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Materialdienst 1/2004
Esoterik

Autistische Kinder mit medialen Fähigkeiten? Nach den "Indigos" hat die Esoterik-Szene jetzt die "Kristall-Kinder" entdeckt

(Letzter Bericht MD 12/2002, 355ff; 2/2003, 71f) Nach Meinung einzelner Vertreter der Esoterik-Szene sollen jetzt vermehrt Kinder geboren werden, die wiederum ganz anders als die Kinder mit der indigofarbenen Aura und dem für sie charakteristischen "Energiemuster" sein sollen. So schildert die promovierte Psychologin und Esoterik-Autorin Doreen Virtue (USA) detailliert die Eigenschaften dieser neuen "Lichtarbeiter-Generation", die jetzt im Alter zwischen 0 und sieben Jahre sein soll.1 Fälschlicherweise würden sie von fachärztlicher Seite als Kinder "mit 'anomalen' Sprachmustern" bzw. als "Autisten" abgestempelt. Die Kristall-Kinder sollen große, durchdringende Augen haben und besonders "wissend" sein. Zudem würden sie eine "verzögerte Sprachentwicklung" aufweisen. Wie die Indigo-Kinder, denen die herkömmliche Medizin bzw. Psychologie das falsche Etikett, das sog. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung), anheftet, sollen auch sie "hochgradig sensitiv sowie medial veranlagt" sein und ebenfalls "bedeutsame Lebensaufgaben" vor sich haben. In ihrem Wesen  würden sich beide Typen jedoch grundlegend unterscheiden. So soll die Indigo-Generation, die sich jetzt im Alter zwischen 7 bis 25 Jahre befindet, ein eher kriegerisches Naturell aufweisen: "... ihr kollektives Ziel besteht im 'Niederstampfen' jener alten Systeme und Lehrgebäude, die uns nicht länger dienlich sind. Sie sind also hier, um sämtliche Systeme im Regierungs-, Bildungs- und Rechtswesen, denen es an Integrität mangelt, zu zerstören. Zur Erreichung dieses Zieles benötigen sie ein 'leicht erregbares' Temperament und feurige Entschlossenheit." - Die Farbe Indigo bezieht sich nach esoterischer Vorstellung auf die Farbe des Stirnchakras ("Drittes Auge"). Dabei soll es sich um ein Energiezentrum handeln, das im Kopfinnern zwischen den Augenbrauen angesiedelt ist und "das Hellsehen bzw. die Fähigkeit, Energie, Visionen und Geister wahrzunehmen, reguliert". - Im Unterschied dazu zeichnen sich die Kristall-Kinder durch "ein rundum glückliches, gelassenes und ausgeglichenes Naturell" aus. Nach Auffassung der Esoterikerin Virtue sind sie "unbeschwert-leichtlebig" und nachsichtig. Zur Verhältnisbestimmung beider esoterischer Kindergenerationen heißt es: "Die Kristall-Kinder bilden jene Generation, die aus der bahnbrechenden Pionierarbeit der Indigos Nutzen zieht. Die Indigo-Kinder gehen sozusagen mit dem Buschmesser voran und machen alles nieder, dem es an Integrität fehlt. Die Kristall-Kinder folgen ihnen nach - auf dem geräumten Pfad, der in eine ungefährlichere, heilere und sicherere Welt führt."
 
Die neue Generation der Kristall-Kinder soll "hochtelepathisch" sein. Ihre Repräsentanten hätten "wunderbar mehrfarbige, opalisierend schillernde Auren in pastelligen Schattierungen" und seien von Kristallen und Steinen fasziniert. Der in der Esoterik-Szene häufig anzutreffende Fortschrittsoptimismus spiegelt sich deutlich in der Aussage wider: "Genau wie sich die Menschheit aus ihrer ursprünglichen Affenähnlichkeit höher entwickelt hat, so stellen die Kristall-Kinder einen greifbaren und handfesten Beweis dar, dass wir tatsächlich evolutionäre Fortschritte machen." Die Seelen dieser hochsensitiven Kinder würden sich jeweils ein Elternhaus aussuchen, "das ihnen ein geistig unterstützendes und bereicherndes Milieu" zu bieten vermag.
 
Mittlerweile finden sich auch auf deutschsprachigen Internetseiten der Esoterik-Szene Hinweise auf die Kristall-Kinder.2 Auf der Homepage des Bochumer Esoterikzentrums "Lichtkrone" wird in Channeling-Botschaften über derzeit sich vollziehende "Energieverschiebungen" Auskunft gegeben, die die Menschheit angeblich auf die kristallene Schwingung vorbereiten soll (
http://lichtkrone.de/Lichtinfos/die%20gruppe%202002/oktober2002.htm; 22.11.2003). Angeblich wollten die Kristall-Kinder keine Angst verbreiten, aber "wenn diese Angst reflektiert wird, kann sie sich nachteilig auf die ganze Menschheit auswirken, denn sie bringt das Schlechteste in Menschen hervor." Weiter heißt es: "Daher werden die ersten Kristall-Kinder sich oft verbergen und Schutz in Verstecken suchen. Sie begnügen sich mit niedrigen Positionen und werden ihre Fähigkeiten kaum zeigen. Auf den ersten Blick erscheinen sie daher mild und sanft. Missinterpretiert dies aber nicht in der Richtung, dass sie schwach seien." Eltern würden diese Kristall-Kinder infolge ihrer "Hypersensitivität" und Verletzbarkeit auf der Erde oft falsch "empfangen": "Momentan gibt es etwas, was Ihr Autismus nennt. Dies sind in Wahrheit Kristall-Kinder, die in andere Dimensionen getrieben wurden und nicht zurückkehren können." Auch auf www.lightworkers.de ist in einer Channeling-Botschaft davon die Rede, dass diese magischen Kinder äußerst mächtig, aber höchst verletzlich seien. Denen, die die wahre Bedeutung dieser Kristall-Kinder anerkennen, wird verheißen: "Wegen der großartigen Arbeit, die die Indigokinder nun leisten und der Änderungen, die Ihr vornehmt, um ihnen entgegenzukommen, haben die Kristallkinder eine Gelegenheit, Eurem Geist zu erlauben, sich in dieser höheren energetischen Struktur gut zu entwickeln. Für diejenigen von Euch, die sich dafür entscheiden: Ihr könnt Euer Energieniveau so anheben, dass es dem der Kristallkinder entspricht, und zwar durch den Prozess des In Licht Tauchens. Die Zeiten, die direkt vor Euch liegen, werden mit Staunen erfüllt sein, während die Kinder der neuen Erde ihre Realität ergreifen. Ihnen und Euch mutigen Lichtarbeitern, die das ermöglichen, sagen wir: Willkommen zuhause" (www.lightworkers.de/artikel/kristallkind.html; 23.11.2003).

Zum Hintergrund: Die Vorstellung der Kristall-Kinder geht maßgeblich auf Aussagen der Wesenheit Kryon bzw. des US-amerikanischen Channel-Mediums Lee Carroll zurück. Demzufolge vollziehe sich bis zum Jahr 2012 eine "Verschiebung des Magnetischen" auf der Erde. Um die menschliche DNS herum befinde sich eine "kristalline Schicht", die im Begriff sei, neu geschrieben zu werden. Anlässlich des "Kryon-Channeling" am 10. Oktober 2003 in Hamburg verbreitete Lee Carroll die Botschaft: Wenn der Mensch bereit sei, sich seine eigene Göttlichkeit zu eigen zu machen, würde sich ein wichtiger Wechsel vollziehen: Es könnten sich "Wissen und Weisheit auf der Erde entwickeln... Die Kinder, die Ihr die Indigokinder nennt ... und die Kristallkinder ... sie werden zu den Katalysatoren werden, die tatsächlich Regierungen in Bewegung bringen können" (www.kryon-online.de/101003.pdf; 23.11.2003).

Kritische Einschätzung: Die esoterische Zukunftshoffnung sucht sich stets neue Themen und illustriert sie mit immer neuen Farben. Mit der Vorstellung von Kristall-Kindern verbindet sich die Erwartung eines "ablesbaren" spirituellen Evolutionssprungs der Menschheit. Aber das ist nur ein Aspekt des Phänomens. Wichtiger noch ist meines Erachtens, dass die Esoterik nun, nachdem Themen wie Gesundheit und Ernährung sich zu erschöpfen drohen, auch die Pädagogik für sich entdeckt. Die Zielgruppe entsprechender Angebote sind dabei nicht etwa die Kinder, sondern vielmehr die esoterisch interessierten Erwachsenen bzw. Eltern, die sich von solchen spirituellen Uminterpretationen fachärztlich diagnostizierter Krankheitsbilder neue Impulse für die Erziehung ihrer verhaltensauffälligen Kinder erhoffen. Das jüngste Beispiel der Kristall-Kinder zeigt zum wiederholten Male, dass die Esoterik-Szene damit gesellschaftliche sowie persönliche Bedürfnislagen von Eltern und Erziehern aufspürt und mit entsprechender Ratgeber-Literatur "bearbeitet". Offensichtlich haben Esoterik-Autoren hier ein spezielles Sensorium entwickelt, das sich bei näherem Hinsehen weniger als übersinnlich denn als besonders merkantil erweist. Die US-Amerikanerin Doreen Virtue hatte 2003 bereits ein entsprechendes Buch vorgelegt: The Crystal Children - A Guide to the Newest Generation of Psychic and Sensitive Children. Und - wen wundert's: Für kommendes Frühjahr hat der für esoterische Literatur bekannte Koha-Verlag bereits eine deutsche Übersetzung geplant.

1 Doreen Virtue, Indigo- und Kristallkinder, in: Lichtfokus. Die Zeitschrift für Lichtarbeiter Nr. 3/Herbst 2003, 46-49. - Die nachfolgenden Zitate beziehen sich, falls nicht anders vermerkt, auf diesen Artikel.
2 Hinweise zu den Kristall-Kindern finden sich im Internet auf den englischsprachigen Seiten:
www.TheCrystalChildren.com
www.childrenofthenewearth.com
www.crystalchildren.com
 
Matthias Pöhlmann

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