelnen gibt sie einen "Lebensrahmen für Weltorientierung, Handlungsanleitung und Schicksalsbewältigung, eine Verankerung im Kirchenjahr und in den Amtshandlungen, Beheimatung im weitesten Sinn" (ebd.).

1.2. Das Erfreuliche ist zugleich erstaunlich: Die Ergebnisse von 2003 sind denen der ersten Kirchenmitgliedschaftsstudie (Wie stabil ist die Kirche? 1974) ähnlich, sodass die dreißig Jahre alte Frage im schönen Sinne mit "Ja!" beantwortbar scheint.

2. ... verschärfte Lage

2.1. Aber: Die Situation der Kirche ist gleichwohl prekär. Die Rahmenfunktionen der Kirche sind geringer geworden, Erwartungen haben sich abgeschwächt. Die Motive für Kirchenmitgliedschaft sind vielfältig und komplex, die Bereitschaft zum Engagement ist gering.

Evangelisch sein wird in erster Linie auf die formelle Zugehörigkeit bezogen, nicht aber vorrangig auf die Beteiligung am kirchlichen Leben. So kommen ca. zwei Drittel der Kirchenmitglieder mit ihrer Kirche das Jahr über so gut wie nie in Berührung. Man "braucht den aktuellen Kontakt zur Kirche nicht, er ist für den eigenen Glauben ohne Relevanz, kann auch ohne Kirche gläubig sein" (23) - so lautet die Einstellung vieler.

Christsein wird vor allem unter ethischen Gesichtspunkten gesehen: es soll sich im Alltag bewähren; dabei geht es um selbst verantwortete Gewissensbindung und Anständigkeit, um gegenseitigen Respekt auch bei andersartigen Überzeugungen - das alles in Distanz gegenüber Ansprüchen der Institution Kirche.

Nicht das (ehrenamtliche) Engagement, sondern die kultische Begleitung an den Wendepunkten des Lebens rangiert an vorderster Stelle bei den Gründen für die Kirchenmitgliedschaft, was sich durchaus mit der Bejahung des christlichen Glaubens und der christlichen Lehre verbindet. So entspricht die Hochschätzung und Inanspruchnahme der Kasualien in keiner Weise der Beteiligung am alltäglichen kirchlichen Leben.

2.2. Ein wichtiges Indiz für die Gestaltung der Kirchenmitgliedschaft ist die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst. So hat sich in den letzten zehn Jahren der Anteil der regelmäßigen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher verringert und der Anteil derer, die nie zum Gottesdienst gehen, von 9 % auf 15 % erhöht.

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